Labÿrinth: Welcome To The Absurd Circus

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Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 22. 1. 2021
Produktion: Labÿrinth
Albumlänge: 60.22 min
Genre: Power Metal
Bewertung: 8.5/10


Labÿrinth sind eine altgediente italienische Power-Metal-Band mit einer ausgeprägten Tendenz zur Suche nach progressiven Impulsen, die ihre Arbeit noch in den frühen Neunzigern aufnahmen. Nach der Veröffentlichung des Albums »Return to Heaven Denied« (1998), mit dem sie ihren Stil definierten, und einer Reihe sehr guter Alben, die folgten, kündigte die Band 2011 eine Pause an. Wie lange diese dauern würde, ließen sie offen, sodass eine Rückkehr der Gruppe fraglich erschien. Ein Jahr zuvor hatte die Gruppe noch den zweiten Teil des Albums »Return to Heaven Denied« veröffentlicht und damit – als Vorband der finnischen Sonata Arctica – Anfang Februar 2011 auch das Publikum in der Laibacher Cvetličarna aufgewärmt.

Nach diplomatischen Manövern des Labels Frontiers Music Srl. entschieden sich Andrea Cantarelli und Olaf Thorsen (bürgerlicher Name Carlo Andrea Maniani) 2016 dazu, die Gruppe wiederzubeleben. Mit dem herausragenden Vokalisten Roberto Tiranti und der Unterstützung des erfahrenen amerikanischen Schlagzeug-Asses John Macaluso veröffentlichten Labÿrinth 2017 das exzellente Comeback-Album »Arhitecture of God«. Das neueste Album, »Welcome To The Absurd Circus«, hält das Niveau seines Vorgängers – mit dem allgemeinen Eindruck allerdings, dass Labÿrinth diesmal noch ein paar Dezibel mehr draufgepackt haben als der typische Lärm des verzerrten Power-Metal-Pomps sonst freisetzt.

Ultra-musikalische Eingängigkeit ist erneut das Hauptziel der Kompositionen der Gruppe. Ausflüge in neoklassische Strukturen sind keineswegs zu vernachlässigen und bleiben ein Standard der Gruppe – was angesichts des allgemeinen Ansatzes des italienischen Power Metals nicht weiter verwundert. Die Tracks sind wieder ordentlich in die Länge gezogen, vor allem dank Mid-Eight-Passagen, in denen sich die Bandmitglieder geistreich und funkensprühend gegenseitig zuspielen – durch gekreuzte solistische Eskapaden zwischen beiden Gitarren und den Keyboards. Zur Orientierung noch folgender karikierter »Geistesblitz«: Wären Labÿrinth Finnen, kämen sie vielleicht nahe an die klassischen Stratovarius heran – und umgekehrt könnte dasselbe gelten.

Beide Gitarristen, die gleichzeitig die originalen Gründungsmitglieder der Besetzung sind, bleiben die treibende Kraft der Gruppe, und dank nicht nur ihrer ungeahnten gitarristischen Kapriolen, sondern vor allem ihrer kompositorischen Talente halten Labÿrinth auch auf dem neuen Album den kreativen Fokus, der in der Diskografie der vergangenen Alben klar erkennbar ist – wobei man das experimentelle Fiasko »Freeman« (2005) abziehen muss, ebenso wie die Alben ohne Thorsen in der Besetzung. Diese sind zwar Power Metal, fallen aber im kompositorischen Rang deutlich hinter die übrigen Leistungen der Gruppe zurück. Auch das neue Album ist Beweis dafür, dass Labÿrinth immer dann am besten funktionieren, wenn Thorsen mit von der Partie ist.

Das Album ist eine gute Stunde lang. Es könnte gut und gerne mindestens zehn Minuten kürzer sein. Prunk und Schnörkelei sind ein anderer Name für Labÿrinth, und genau das ist einer der Hauptgründe, warum die Gruppe bei ihren Anhängern so beliebt ist. Die stärksten Tracks sind gleichzeitig die längsten auf dem Album: das sofort grandiose Eröffnungsstück The Absurd Circus, dann One More Last Chance und das abschließende Finally Free. Die Band hat sich entschieden, auch ein Cover des klassischen Ultravox-Hits Dancing With Tears in My Eyes einzubauen. Ein Stück, das im Original in unter zwei Minuten alles sagt, eignet sich für die Aufnahme auf eine Langspielplatte des Typs Labÿrinth vielleicht nicht besonders gut – jede weitere Minute wirkt da irgendwie wie purer Minutenraub. Wer aber vor allem das erste Album der Gruppe kennt, dem ist klar, dass Cantarelli ein großer Fan der Pop-Musik der Achtziger ist, weshalb dieser Schachzug nicht weiter überrascht. Auch die Ballade A Reason To Survive bringt nichts anderes als einen anderen rhythmischen Schlüssel und bremst die ansonsten ausgeprägte Dynamik des Werks, das sonst genau das entfaltet, was bei Labÿrinth von jeher so reizvoll war: extreme Spielgeschwindigkeit bei gleichzeitiger Kontrolle über die Instrumente – ein Ergebnis des unglaublichen Drills der einzelnen instrumentalen Akteure. 

Unbedingt hervorheben muss man auch die vokale Darbietung von Tiranti. Diese ist erneut makellos. Sein Niveau ist schlicht atemberaubend. Angesichts der für Power Metal typischen Vorhersehbarkeit ist gerade dieser Sänger ein wichtiger Faktor, der den Tracks und dem Album immer wieder jenes Gütesiegel verleiht, das ein Abweichen vom Gefühl der Generik garantiert. Der Mann ist in der Szene ein enorm geschätzter und gesuchter Name. Während Labÿrinth in der Pause waren, half er beispielsweise unter anderem im Begleitteam von Ken Hensley mit – dem ikonischen Uriah Heep-Hammond-Organisten, der im Oktober des vergangenen Jahres verstorben ist. Labÿrinth ohne Tiranti ist schlicht unvorstellbar. Der Vokalist haucht dem Album Magie ein, steigert die Farbigkeit der eingefangenen Stimmungen und befeuert mit seiner Leidenschaft und Glut die Theatralik des Albums. Er ist ein wesentliches Element, das dem Werk eine große pompöse Reichweite und Bombastik verleiht.

Kurz gesagt: »Welcome To The Absurd Circus« ist ein weiteres exzellentes Album, das Anhänger des europäischen Power Metals der typisch italienischen Schule ohne Zögern sofort in ihre Sammlung aufnehmen werden.

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
1. The Absurd Circus
2. Live Today
3. One More Last Chance
4. As Long As It Lasts
5. Den Of Snakes
6. Word’s Minefield
7. The Unexpected
8. Dancing With Tears In My Eyes
9. Sleepwalker
10. A Reason To Survive
11. Finally Free

Besetzung:
Roberto Tiranti – Gesang
Olaf Thorsen – Gitarre
Andrea Cantarelli – Gitarre
Oleg Smirnoff – Keyboards
Nik Mazzucconi – Bass-Gitarre
Mattia Peruzzi – Schlagzeug

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