Machine Head: Of Kingdom And Crown
Veröffentlicht bei: Nuclear Blast
Produktion: Robb Flynn, Zack Ohren, Colin Richardson, Chris Clancy
Veröffentlichungsdatum: 26. August 2022
Albumlänge: 59:22/70:00 (Sonderedition)
Für die kalifornischen Metaller Machine Head waren die letzten Jahre ziemlich turbulent. Nach dem schlecht aufgenommenen Album Catharsis verließen die langjährigen Mitglieder Gitarrist Phil Demmel und Schlagzeuger Dave McClain die Band. Die Kritiker missbilligten vor allem die Rückkehr der Band in Nu-Metal-Gewässer und das übertriebene Experimentieren. Robb Flynn stand fast allein da – einzig Bassist Jared MacEachern, der offenbar noch Hoffnung sah, hielt ihm die Stange. Flynn gab trotz allem nicht auf. Er schrieb weiter und holte neue Mitglieder ins Boot, die auch auf Tour mithalfen. 2019 absolvierten Machine Head erfolgreich eine Tournee zum 25-jährigen Jubiläum ihres Debüts Burn My Eyes. Auf dieser Tour spielte Flynn lange Sets mit zwei Besetzungen und stellte damit das Vertrauen in die Band zumindest soweit wieder her, dass sie live nach wie vor souverän auftritt.
Die negativen Kritiken haben offensichtlich ihre Wirkung gezeigt – ähnlich wie nach dem Album Supercharger (2001). Flynn wählte einen aggressiveren Ansatz, doch die Singles Do or Die, Circle The Drain und Civil Unrest überzeugten nicht restlos. Umso mehr überzeugte dafür der Track My Hands Are Empty, an dem auch Ex-Gitarrist Logan Mader mitgewirkt hat. Flynn und Co. fanden langsam wieder zurück auf die richtige Spur. Der Song landete am Ende sogar auf dem Album. Noch überzeugender war die EP Arrow in Words from the Sky, die ebenfalls auf dem Album enthalten ist. Robb Flynn ließ sich ziemlich lange Zeit damit, Neuigkeiten anzuteasern, bevor enthüllt wurde, dass er genug Material für ein neues Album zusammengesammelt hatte.
Bei der Entstehung des neuen Albums hatte Flynn mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, da es unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie aufgenommen wurde – so konnte der englische Schlagzeuger Matt Alston seine Parts nicht in den USA einspielen und steuerte lediglich Ideen bei. Die Drums nahm stattdessen der erfahrene Profi Navene Koperweis (Entheos, ex-Animals as Leaders) auf, der den ohnehin schon intensiven Schlagzeugpart nochmal auf ein höheres Level hob. Auch Wacław „Vogg“ Kiełtyka (Decapitated), der Machine Head bereits auf Tour unterstützt hatte, steuerte Ideen bei. Irgendwann Anfang des Jahres enthüllte Flynn schließlich, dass ein neues Album aufgenommen werde – eines, das so episch sein soll wie The Blackening (2007). Bei Flynn ist allerdings bekannt, dass er zur Übertreibung neigt. Bekannt ist aber auch, dass er durchaus in der Lage ist, verdammt überzeugendes Material zu schaffen.
Das Album eröffnet zweifellos vielversprechend mit dem zehnminütigen Epos Slaughter the Martyr, das nach drei Minuten sanftem instrumentalem Intro mit emotionalem Gesang mit wuchtigen Riffs und einer brechenden Rhythmusfraktion aufbricht – Flynn wechselt dabei natürlich auf seinen wütenderen Vokalstil. Das Ganze erinnert stark an Clenching the Fists of Dissent vom Album The Blackening, und man spürt deutlich, dass genau dieser Track als Inspiration diente. Ein zweifellos epischer Albumauftakt, der viel verspricht. Mit dem nächsten Track Choke on the Ashes of Your Hate zeigen Machine Head keinerlei Anzeichen des Nachlassens. Der thrashgeladene Song glänzt mit einem starken Refrain, einem Breakdown und einem Solo. Er wirkt wie ein gelungener Mix aus neuem und eher älterem Stil. Mit Become The Firestorm fügen Machine Head eine Black/Death-Metal-Komponente hinzu; besonders Koperweises Schlagzeug sticht hervor – er hatte offensichtlich etwas mehr Freiheiten und „blasted“ einen guten Teil des Tracks durch. Der melodische Refrain wirkt zwar etwas aufgesetzt und störend, doch das wird zum Glück durch einen starken Breakdown und ein Solo wieder ausgebügelt.
Als Ruhepole inmitten der Wucht finden sich auf dem Album kurze Intermezzos, mit denen die Band das passende Ambiente für das Gesamtkonzept schaffen wollte. Etwas emotionaler gehen Machine Head die Tracks My Hands Are Empty und Unhallowed an. Man spürt auch einen leichten Einfluss des verschmähten Albums Catharsis, aber beide Songs sind bissiger, haben einen exzellenten Groove, und die Texte sind nicht mehr auf dem Niveau eines wütenden Teenagers. Bei My Hands Are Empty steuerte sogar Logan Mader eigene Ideen bei – schade, dass es nicht noch ein paar mehr waren.
Thrash Metal war offensichtlich ein deutlich größeres Vorbild als beim Vorgänger. Das beweisen Machine Head eindrucksvoll mit Kill Thy Enemies, das allein durch den eingängigen Refrain etwas Ruhe reinbringt. Auch diesmal bleibt es nicht ohne Klischees – die sind zwar in vertretbarem Maß vorhanden, aber ohne „OooOOOooo“-Gesangslinien geht es nun mal nicht, was sich bei No Gods No Masters besonders deutlich zeigt. Zum Glück steckt in dem Song noch genug typisches MH-Feuer, dass er am Ende nicht nervt. Bloodshot, an dem auch Gitarrist Vogg mitgewirkt hat, wird vor allem Kenner der ersten beiden Alben begeistern – der Track klingt, als wäre er zu Zeiten von Burn My Eyes geschrieben und einfach vergessen worden. Auf jeden Fall eine weitere angenehme Überraschung auf dem Album. In ähnlichem Stil liefern MH bereits mit Rotten ab, das Groove und Aggression hervorragend vereint.
Als Abschluss haben Machine Head Arrows in Words from the Sky gewählt, das bereits letztes Jahr vorgestellt wurde. Das ist eine ziemlich logische Wahl, denn im Vordergrund steht ein ausgeprägter emotionaler Gehalt – und dass Machine Head damit umgehen können, haben sie mit vielen Abschluss-Tracks zuvor bereits bewiesen. Zwar hat der besagte Song nicht die epische Dimension der Vorgänger, doch er wirkt trotzdem kein bisschen wie ein Filler. Der Kreis bzw. das Konzept schließt sich schlüssig, und man kann bestätigen: Das Album ist weder trocken noch eintönig.
Wer sich die Details der Albumproduktion etwas genauer anschaut, merkt schnell: Robb Flynn hat hier nichts dem Zufall überlassen. Heutzutage ist es zwar deutlich einfacher, einen professionellen Musiker zu engagieren, der seinen Part schnell und effizient einspielt – was sich unter anderem darin bestätigt, dass ein äußerst erfahrener Schlagzeuger die Drums eingespielt hat. Dazu kommt, dass an Produktion und Postproduktion eine ganze Reihe erfahrener Leute beteiligt war, darunter die Legende Colin Richardson. Besonders erwähnenswert ist außerdem, dass Flynn bei der Texterstellung Unterstützung von einem der fleißigsten Produzenten im Metal-Business bekommen hat: Will Putney (Fit For An Autopsy). Of Kingdom And Crown ist definitiv ein durchdachtes und ausgearbeitetes Werk. Kein Album, das in aller Eile runtergehauen wurde. Die Toningenieure haben dafür gesorgt, dass der Sound – der Tradition entsprechend – voll, satt und vor allem klar ist. Man hört und spürt deutlich, dass in dieses Produkt eine erhebliche finanzielle Investition geflossen ist.
Das Album wird die Fans der Band höchstwahrscheinlich begeistern, und für manche wird es das Vertrauen in die Band sogar wiederherstellen. Vor allem aber muss betont werden: Machine Head sind offensichtlich noch lange nicht abzuschreiben. Flynn und seine Mannschaft haben noch ein paar Asse im Ärmel.
9/10
Tracklist:
1. SLAUGHTER THE MARTYR
2. CHØKE ØN THE ASHES ØF YØUR HATE
3. BECØME THE FIRESTØRM
4. ØVERDØSE
5. MY HANDS ARE EMPTY
6. UNHALLØWED
7. ASSIMILATE
8. KILL THY ENEMIES
9. NØ GØDS, NØ MASTERS
10. BLØØDSHØT
11. RØTTEN
12. TERMINUS
13. ARRØWS IN WØRDS FRØM THE SKY
