Kopilott: II
Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 31. 5. 2024
Produktion: Kopilott
Albumlänge: 50.33 min
Genre: Krautrock / Space Rock / Psychedelic Rock
Wertung: 8.0/10
Kopilott. Wie bitte? Manchmal reicht ein Pilot eben nicht. Offenbar dreht sich die ganze Sache ums Drehen von Kompassnadeln. Aber langsam. Ohne ein ‚von selbst neugieriges‘ Stromern durch YouTube-Kanäle wäre das hier nie passiert… Hinter dem Projekt Kopilott stecken zwei Mitglieder. Diesmal Spanier. Der eine ist MMS, der andere Adrian. Eine Formation, die ihre Inspiration aus dem Erbe des Krauthrock schöpft und der so entstandenen musikalischen Substanz eine starke psychedelische Note beifügt. Ja. Wer auf analoge Elektronik steht — oder was auch immer das 2024 sein mag — der ist hier genau richtig!
Nach dem sehr schönen und vielversprechenden Debüt »I«, das im November 2023 erschien, liegt nun also die bildreiche Fortsetzung der Geschichte vor uns — eine moderne Interpretation von Krautrock-Inhalten, gespickt mit jeder Menge hypnotischem Looping, Experimenten mit Soundeffekten, sogar der Integration (geschickt versteckter) Gitarrenphrasen und klar hörbarer Basslinien. Und wie schon gesagt: Die Musik verströmt eine deutliche Note von — nennen wir es ruhig — Space-Rock-Psychedelia. Das Ding trägt dich beim Zuhören an einen unbekannten Ort. Vor allem in jenem Geisteszustand, den man ‚Abschalten des Bewusstseins‘ nennt.
Kopilott erfinden das Rad nicht neu, sind aber eine wirklich angenehme Überraschung — denn es wird heute immer schwerer, Künstler zu finden, die beim Komponieren auf das musikalisch geniale und zeitlose Fantasiegebäude eines archaischen Genres wie des Krauthrock zurückgreifen. Ja. Im Kopf tauchen sofort Parallelen auf: Tangerine Dream, Can, Faust, Agitation Free … Ein nicht gerade bescheidener, aber durchaus schmeichelhafter Befund. Und weiter: Das Ganze wird auch für Fans der Spätphase der psychedelischen Ära von Pink Floyd interessant sein (man denkt unweigerlich an Teile von Echoes vom Album »Meddle«), ebenso darf Hawkwind nicht fehlen, auch Gong drängt sich auf, dazu Assoziationen zu Soft Machine (frühe Phase) oder zu den Werken von William Orbit. Werfen wir noch den Namen Christian Poulet in den Ring — damit wir nicht nur in den Sechzigern und Siebzigern bleiben.
Natürlich wird das auch für Fans streng instrumentalen Post-Rocks, ja sogar Post-Metals interessant sein. Denk an Bands wie Robot God, Full Earth oder Observers. Nimmt man ihnen die postrockige, stonige ‚Gitarren-Nervosität‘ weg, würden die Vorhänge des guten alten ‚elektronischen‘ analogen Loopings den Kern des Klangspektrums übernehmen.
Über all diesen Assoziationen und Analysen steht etwas Wesentliches. Das Album bietet ein wunderschönes instrumentales Abenteuer — ein farbenreiches Ineinandergleiten hochvibrantiger Atmosphären, die einen sofort in sich hineinsaugen und tragen, tragen… Musikalität ist in Hülle und Fülle vorhanden, aber weil das ganze Album wie ein einziger Satz funktioniert, lässt es sich nur schwer ‚erobern‘ — was aber auch gar nicht seine Absicht ist. Die Absicht ist, dich auf ein Abenteuer mitzunehmen und zu verzaubern. Die Entwicklung ist unvorhersehbar, aber hochdynamisch — dank der erwähnten Beweglichkeit und der Tatsache, dass beide Musiker nie vom nachvollziehbaren roten Faden einer klaren Musikalität abweichen, gesponnen aus einer Fülle hochkompatibler Phrasen. Den Abschluss bildet eine Coverversion von Maggot Brain, die im Original den amerikanischen psychedelischen Blues-Rock-Funkern Funkadelic gehört (entnommen ihrem dritten, gleichnamigen Album von 1971). Angesichts des lässigen Rhythmusgefühls des Originals wirkt die Wahl sehr stimmig. Und es packt einen bis zur letzten Sekunde der Spielzeit. Clever. Klanglich aufgefrischt, aber keineswegs zu sehr ‚bereinigt‘. Der verstorbene Eddie Hazel wäre stolz.
Kurz gesagt: Kopilott mögen keinen Einstein erfunden haben, aber sie bringen eine außerordentlich schöne Entdeckung — und bei zwei Alben, die im Abstand von einem halben Jahr erschienen sind, werden sie hier sicher nicht aufhören. Der musikalische Inhalt wirkt stellenweise dunkel und melancholisch, doch hindurch leuchten ‚Licht‘ und ‚Hoffnung‘. Das, was wir in uns bewahren müssen. Als Wegweiser und Zufluchtsort, an dem man Frieden findet und mit sich selbst redet, um weiterzumachen und weiterzukämpfen. Gerade in diesen bizarr verrückten Zeiten, in denen gesunder Menschenverstand mit Feuer und Schwert verfolgt wird und uns Indianer vom Himmel mit ausgelassenem Gelächter begleiten.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Void (7.57)
2. Lust (10.20)
3. Nebula (4.21)
4. Mirrors (7.02)
5. Gorgona (5.11)
6. Cursed Delight (5.58)
7. Maggot Brain (orig. Funkadelic) (09.44)
Besetzung:
MMS
Adrian
