Labÿrinth – In the Vanishing Echoes of Goodbye

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Veröffentlicht: 24. 1. 2025 bei Frontiers Records
Produktion: Olaf Thörsen
Spielzeit: 57:46
Genre: Prog Power Metal


„SI VIS PACEM PARA BELLUM“


Labÿrinth waren 1999 das nächste große Ding im Power Metal. Die italienische Truppe hatte ein Jahr zuvor mit Return to Heaven Denied ein Meisterwerk abgeliefert, das ohne jeden Zweifel zu den zehn besten Power-Metal-Alben aller Zeiten zählt. Der EP Timeless Crime landete in den Regalen, und mit der Leadsingle, dem supersonischen Save Me, wurde die Temperatur vor dem angekündigten Album Sons of Thunder ordentlich angeheizt.

Dann begannen die Probleme. Sänger Rob Tyrant (heute Roberto Tiranti) war mal in der Band, mal verfolgte er eine Solokarriere, und mal beschäftigte er sich mit Eurobeat(!)-Nebenprojekten. Gitarrist Olaf Thörsen war plötzlich mit dem Mix und der Produktion des bereits aufgenommenen Albums unzufrieden und entschied, die Sache eigenhändig nach seinem Geschmack zu regeln. Das Remixen kostete ihn gut ein Jahr, und so verpassten die Jungs den Schwung, den sie mit der vorigen Platte aufgebaut hatten. Als Sons of Thunder in den Läden und Playern ankam, schreckte es die meisten Fans mit seinem vollkommen blutleeren Sound ab. Wenn wir ehrlich sind, kamen auch die Kompositionen selbst nicht an die Standards des brillanten Vorgängers heran. Wie man so sagt: eine gute Gelegenheit verpasst und dann hinterhergelaufen.

Nach dieser Enttäuschung verließ Olaf die Band und gründete Vision Divine, während die anderen nach besten Kräften versuchten, mit einem leicht veränderten Sound weiterzumachen (sie bewegten sich stark in Richtung Progressive) und mit drei Alben irgendwie den Status quo hielten.

Olaf kehrte 2010 reuig in die Band zurück, und gemeinsam nahmen sie Return to Heaven Denied Pt. II – „A Midnight Autumn’s Dream“ auf, eine durchaus gelungene Fortsetzung des oben erwähnten Klassikers. Auf diesem Album wirkt das große Quartett der Gründungsmitglieder zum letzten Mal zusammen, denn 2016 verließ Gründungsmitglied und Keyboarder Andrea De Paoli (ehemals Andrew McPauls) die Band und wurde durch Oleg Smirnoff ersetzt. Das vierte Mitglied des besagten Quartetts ist der stille Chef der Band, Gitarrist Andrea Cantarelli (ehemals Anders Rain).

Zwischendurch erschienen noch zwei hochkarätige Prog-Power-Werke, und in diesem Jahr empfängt uns ein neues Album mit dem melancholisch-düsteren Titel In the Vanishing Echoes of Goodbye.

Den Appetit schärfte die Promosingle Welcome Twilight, die mit ihren schweren Riffs, tonnenweise Doublebass-Getrommel und Robertos stratosfärischen Vocals die Erwartungen an das neue Album gehörig in die Höhe schraubte.

Wie immer halten Andrea, Olaf und Roberto das Album zusammen. Erstere zwei mit wohl den „beschäftigtsten“ Gitarrenphrasen, Melodien und Zwischenspielen der gesamten Power-Metal-Szene – Olaf kümmert sich um den neoklassischen Shred, Andrea um feinfühlige melodische Schöpfungen. Roberto seinerseits mit seinem herrischen Gesang, wenn er mit makelloser Technik Klangbarrieren verschiebt und mühelos von finsteren Strophen in sonnige, supereingängige Refrains springt. Seine Stimmfarbe und das typisch (italienische) vokale Phrasieren kann für manchen ein Stolperstein sein, aber anders als sein Vorgänger in der Band, der legendäre Fabio Lione, zieht Roberto die Sache mit einer gehörigen Portion Charme durch. Die Abwesenheit des zweiten Andrea an den Keyboards fällt nicht auf, denn Oleg beweist mit seinen Klanglandschaften und neoklassischen Passagen sein Können und füllt das Klangbild wunderbar aus. Ein weiterer in der Reihe der Schlagzeug-„Wunderkinder“ – man denkt an Rolf von Stratovarius und Eloy, ehemals bei Sepulture (jetzt Slipknot) – Matt Peruzzi beißt sich durch endlose Meere aus Doublebass-Salven, romantischen Perkussionen und gebrochenen Rhythmen und ist ein wesentlicher Bestandteil des Klangbilds. Leider existiert Nik Mazzucconis Bass einfach nur.

Es scheint, dass Olaf aus dem Klang-Desaster von Sons of Thunder einiges gelernt hat, denn der Sound des Albums ist Prog-Power-Perfektion, die natürlich die Gitarren in den Vordergrund rückt – aber nicht nur in Soli und melodischen Passagen, sondern auch in überraschend harten rhythmischen Mustern. Die Songs klingen kompakt, aber nicht übermäßig komprimiert; das kann man wirklich einen echten Metalsound nennen.

Das Auftaktduo, Welcome Twilight und Accept the Changes, schlägt mit vernichtender Wucht ein, die über die gesamte Länge des Albums nicht nachlässt. Hier und da durchbrechen zarte, melancholische Passagen das Geschehen, wie zu Beginn von The Healing und in der Ballade To the Son I Never Had (mit einem geradezu fantastischen mehrstimmigen, emotionalen Refrain).

Die Songlängen bewegen sich zwischen viereinhalb und siebeneinhalb Minuten – das ist Prog-Power-Laufzeit aus dem Lehrbuch. Nirgendwo gibt es auch nur einen Moment der Eintönigkeit oder Langeweile. Wenn die Gitarren mal Luft holen, greift Oleg mit komplexen melodischen Mustern ein, Roberto hat keine Zeit zum Ausruhen – von zarten Vibratos und geheimnisvollen Flüstern bis zu ohrenzerreißenden Höhen ist alles im Überfluss vorhanden. Im Hintergrund (oder Vordergrund, je nachdem, wie man es sieht) schuftet die Rhythmussektion.

Das gesamte Album hält ein extrem hohes Qualitätsniveau und überrascht den Hörer bei jedem Durchgang mit einem neuen Detail. Irgendwie habe ich keine Favoriten – wenn ich unbedingt muss, seien das hyperenergetische Opener Welcome Twilight, das mit seinen apokalyptischen Gang-Refrains die Höllentore aufreißt, und das zarte To the Son I Never Had genannt. Aber nur weil ich muss. Wie es auf hochkarätigen Prog-Power-Alben Sitte ist, beschließt ein halb-progressives Schmankerl, Inhuman Race, das Ganze.

Persönlich ist das für mich das beste Album seit Olafs Rückkehr – ich kann wirklich keinen einzigen Schwachpunkt finden. Die Magie und Zauberkraft von Return to Heaven Denied ist natürlich weg und wird nie mehr zurückkommen, aber das hier ist definitiv die beste Annäherung daran.

Überragend!

Highlights: Welcome Twilight, To the Son I Never Had, Heading For Nowhere

Wertung: 9/10

Autor: Igorac


Trackliste:
1. Welcome Twilight
2. Accept the Changes
3. Out of Place
4. At the Rainbow’s End
5. The Right Side of This World
6. The Healing
7. Heading for Nowhere
8. Mass Distraction
9. To the Son I Never Had
10. Inhuman Race

Musiker:
Roberto Tiranti – Gesang
Andrea Cantarelli – Gitarren
Olaf Thörsen – Gitarren
Oleg Smirnoff – Keyboards und Klavier
Nik Mazzucconi – Bass
Matt Peruzzi – Schlagzeug

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