Magnus Karlsson’s Free Fall: We Are the Night

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Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 12. 6. 2020
Produktion: Jacob Hansen
Albumlänge: 58.19 min
Genre: Melodic Rock / Power Metal
Bewertung: 9.5/10


Wer kennt Magnus Karlsson nicht? Er ist einer der vielseitigsten und talentiertesten Musiker und gilt dabei gleichzeitig sehr wahrscheinlich auch als einer der bekanntesten Studio-Söldner. Du willst dein Studioalbum, weißt aber nicht, wie du rankommst? Die Lösung ist simpel. Bestell es bei Magnus. Nach deinen Wünschen schreibt er dir die Songs, die Arrangements – um die Produktion kümmert er sich auch –, und spielt dabei noch alles im Komplettpaket selbst ein. Kein Problem. Interessanter ist allerdings, dass diesem Kerl trotz seiner Einbindung in mehrere Projekte gleichzeitig nie, aber auch wirklich nie der kreative Dynamit ausgeht, denn derselbe Magnus kann als Autor mehrere Studioalben pro Jahr unterschreiben. Allein in diesem Jahr hat er alles Nötige für das Allen/Olzon-Album vorbereitet. Es ist noch nicht lange her, dass das neue The Ferrymen-Album erschien, und im Juli kommen noch die neuen Primal Fear. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.

Wenn du Fan von allem oder dem Großteil der Musik bist, die dieser schwedische Musiker in seiner Karriere bis heute erschaffen hat, dann wird dir Free Fall mehr als liegen. Angesichts des umfangreichen musikalischen Werks trägt es einen klar erkennbaren roten Faden – schließlich stammt es aus den Händen ein und desselben kreativen Genies. Im Großen und Ganzen könnte man es als die perfekte Ausbeute ultra-musikalischer Ansteckungskraft bezeichnen, die sofort zündet! Der rote Faden verbindet Starbreaker, das Soloalbum von Bob Catley (Magnum) sowie das Projekt Kiske /Somerville, um nur einige zu nennen. Und auch auf jedem Primal Fear-Album ist der Einfluss von Karlssons Kompositionsweise klar spürbar.

Genau das fasziniert am meisten. Die Tatsache, dass alle Werke, hinter denen dieser Mann steht, eine unglaubliche Glaubwürdigkeit und hohe Qualität aufrechterhalten – und es sind, gelinde gesagt, eine ganze Menge davon. Dabei muss man im Hinterkopf behalten, dass das Free Fall-Projekt eine Sache ist, bei der Magnus freie Hand hat und Musik erschafft, in der er am meisten aufgeht. Die Ideen sind wieder fantastisch. Da sich der Mann in einem kompositorischen Rahmen bewegt, der keine musikalische Revolution bringt, sondern ein hohes Maß an filigraner Recycling-Kunst verlangt, damit es in neuem Gewand wieder zündet, erfüllt Magnus diese Aufgabe mit federleichter Eleganz. Nicht nur, weil er schlicht zu erfahren ist, sondern wie gesagt: Die kreative Frische verlässt ihn keineswegs. Auf Free Fall mäandern die Songs zwischen drei Genres. Melodic Rock, Heavy/Power Metal und Hard Rock. In der charakteristischen Produktion, für die der renommierte dänische Toningenieur Jacob Hansen gesorgt hat, sind die Keyboards wieder so arrangiert, dass sie Stimmungen kontrastieren und das dramatische Theater vertiefen, wobei auch der außergewöhnliche Moment der Bombastik gestärkt wird, der einen sofort packt. Direkt! Die Gitarrenphrasen thronen über allem. Magnus hat die Eröffnungsparts wieder mit einigen bravourösen Gitarrenornamenten verziert, die Mid-Eight-Passagen sind brillant unterlegt und besitzen eine erstklassige Kanonade an Solo-Einlagen in zauberhafter Farbigkeit. Als klassisch ausgebildeter Musiker hat er natürlich einige Stellen auch mit Tricks orchestraler Arrangements geschmückt. Damit die Sache aber nicht generisch wirkt, hat Magnus noch einen weiteren Trick gezogen. Einen sehr wichtigen Trick, der nicht neu ist, aber stets das entscheidende As im Pokerblatt bringt. Er hat eine Reihe von Gästen zur Mitarbeit auf dem Album eingeladen. Vokalisten, die technisch außerordentlich geschliffen und feinfühlig sind. Diese bringen ihren vokalen Charakter an bestimmten Stellen ein, und damit bekommt jeder Song seine eigene unverwechselbare Aura. Auf dem Album gibt es auch das Instrumental On May Way Back to the Earth, das progressive Metal-Züge trägt, da das Phrasing auf einer gebrochenen rhythmischen Textur liegt. Ein phänomenales Instrumental, das andeutet, dass Karlsson eines Tages ein rein instrumentales Soloalbum aufnehmen könnte.

Auf zwei Songs testet sich Karlsson auch in der Rolle des Hauptsängers und macht dabei eine solide Figur. Klar kann er sich nicht mit den etablierten Namen der eingeladenen »Vokalmonster« messen – dennoch: Er meistert den Gesang mehr als würdig, und darin liegt der einzige Punkt der »Verletzlichkeit« dieses ansonsten exzellenten Werks. Die Kompositionen sind qualitativ gleichwertig. Einer der Höhepunkte des Albums ist gleich der Opener Hold Your Fire mit seinem eingängigen Refrain, zu dem Dino Jelusick (Animal Drive, Trans-Siberian Orchestra) den Gesang beisteuert. Nicht weniger interessant ist auch der zweite Track mit Dino am Mikrofon. Das ist das besonders dramatische und spannungsgeladene Under the Black Star. Jelusick ist ein Phänomen. Ähnlich wie Ronnie Romero (Rainbow), der den Gesang in One By One liefert, ist auch Jelusick seine eigene vokale Kombination aus der gewaltigen Zerstörungskraft von Dio und Coverdale. Wo wir gerade bei Dio sind: Da ist der legendäre Tony Martin, der sich mit seinem Gesang in Temples And Towers einschreibt, was den Song flüchtig in die Schwingung der »Tyr«-Ära der (späten) Black Sabbath rückt. Auch der Gastauftritt von Noora Louhimo (Battle Beast) in Queen of Fire ist eine Faszination ganz eigener Art, die auf dem Album heraussticht. Im abschließenden Far From Over begegnen wir Tony Martin erneut, und die Erinnerung an die musikalische Version von Black Sabbath aus den späten Achtzigern erwacht noch ein bisschen theatralischer zum Leben. Und der Brasilianer Renan Zonta (Electric Mob) ist eine echte vokale Entdeckung!

Eigentlich gibt es nicht viel hinzuzufügen. »We Are the Night« ist ein faszinierendes, nennen wir es ruhig melodic-metal-Werk, das erneut vor einer erstklassigen Dosis mitreißender Pomp-Rhetorik strotzt – dank des neuen Manifests der großen ideellen Durchschlagskraft von Magnus Karlsson. Wer die früheren Free Fall-Werke kennt und generell ein Fan des Kompositionsstils dieses Musikers ist, der wird nicht lange überlegen, ob es sich lohnt, dieses Werk unter die Lupe zu nehmen. Kein einziger Track darauf ist Zeitverschwendung. Neue Perfektion bombastischer musikalischer Mitreißkraft und erstklassige Ausbeute klassischer Schlagkraft, die die Magie der Metal-Musik liefert – in den Händen von Karlssons unerschöpflicher kreativer Schaffenskraft.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Hold Your Fire
2. Kingdom Falls
3. We Are The Night
4. Queen Of Fire
5. Dreams And Scars
6. All The Way To The Stars
7. One By One
8. Under The Black Star
9. Temples And Towers
10. Don’t Walk Away
11. On My Way Back To Earth (instrumental)
12. Far From Over

Besetzung:
Magnus Karlsson – Gitarre, Gesang auf Track Nr. 3 und 10, Keyboards, Bassgitarre
Anders Kollerfors – Schlagzeug

Gastvokalisten:
Dino Jelusick – Gesang auf Track Nr. 1 und 8
Renan Zonta – Gesang auf Track Nr. 2 und 5
Noora Louhimo – Gesang auf Track Nr. 4
Mike Andersson – Gesang auf Track Nr. 6
Ronnie Romero – Gesang auf Track Nr. 7
Tony Martin – Gesang auf Track Nr. 9 und 12


Magnus Karlsson’s Free Fall – Hold Your Fire (feat. Dino Jelusick, offizielles Video)
Magnus Karlsson’s Free Fall – Queen Of Fire (feat. Noora Louhimo , offizielles Video)
Magnus Karlsson’s Free Fall – „Dreams and Scars“ feat. Renan Zonta (offizielles Video)
Magnus Karlsson’s Free Fall – On My Way Back to Earth (offizielles Video)
Magnus Karlsson’s Free Fall – We Are the Night (Albumcover)
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