Landfall: The Turning Point
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 7. 8. 2020
Produktion: Landfall
Albumlänge: 49.11 min
Genre: Melodic Rock
Bewertung: 7.5/10
Landfall haben ihr Studiodebüt »The Turning Point« veröffentlicht. Es handelt sich um eine brasilianische Melodic-Rock-Band, die lange Jahre unter dem Namen W.I.L.D. aktiv war und sich nach dem Einstieg von Sänger Gui Oliver in Landfall umbenannte. Die Bandmitglieder haben einiges an Kilometern auf dem Buckel – darunter offizielle Veröffentlichungen und jede Menge Erfahrungen. Unter anderem standen sie in ihrer Karriere als Vorband bei Konzerten von Glenn Hughes und Mike Vescera auf der Bühne. Oliver hatte zuvor mit der Band Auras zusammengearbeitet, und für die Songs dieses Debüts haben Landfall unter anderem auch Entwürfe von Material weiterentwickelt, das der Sänger noch zu seiner Zeit bei Auras geschrieben hatte, dort aber ungenutzt geblieben war.
»The Turning Point« ist im Grunde ein qualitativ solides Werk, das den Anspruch als Studiodebüt voll und ganz rechtfertigt. Ein überzeugender Erstling. Wenn man die Songtitel überfliegt, wirkt das Album wie eine konzeptualisierte Geschichte einer Reise durch die Stadt. Eine Autofahrt durchs Stadtgetümmel. Ja, zugegeben etwas naiv, aber so ist das nun mal. Vermutlich durch die brasilianische Stadt Curitiba, aus der Landfall bekanntlich stammen.
Olivers Gesang gehört zur Klasse der talentierten Vokalisten, die im Melodic-Rock-Genre nach den höchsten Tönen greifen können. Gelegentlich erinnert er tatsächlich an den legendären Journey-Frontmann Steve Perry, aber an den erinnern viele Sänger unserer Zeit, etwa der deutlich explosivere Rob Moratti oder Kevin Chalfant. Das überrascht also keineswegs. Hauptsache, Oliver entwickelt seine eigene vokale Persönlichkeit – und die ist auf diesem Werk enorm wichtig, denn sie ist der Garant für die Konsistenz des Albums. Deshalb brauchst du im Melodic Rock neben dem Sänger mindestens einen sehr guten Gitarristen – in diesem Fall auch Komponisten. Und dazu noch einen technisch äußerst versierten Schmied von Gitarrensoli, mit denen die Mid-Eight-Passagen farbenreich ausgestattet werden. Auch in dieser Hinsicht überzeugt »The Turning Point«. Was man sich auf so einem Album noch wünschen würde, ist etwas mehr Energie vom Schlagzeug, das sehr eindimensional wirkt, sich ängstlich an rhythmische Monotonie klammert und in den Übergangsteilen – also genau dort, wo Raum dafür wäre – kein bisschen Farbe oder Fantasie entwickelt. Leider wirkt die Snare gelegentlich fast roboterhaft hingeklickt. Dazu ist sie noch etwas ungeschickt gemixt und sticht dadurch leicht aus dem Mix heraus.
Die Band hat elf Songs abgeliefert, die versuchen, kontrastierende inhaltliche Bildhaftigkeit zu entwickeln – nicht alle bewegen sich dabei auf gleichmäßig hohem Qualitätsniveau. Das Album schwankt deshalb, verfällt manchmal auch Klischees. Es gibt aber Momente, die deutlich zeigen, dass Landfall eine Band voller kompositorischer Talente ist – etwa im Opener Rush Hour, der wie eine Art Allegorie auf das berühmte Addicted to Rush (Mr. Big) wirkt, oder im exzellenten Road of Dreams in der zweiten Albumhälfte. Dann gibt es noch die Ballade Don’t Come Easy, die in der Mid-Eight-Passage einige Ähnlichkeiten mit dem Duran Duran-Hit Ordinary World entwickelt – die Ähnlichkeit ist aber wirklich flüchtig und sogar sympathisch naiv. Das deutet darauf hin, dass Landfall in dieser Phase ihren unverwechselbaren musikalischen Ausdruck noch herausarbeiten, denn das Material trägt noch einige Reserven und vielleicht sogar eine gewisse Naivität in sich – im Sinne einer schnellen Zufriedenheit mit dem kompositorischen Anspruch, den die Band an diesem Punkt ihrer Entwicklung erreicht.
Landfall ist also eine Band, die noch etwas Zeit und Erfahrung braucht, um ihr Bestes abzuliefern. An Talent und Ehrgeiz mangelt es ihr nicht. Vor allem aber wird es darum gehen, einen besseren Produzenten zu finden, mindestens noch einen Keyboarder in die Reihen aufzunehmen und auf diese Weise mehr klangliche Variabilität zu entwickeln. »The Turning Point« ist als Debüt jedenfalls ein durchaus ermutigender Ausblick auf eine glänzende künstlerische Zukunft der Band.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Rush Hour
2. No Way Out
3. Jane’s Carousel
4. Across The Street
5. Don’t Come Easy
6. Taxi Driver
7. Distant Love
8. Roundabout
9. Road Of Dreams
10. Hope Hill
11. Sound Of The City
Besetzung:
Gui Oliver – Gesang
Marcelo Gelbcke – Gitarre
Thiago Forbeci – Bassgitarre
Felipe Souzza – Schlagzeug
