Palace: Rock And Roll Radio
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 4. 12. 2020
Produktion: Michael Palace
Albumlänge: 47.25 min
Genre: AOR/Melodic Rock
Bewertung: 9.5/10
Hinter dem Namen Palace steckt der schwedische Komponist, Produzent, Vokalist und Multi-Instrumentalist Michael Palace. Dieser Michael ist wieder einmal ein monströser Zauberer, wenn es um Studioarbeit und die Zusammenarbeit mit Künstlern geht, die auf externe Partner beim Songwriting angewiesen sind. Michael Palace ist ein Mensch, der ganz einfach ein angeborenes Gespür dafür hat, eine Komposition mit einem knackigen Verhältnis von Strophe und Refrain so aufzubauen, dass sie sofort zupackt und wirkt. Wir reden hier vom Genre des melodischen Rock- und AOR-Revivalismus.
Michael Palace machte erstmals ernsthaft auf seine Talente aufmerksam, als er beim Projekt First Signal mitwirkte, in das auch Harem Scarem-Sänger Harry Hess eingebunden war. Seinen Ruf festigte er weiter im Projekt Cry of Dawn zusammen mit dem schwedischen Sänger Goran Edman sowie im Projekt Kryptonite, wo er seine kreativen Kräfte mit The Poodles-Sänger Jakob Samuel und Pride of Lions-Sänger Toby Hitchcock bündelte. Im Laufe seiner Karriere stellte Michael Palace unter anderem seine Aufnahme-, Kompositions- und Produktionsleistungen für Künstler wie Adrenaline Rush, Houston, Big Time, Gutterdämerung, Find Me und Miljenko Matijevic zur Verfügung. Das A&R-Personal des Labels Frontiers Music Srl. beobachtete das alles aufmerksam und schloss schließlich einen Vertrag mit dem Musiker. Als Palace hat Michael Palace bislang bereits zwei Studioalben veröffentlicht: »Master Of The Universe« und »Binary Music«.
Michael Palace ist ein musikalisch außergewöhnliches One-Man-Band-Talent. Es ist schlicht unglaublich, wie geschickt er seine musikalischen Ideen zu fertigen Kompositionen verpackt und dabei so raffiniert Material aus den Zeiten des AOR-Pioniergeistes der Achtziger — und sogar vom Ende der Siebziger — „ausleiht“. Die Produktion des Albums ist erneut brillant. Obwohl wir uns im Jahr 2021 befinden, sind die Kontraste zwischen den Bausteinen des Klangbilds stark betont und intensiviert, ganz im Stil der Achtziger. Der Einfluss des West-Coast-AOR-Prinzips (amerikanisch) ist stark, insbesondere das Songwriting-Prinzip, dem der legendäre Jim Peterik folgt. Ihr ahnt es schon: Die nächste Verwandtschaft haben diese Momente mit Survivor, gelegentlich tauchen auch Assoziationen zu Foreigner oder Toto auf (in ihren größten AOR-Momenten der Achtziger, etwa der Song »When It’s Over«) oder zu Rick Springfield (etwa das ausgezeichnete Abschluss-Stück »Fight«). Neuere Künstler wie Newman, Houston, Work of Art sind ebenfalls ein guter Anhaltspunkt dafür, wo hier der Hase im Pfeffer liegt.
Tatsächlich ist die Single „Way Up Here“ noch der uninteressanteste Track des Albums. Es stellt sich sogar heraus, dass ihre Wahl als erste Single des Albums gar nicht die beste war. Das brillant eingängige „Hot Steel“ hätte sich in dieser Hinsicht deutlich besser geschlagen. Zum Glück korrigierten später die Singles „Castaway“ und „Cold Ones“ den Ersteindruck.
Michael Palace ist ein Perfektionist. Er besitzt ein außergewöhnliches Gespür für musikalische Entwicklungen und ist gleichzeitig unglaublich gerissen darin, packende Atmosphären bis zum ausgeprägten Pomp-and-Drama-Theater zu steigern. Und tatsächlich hat er alles selbst erledigt. An Drum-Computer-Einsatz war freilich nicht vorbeizukommen, aber das spielt keine Rolle. Sein Gesang ist das Entscheidende. Er ist ein echter Magnet und wie geschaffen für das Genre, das Michael souverän beherrscht. Alle anderen Elemente, die den Gesang einrahmen und die instrumentale Klanglandschaft aufbauen, sind in brillantem Gleichgewicht angeordnet. Markantes Gitarrenspiel, umgeben von Synthesizer-Schichten mit dem rauschend-brodelnden (im positiven Sinne) Klangcharakter der Achtziger, im ständig geschmackvollen Kontrast zum rhythmischen Federspiel. Da ist die Ausschmückung des Leadgesangs an den richtigen Stellen und im richtigen Moment mit zusätzlichen Vokalharmonien. Ausgearbeitete Gitarrensolos fehlen ebenso wenig, und ein solches Album macht schlicht Spaß beim Hören, weil es trotz seiner genretypischen, schablonenhaften Vorhersehbarkeit eine Menge Details mitbringt, die Michael Palace beim Arrangieren der Songs clever eingestreut hat. Vom Saxofonsolo in »Cold Ones« bis hin dazu, dass er etwa im eröffnenden Titeltrack »Rock And Roll Radio« die Snare mit einem zusätzlichen Cowbell-Beat unterlegt hat — was bei der hohen musikalischen Eindringlichkeit sofort den Fokus des Hörers zieht. Eine hochvibrierende Eröffnung mit jenem triumphalen Schwung, der den Radiorock der Achtziger definiert. Wie etwa der gute alte Stan Bush. Zwölf Tracks sind viel, aber Michael hat alles unglaublich geschickt verpackt und zwischen den Songs eine willkommene inhaltliche und kompositorische Abwechslung entwickelt. Eine Ballade fehlt auch nicht — »Eleonora« — und das Album kann auch düstere Töne anschlagen, wie der Song »My Gray Cloud« belegt. Also: Wissen, Talent, Erfahrung. Unglaublich. Neue Studioalben in kurzen Abständen, bei gleichzeitiger ständiger Einbindung in andere Musikprojekte.
Ich mach’s kurz. Das Album »Rock And Roll Radio« ist ein hervorragender jüngerer Bruder der beiden Vorgänger »Master Of The Universe« und »Binary Music«. Enorm kompakt, durchgehend ansteckend eingängig, mit einer Menge ultra-packender Refrainmelodien, die dich von Anfang bis Ende in einem aufgewühlt-aufgedrehten Zustand halten. Vorausgesetzt, du bist ein glühender und eingefleischter Fan von AOR-Musik — denn hier liegt wirklich ein sehr gutes Album dieses Genres vor dir. Michael Palace hat mit dem neuen Album bestätigt, dass er in seiner musikalischen Domäne, die er mit solcher Meisterschaft regiert, schlicht seinesgleichen sucht. Er ist ein unglaublich ausgefeilter Musiker, der alles in einer Person ist. Deshalb bleibt nur noch das Fazit: Das Album »Rock And Roll Radio« wird jeden AOR-Fan und jeden Revivalist-Liebhaber schlicht verzaubern und ihn lange Zeit glücklich machen. Überflüssig zu sagen, dass dies ein Album ist, das wie geschaffen ist für lange nächtliche Autofahrten auf der Autobahn — von denen man sich wünscht, sie würden nie enden.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Rock And Roll Radio
2. Castaway
3. Way Up Here
4. Cold Ones
5. Eleonora
6. Hot Steel
7. My Gray Cloud
8. Origin Of Love
9. She’s So Original
10. Strictly By The Rules
11. When It’s Over
12. Fight
Besetzung:
Michael Palace – Gesang, alle Instrumente
Gastmusiker:
Oscar Bromvall – Gitarrensolo auf Track Nr. 6
Jordan Cox – Hintergrundgesang auf Track Nr. 2
