Paul Gilbert: Behold Electric Guitar
Label: Mascot Label Group / Music Theories Recordings
Erscheinungsdatum: 17.05.2019
Produktion: John Cuniberti
Albumlänge: 58.36 min
Genre: Art Rock
Wertung: 9.5 / 10
Paul Gilbert ist Mitte Mai dieses Jahres mit seinem 15. Solo-Studioalbum zurückgekehrt. Betitelt als »Behold Electric Guitar«! Der unerschöpfliche Gitarrist ist zweifellos einer der glänzendsten, sagen wir ruhig strahlendsten Gitarren-Virtuosen seiner Generation und überhaupt einer der fleißigsten und engagiertesten Musikschaffenden. Scharfsinnig, ständig voller kreativer Geistesblitze und üppiger schöpferischer Einfallskraft – daraus erwächst seine große Charismatik im Gitarrenspiel, also das Wunderwerk seiner enormen Fingerfertigkeit in der Beherrschung der Sechssaiten-Theorie. Nicht nur auf diesem Planeten, wahrscheinlich in der ganzen Galaxis.
In letzter Zeit merkt man, dass Paul sich ein bisschen »beruhigt«. Nicht im wörtlichen Sinne. Es ist schwer zu sagen, dass sich Gilbert überhaupt irgendwie beruhigen kann. Er erkundet neue Horizonte, und so hat er nach und nach, über eine immer stärkere Annäherung an den Blues, seine neue Liebe gefunden. Jazz. Keine Sorge, »Behold Electric Guitar« ist Paul Gilbert, kein Jazz. Eigentlich lässt sich sein Vorgänger »I Can Destroy«, angesichts dessen, was sein Nachfolger mitbringt, noch leichter als das Werk bezeichnen, mit dem Paul Gilbert eine Ära seiner Karriere als eigenständiger Gitarrenkünstler abgeschlossen hat – denn mit »Behold Electric Guitar« eröffnet er völlig neue Kapitel in seinem künstlerischen Wachstum.
Was bei Gilbert fasziniert, ist seine Kompositionsweise. Die Herangehensweise an den Prozess des Schreibens eines Stücks. Zunächst schreibt er nämlich Lyrik und leitet daraus eine Gesangsmelodie ab, die dann für das Gitarrenspiel arrangiert wird. Kitara nadomešča v celoti funkcijo vokala. Kein Wunder also, dass eine Kompilation von Arrangements der Lieblingsinterpreten Gilberts in strikt instrumentaler Fassung erschien – »Stone Pushing Uphill Man« (2014) –, kein Wunder auch, dass bei seinen Konzerten mindestens ein Drittel der gespielten Stücke Arrangements sind. Schon damals betonte Gilbert, dass es seine größte Herausforderung sei, alle Emotionen, die die Vocals von Mike Reno (Loverboy), Paul McCartney, Elton John, Sting…. so authentisch wie möglich in die Ausdruckssprache seines Gitarrenspiels auf dem besagten Coveralbum zu übertragen.
Gilbert bleibt auch auf dem neuen Album ein Garant für großen Eklektizismus. Für dieses Album hat er sich mit John Cuniberti zusammengetan, der vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Joe Satriani bekannt ist. Nicht weil Gilbert zufällig ein Fan von Satrianis Werk wäre, sondern weil er im Zusammenhang mit Cuniberti irgendwo von der Ein-Mikrofon-Aufnahmetechnik gelesen hatte, die Cuniberti praktiziert – denn diese Methode ermöglicht die möglichst authentische Übertragung dessen, was im Studio eingespielt wird, als Tonaufzeichnung bis an die Ohren des Empfängers (des Hörers). Als Gilbert von Los Angeles nach Portland zog, wo auch Cuniberti ansässig ist, lernte er dort eine Reihe herausragender lokaler Musiker kennen. Alex Fulero und Bassist Roland Guerin traten in den Aufnahmeprozess des neuen Albums ein, während sich drei Schlagzeuger die Schlagzeugpartien teilten. Gilbert war begeistert von Cunibertis Praxis, und die Band stellte sich nach dem Prinzip eines Live-Auftritts vor ein (Stereo-)Mikrofon, um alle Kompositionen im ersten Anlauf einzuspielen und aufzunehmen. Da Gilberts Gitarre dabei stets zu laut war, einigten sie sich am Ende darauf, dass jeder Instrumentalist sein eigenes Mikrofon nimmt und diese Art der Aufnahme eben mit mehreren Mikrofonen wiederholt wird.
»Behold Electric Guitar« ist natürlich Gilberts Werk, aber vielleicht mehr als je zuvor in seiner Karriere als Solointerpreter wirkt es im Sinne der Kohäsion wie ein Album, das eine Band aufgenommen hat. Darauf macht schon das verschmitzte Havin‘ It aufmerksam, gehüllt in die warme Umarmung des guten alten Hammond-Sounds, und ja. Vor allem dank des spielfreudigen Fulero lässt sich das Etikett »Jazz« schon ganz zu Beginn treffend beifügen. Gilbert bleibt ein großer Witzbold. Das verraten schon die Songtitel; interessant wäre es auch, die originalen Texte zu lesen, die Gilbert vor sich hin murmelt, bevor er sie auf den Gitarrentracks »herausschreit«. Der Blues-Shuffle in Blues For Rabbit (Blues für Johnny Hodges, der den Spitznamen »Hase« trägt) wirkt dank der starken auditiven Ausführungscharisma aller Instrumentalisten noch immer durch und durch »Gilbertesque« und auf eine ganz besondere Art. I Own A Building geht auf die Geschichte zurück, wie ein Besitzer eines riesigen Gebäudes den Mitgliedern von Mr. Big jeden Winkel seines Privatbesitzes zeigte; dazu gibt es eine Humoreske bzw. ein Narrations-Experiment, gekreuzt mit plötzlichen Ausbrüchen schnellen Funks in A Herd Of Turtles, wobei die Erzählstimme an den Trick von The Police im Song Be My Girl, Sally erinnert. In die »Burleske« Sir, You Need To Calm Down hat Gilbert eine Geschichte über ein verpasstes Boarding eingewoben. Every Snare Drum erzählt von Gilberts Besuch auf Hawaii, wo er feststellte, dass in allen Restaurants dieselbe Musik läuft – was ihn extrem zu nerven begann; es ist halt schwer auszuhalten, wenn jede Snare Drum in allem, was man hört, immer gleich klingt (hallt). In Love is the Saddest Thing begegnen wir alles andere als einem »Klagelied«, nämlich einem aufgedrehten Boogie-Rock-Stampede, während sich Gilbert im entspannten I Love My Lawnmower dem Mähen seines kleinen Rasens in Portland widmet. A Snake Just Bit My Toe ist ein weiterer Glanzpunkt, bei dem sich Gilbert als Blueser versucht hat (auf seine ganz eigene Art natürlich). Things Can Walk To You ist das verspielte finale Sahnehäubchen des Albums aus exzellenter Blues- und Jazz-Fusion – natürlich mit echtem Rock-Griff. Ein echter theatralischer Abschluss des Albums.
Interessant ist auch der Einsatz des Slide-Fingerpicks. Dieser hängt an einem Magneten, der in den Körper von Gilberts Gitarre eingebaut ist. Gilbert steckt ihn gleich auf den Mittelfinger, und es ist äußerst interessant, wie geschickt er zwischen dem „normalen“ Spielen und dem Slide-Spiel wechselt (Things Can Walk To You, I Owe A Building).
Im Fall des Albums „Behold Electric Guitar“ lässt sich feststellen, dass es Gilberts bis dato definiertestes und ausgereiftestes Werk in dem Sinne ist, dass alles daran so klingt, als stünde dahinter eine Band und kein Solointerpreter. Die Integration von Fulero ist sehr wichtig. Er ist ein so durchdringender Keyboarder, dass Gilbert ihn mehrfach zu Improvisationen loslässt, und im Verlauf der sich entwickelnden Strukturen in den Stücken ist es nicht schwer herauszuhören, dass es gerade Fuleros Spiel (seine Einlagen) ist, das Gilbert immer wieder antreibt, wenn dieser in Situationen gedrängt wird, die der scharfsinnige, feurige und inspirierte Keyboarder mit einfallsreichen Zügen pflastert – etwas, das Gilbert so noch nicht erlebt hatte. Und die Chemie ist außergewöhnlich. Die Chemie des Quartetts. Die Fusion ist nicht weniger außergewöhnlich. Ein Fusionsniveau, das in einer völlig ungewöhnlichen musikalischen Extravaganz und einem von Eklektizismus erfüllten Abenteuer gipfelt. Nein. Gilbert geht die Improvisationen mehrfach etwas zahmer an, überlegter, als man hätte erwarten können. Aber er begeistert durchaus auch mit seinem unverkennbaren ultrasonischen Wahnsinn des Saitenhüpfens zwischen Arpeggios und all den Tricks des extremen Gitarren-Showtheaters, das wir von ihm gewohnt sind. Aber wie gesagt: »Behold Electric Guitar« ist ein hervorragender Schritt in Richtung neuer Dimensionen, und es wäre nicht überraschend, wenn Gilbert in solchen fusionistischen Abenteuern gleichzeitig zu einem außerordentlich feinfühligen Arrangeur heranreift.
Behold Electric Guitar ist zugleich ein unglaublich musikalisches und ansteckendes Werk, ein Werk der Rock-Fusion, und wenn man dazu noch das ganze Unikat Gilbert hinzufügt, sagt man »Art-Rock-Fusion«. Eine brillante Verbindung aus klassischem Rock (The Beatles bleiben die kompositorische Plattform), Jazz und Blues, die natürlich nur ein Genie vom Typ Paul Gilbert erschaffen kann. Das richtige Maß von allem. Unprätentiös und hervorragend ausgewogen. Reif! In dieser Ausrichtung wird Gilbert offensichtlich auch in Zukunft reifen, und das ist – neben dem sonstigen Renommee seiner technischen Perfektion und makellosen Ausführung – eine Dimension, in der sich der Musiker, sich selbst herausfordernd, freiheitsliebend entwickelt und vorwärtsstrebt!
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Havin‘ It
2. I Own A Building
3. Everywhere That Mary Went
4. Love Is The Saddest Thing
5. Sir You Need To Calm Down
6. Let That Battery Die
7. Blues For Rabbit
8. Every Snare Drum
9. A Snake Just Bit My Toe
10. I Love My Lawnmower
11. A Herd Of Turtles
12. Things Can Walk To You
Besetzung:
Paul Gilbert – Gitarre
Roland Guerin – Bassgitarre
Asher Fulero – Keyboards
Brian Foxworth – Schlagzeug
Bill Ray – Schlagzeug
Reinhard Melz – Schlagzeug
