Metalsteel: Forsaken By The Gods
Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 15. 9. 2021
Produktion: Beny Kic
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 9.5/10
Metalsteel und ein neues Album. Das siebte! »Forsaken By The Gods«. 22 Jahre Bandgeschichte. Beeindruckend. Erst recht für eine slowenische Heavy-Metal-Band. Ich rede von einer Laufbahn, die von regelmäßiger Eigenkomposition und Albumveröffentlichungen begleitet wird. Sie fingen als minderjährige Enthusiasten an und tragen heute den Status einer der wichtigsten Fahnenträger des slowenischen Metals. Nur wenige kommen ihnen nah. Weder in Sachen unerschütterlicher Kameradschaft — man könnte auch sagen Bruderschaft — noch in puncto Hingabe, Fokus und Unnachgiebigkeit. Der Glaube ist da. Und er wird auch bleiben.
Das Album »Beyond the Stars« — der Vorgänger, der Mitte August 2017 erschien — hat also einen Nachfolger bekommen. Nach vier Jahren. Sein Erscheinen war früher geplant, aber die allen bekannten Umstände haben den Plänen von jedem auf dem Planeten einen Strich durch die Rechnung gemacht. In dieser Zwickmühle fanden sich auch unsere wackere Dame und die drei wackeren Herren wieder, die schon lange vor dem offiziellen Albumrelease (das morgen, am 15. 9. 2021, erscheint) begonnen haben, neue Musik anzukündigen. In diesem Zusammenhang muss unbedingt das Livestream-Konzert im Medvošker MC Jedro am 14. 5. 2021 erwähnt werden, bei dem die Band ein Konzert mit besonderen Gästen (darunter auch ehemalige Mitglieder) spielte, die damals knackig-frische neue Single Death=Life ankündigte (übrigens der düsterste Track des Albums und einer der stärksten) und das neue Album lautstark ankündigte. Das als „Tribute to Legends“ betitelte Event hat das Potenzial, eines Tages als eigenständige DVD zu erscheinen.
»Forsaken By The Gods« ist in erster Linie ein Manifest der Reife. In dieser Hinsicht hat sich die Band mit dem ausgezeichneten Vorgänger »Beyond The Stars« gewissermaßen gefunden. Das neue Album soll diesen „erneuerten Artismus“ der neuen Zeit nun reif bestätigen. Metalsteel ist eine Band mit einem eigenen musikalischen Genom und einer Ausstrahlung, die nach dem begeisternden Anlauf mit den Alben »Usoda« (2003) und »Taste The Sin« (2005) die damalige Metal-Szene konkret aufgeheizt und angetrieben hat — bzw. deren stürmischen Aufschwung ankündigte, der bei uns irgendwo bis 2010 seinen Höhepunkt erreichte. Darauf folgten zwei Alben, die ein wenig anders sein wollten — »Bad in Bed« (2007) und »Entertainment« (2010) —, auf denen die Band ihre künstlerische Reichweite und damit sich selbst erkundete, um dann mit »This Is Your Revelation« und »Beyond the Stars« ein solides und definiertes Kompositionsformat zu erreichen, das das neue Album »Forsaken By The Gods« nicht nur bestätigt, sondern weiterentwickelt.
Kurz gesagt bringt das neue Album eine ausgezeichnete Produktion und eine Sammlung von zehn detailliert ausgefeilten Tracks, die alles mitbringen, was guter knackiger Heavy Metal nach dem Vorbild der guten alten Schule braucht. Jede Menge Okkultes, Aberglaube und Momente der Versuchung und Prüfung auf persönlicher Ebene (Texte), die sich mit dem metallischen Pomp und dem ausgeprägten Drama-Theater verbinden — das spricht böse und zackig an, beißend und ungezähmt, und lässt keine Überlebenden zurück. Der exzellente Eröffnungs-Titelkatalysator kündigt das sofort an. Ein düsterer apokalyptischer Sturmangriff, in dem man spürt, dass die Band mit Iron Maiden, N.W.O.B.H.M. und natürlich Judas Priest aufgewachsen ist. Benys zorniger Gesang, der im Laufe der Jahre an Volumen gewonnen hat, könnte im zerstörerischen Umfeld der verderblichen Atmosphäre kaum wirkungsvoller sein. Stimmungswechsel durch motivische Wendungen, tribale Einlagen (Didgeridoo, Perkussion), in denen kein Gebet mehr erhört wird. Alles steht also bereits im einleitenden Titeltrack an seinem Platz.
Mit diesem Album hat die Band in gewisser Weise aus der Ferne mit »Taste the Sin« geflirtet — nur mehr als 15 Jahre später, schreibt, komponiert und produziert sie deutlich reifer, feinfühliger und weiser. Doch der Dynamit entscheidet. Die allgegenwärtige Feurigkeit und Verbissenheit, und die Band beweist das mit dem siebten Album. Die Glut erlischt nicht. Dem Quartett mangelt es nicht an Hochoktanigem und das Album hält die Schärfe und den Zorn auch im weiteren Verlauf aufrecht. Nicht nur mit dem zweiten und dritten Track, den scharfgeschliffenen Dying Out und For the Future, sondern das lässt sich vom Album als Ganzem sagen.
Besonders gut tut die Geschwindigkeit, die bissige Geschwindigkeit und die düstere Spöttischkeit, die die Band entwickelt. Auch nach mehr als 20 Jahren. Hungrig auf Beweise. Soli. Geteilt, vereint, ineinander verflochten, mit Einsätzen in Terzharmonien … All das funktioniert zwischen Rok und Beny ausgezeichnet, und die beiden beweisen erneut, dass zwischen ihnen eine großartige Chemie herrscht, die wie ein guter alter Wein reift. Die Mid-Eight-Passagen sind außerordentlich gut in den Kern der Kompositionen eingebettet. Hier erreicht die Band dramatische Sprünge und einen ständigen Dynamikanstieg. Diese Momente sind sehr feinsinnig zusammengestellt und in den Kern der Kompositionen eingebunden und nehmen dem Werk keinen Moment lang den Fluss, sondern bauen ihn allenfalls noch weiter aus.
Daša bleibt die felsenfeste Hüterin des Takts, hat ihre Arbeit erneut auf höchstem Niveau erledigt, und ohne sie würde das neue Album niemals eine solche ausdrucksstarke Vibration und Kraft entwickeln. Dazu kommen wieder die erstklassigen Basslinien des brillanten Matej Sušnik. Eine Konstante, die aber nicht selbstverständlich ist, denn solche Bassisten wie Matej findet man so schnell nicht. Die Produktion entwickelt ausgezeichnete Kontraste und füllt das klangliche 3D-Spektrum. Die Band erreicht das mit Kunstfertigkeit. Die Kombination aus Phrasierung in Verbindung mit dem aufgerauten rhythmischen Gerüst, wobei Matej Sušnik mit seinen geistreichen „Kurven“ in den Basslinien eine Menge Übergangs-Feinheiten hinzufügt. Die Jungs und das Mädel graben also mit unvermindeter Eifer. Die Mid-Eight-Passage in For the Future ist zwar kurz, aber besonders und bestätigt das Werk brillanter künstlerischer Kühnheit (Eintritt und Austritt zurück ins Haupt-Riff). Darin erfreut besonders das feinsinnig hervorgehobene Echo der Snare-Drum von Daša, das die Piste für den Austritt aus der Passage zurück in den Refrain bereitet.
Die Gitarristen verharren nicht zwingend auf den Haupt-Riffs innerhalb des Songs, sondern unterbrechen sie auch mit Verzierungen, was zum Beispiel im ausleitenden Refrain von For the Future angedeutet wird. Kurzum, es mangelt nicht an dynamischen Wendungen, und auch in dieser Hinsicht ist das neue Album besonders gut und geschickt verpackt und kompositorisch definiert.
Besonders düster sind der vierte Track Drop By Drop sowie Death=Life, die dem N.W.O.B.H.M.-Erbe besonders viel zu verdanken haben. Das Album trägt Melancholie und Bitterkeit in sich, was den Sinn für Musikalität und theatralische Bombastik hervorragend ergänzt. »Forsaken By The Gods« kann sich auch einer beneidenswerten ideellen Vielfalt rühmen, und vor allem ist es der Band gelungen, einige ausgesprochen einprägsame Tracks auf das Album zu legen, die einen ausgearbeiteten Ausdruckscharakter tragen und das Potenzial haben, mit der Zeit zu Klassikern (der Bandkarriere) zu werden. Diese Qualitäten gelten auch für die knackige Ballade Fallen Brother. Eine ausgezeichnete Power-Metal-Ballade. Ihr wisst ja, wie das mit Balladen ist? Oft versinken sie in tränenseliger Schmalzigkeit. Aber Metalsteel haben mit Fallen Brother eine Art Ballade abgeliefert, die mit Leichtigkeit Teil des eisernen Konzertrepertoires der Band werden kann.
Das Album erreicht seinen atmosphärischen Höhepunkt im Finale. Dort ist Into the Rivers Divine mit einem der beeindruckendsten Riffs — wobei ihm dabei der Track The Passage Of Time auf herausfordernde Weise die Aufmerksamkeit stiehlt. Dieser Song trägt auch einen der pompösesten Refrains des Albums, bei dem man sich ohne Weiteres ein mehrere Tausend Köpfe starkes Publikum vorstellen kann, das diesen Song im Konzert gemeinsam mit der Band singt (inklusive der „HammerFall-esken“ Mid-Eight-Passage). Das abschließende akustische Farewell entlädt das aufgeladene Werk. Vielleicht sogar das schärfste Metalsteel-Werk bis zu diesem Tag. Auch hier steht alles an seinem Platz. Es betont die Melancholie, eine Art von Trauer, aber gleichzeitig den unversiegbaren Glauben und die Hoffnung, die nichts bricht und für die unverweste Herzen brennen. Granitherzen, die nichts zermürbt.
Metalsteel haben mit dem neuen Album »Forsaken By The Gods« eines der besten Alben ihrer Karriere abgeliefert. Mit Sicherheit aber das vollendetste und ausgereifteste. Ein Album, das unglaublich gut hörbar ist. Von Anfang bis Ende. Ein Album, dem man kaum etwas wegnehmen oder hinzufügen könnte, um es zu verbessern. Optimiert. Unglaublich flüssig. Ein Album von außergewöhnlicher kompositorischer Ausgewogenheit. Die Verbindungen von Strophen und Refrains, mitsamt allen Passagen und Pre-Choruses, sind nahe dem perfekten Optimum gewebt. Ein Album lodernder Glut. Ein Manifest der großen Reife des Quartetts und ein Album, von dem wir hoffen, dass es so bald wie möglich den Weg auf die Konzertbühnen findet. Übrigens eine Leistung, auf die die Band sehr stolz sein kann, und ein Album von einem Qualitätsniveau und einer Kompetenz, aufgrund derer Metalsteel niemanden überraschen würden, sollten sie sich entscheiden, das Album vollständig auf Konzertbühnen zu spielen. Ein solches Werk wie »Forsaken By The Gods« verdient das ohne jeden Zweifel.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Forsaken By The Gods
2. Dying Out
3. For The Future
4. Drop By Drop
5. Death=Life
6. Becoming Human
7. Fallen Brother
8. Into The Rivers Divine
9. The Passage Of Time
10. Farewell
Besetzung:
Beny Kic – Gesang, Gitarre
Rock Tomšič – Gitarre
Matej Sušnik – Bassgitarre
Daša Trampuš – Schlagzeug
