Nektar: Mission to Mars
Erscheinungsdatum: 30. 6. 2024
Label: Deko Entertainment
Produktion: Nektar
Albumlänge: 32.26 min
Genre: Progressive Rock / Space Rock
Bewertung: 8.0/10
Nektar, die unverwüstlichen Veteranen der Prog-Rock-Szene, die trotz des Tods ihres Schlüsselmitglieds,
des Gründungsgitarristen und -sängers Roye Albrighton, und trotz der Spaltung dieser Legendenband in
eine amerikanische und eine deutsche Fraktion einfach weitermachen, sind mit einem neuen Studioalbum
mit passendem Space-Rock-Titel zurück – „Mission to Mars“. Es ist nach „The Other Side“ (2020) das
zweite Album des amerikanischen Nektar-Ablegers, der als die ‚echte‘ Version dieser Legendenband gilt,
da sie nach Albrightons Tod von den Gründungsmitgliedern von Nektar aufgebaut wurde – Bassist/
Keyboarder Derek ‚Mo‘ Moore, Schlagzeuger Ron Howden und Bühnenbeleuchter Mick Brockett.
Howden ist leider seit dem 29. September 2023 nicht mehr unter uns – er hat sich ‚auf der anderen
Seite‘ Albrighton angeschlossen sowie dem seit 2021 ebenfalls viel zu früh verstorbenen Gründungs-
Keyboarder Allan ‚Taff‘ Freeman. Brockett, das nicht-musikalische Mitglied, lebt zum Glück noch,
gehört aber inzwischen nicht mehr zum amerikanischen Nektar-Ableger. Auch Bassist Randy Dembo ist
nicht mehr in der Band. Von den Gründungsmitgliedern von Nektar ist auf „Mission to Mars“ nur noch
Moore präsent, und genau das ist der Hauptgrund, warum der amerikanische Nektar-Ableger authentischer
wirkt als die deutsche Variante namens New Nektar unter der Führung von Keyboarder Klaus Henatsch.
Ryche Chlanda ersetzt Albrighton seit 2018, Kendall Scott ist eine Art moderner Ersatz für Freeman,
während Jay Dittamo kürzlich Howden am Schlagzeug abgelöst hat. Neu dabei ist auch Background-Sängerin
Maryann Castello, die zur ersten Musikerin in der Geschichte dieser Kultband geworden ist.
Einer der Hauptgründe, warum diese Version von Nektar schon beim ersten Hören authentischer klingt
und dem klassischen Nektar-Sound näher ist, liegt in der Ähnlichkeit von Chlandas Stimmfarbe mit
Albrighton. Alexander Hoffmeister, Sänger der deutschen New Nektar, kann da nicht mal ansatzweise
mit Chlanda mithalten. Auch sind die Mitglieder der amerikanischen Nektar, vor allem dank Moore,
etwas bessere Songwriter und Arrangeure, sodass es ihnen auch auf „Mission to Mars“, einem sehr
guten Nachfolger von „The Other Side“, gelingt, zumindest einen Hauch der Magie der klassischen
Nektar aus den Siebzigern einzufangen – auch wenn es, um ehrlich zu sein, nicht mal ansatzweise
an ihre größten Meisterwerke herankommt.
Der größte Kritikpunkt an „Mission to Mars“ ist, dass es mit Abstand das kürzeste Studioalbum in der
Nektar-Geschichte ist – nur 32 Minuten Musik, was heutzutage schlicht lächerlich ist. Zum Vergleich:
„The Other Side“ hatte noch doppelt so viele Minuten Laufzeit. Auch der Opener und gleichzeitige Titeltrack
klingt anfangs nicht sonderlich ambitioniert – statt eines komplexen Space-Rock-Abenteuers, wie es die
meisten Nektar-Fans erwarten würden, bekommt man einen etwas in die Länge gezogenen Hard Rocker mit
starkem Deep Purple-Stempel. Bluesige Gitarrenpassagen, Bar-Piano-Arrangements und ein schelmischer
mehrstimmiger Refrain sind nicht gerade das, was man normalerweise mit dem typischen Nektar-Sound
verbindet. Als Nummer einer modernen Deep Purple wäre das noch ganz unterhaltsam – die verspielte
Atmosphäre und die schelmischen Texte haben ihren Charme – aber der durchschnittliche Nektar-Fan
erwartet etwas mehr Abenteuer, Komplexität und Ätherisches. Die Dinge werden ab ungefähr der fünften
Minute interessanter und rücken näher an den klassischen Nektar-Space-Rock-Ansatz, wenn Scott an den
Keyboards beginnt, mit elektronischen Texturen zu experimentieren, und schließlich die mehrteiligen
Gitarren-Keyboard-Harmonien aufblühen.
Von hier an verbessert sich das Klangbild von „Mission to Mars“ rapide: Das großartige „Long Lost Sunday“,
auf dem Chlanda Albrightons Stimmfarbe so gut trifft, dass es stellenweise fast verblüffend ist, klingt
wie eine nahezu klassische Nektar-Nummer aus der ersten Hälfte der Siebziger. Chlanda ist nicht nur
ein hervorragender Sänger, sondern auch ein erstklassiger Gitarrist – das beweist er diesmal mit einem
ätherischen Gitarrensolo, das wohl auch Albrighton Beifall gezollt hätte, wäre er noch am Leben.
„One Day Hi One Day Lo“, definitiv der Höhepunkt von „Mission to Mars“, hält das hohe Qualitätsniveau
dieses Albums aufrecht, das trotz des schwachen Einstiegs von Minute zu Minute besser wird. Diesmal
dank eines epischen Refrains, der zu den besten in der gesamten Nektar-Geschichte zählt, während eine
melodramatische Atmosphäre das Ganze noch eine weitere Stufe nach oben hebt. Die Band verdient
an dieser Stelle, trotz aller anfänglichen Kritik, wirklich alle Glückwünsche und beweist, dass sie der
legendären Nektar-Erbschaft würdig ist.
Der Abschluss-Track „I’ll Let You In“ beginnt als melancholische Ballade, die – vor allem dank ätherischer
Mehrstimmigkeit, ‚weinender‘ Gitarrenpassagen und subtiler Orgelpassagen – wirklich an manche Momente
aus den ‚guten alten Zeiten‘ erinnert. Leider ist alles viel zu schnell vorbei, genau dann, wenn es am interessantesten wird.
Am Ende hätte mindestens noch ein episches Stück gut reingepasst – auch wenn niemand mehr etwas
erwartet, das an unvergessliche Meisterwerke wie „Desolation Valley“, „King of Twilight“, die Suite
„Remember the Future“ oder die Suite „Recycled“ herankommt.
Nach dem Hören von „Mission to Mars“ bleibt irgendwie ein bittersüßer Nachgeschmack – denn die Band
ist, abgesehen vom für ihre Verhältnisse etwas zu ‚kahlen‘ Hard-Rock-Einstieg, die ganze Zeit in Topform,
bis das kaum eine halbe Stunde lange Album vorbeigerauscht ist wie im Flug. Damit bleibt ein Gefühl der
Unvollständigkeit, als hätten sie es eilig gehabt, das Album – gerade nach Howdens Tod – so schnell wie
möglich, auf Biegen und Brechen, zu veröffentlichen, obwohl sie es mit weiteren Songs auf ähnlichem
Qualitätsniveau hätten aufwerten können. Das Endergebnis hätte das beste Nektar-Album seit den ‚goldenen‘
Siebzigern sein können – so ist es ’nur‘ eine sehr gute Fortsetzung des Vorgängers „The Other Side“,
der mit etwas über einer Stunde Laufzeit dem lächerlich kurzen „Mission to Mars“ als Vorbild dienen könnte.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. Mission to Mars (8:58)
2. Long Lost Sunday (7:12)
3. One Day Hi One Day Lo (10:11)
4. I’ll Let You In (6:05)
Besetzung:
Derek „Mo“ Moore – Bass-Gitarre, Gesang
Jay Dittamo – Schlagzeug
Maryann Castill – Background-Gesang
Ryche Chlanda – Gitarre, Gesang
Kendall Scott – Keyboards
