Koikoi: Pozivi u stranu
Label: Moonlee Records
Erscheinungsdatum: 4. 6. 2021
Produktion: Uroš Milkić
Albumlänge: 52.12 min
Genre: Indie Rock / Alter Pop / Art Rock
Wertung: 9.5/10
»Pozivi u stranu« ist das Studiodebüt des Belgrader Alternative-Rock-Quartetts Koikoi, das 2017 gegründet wurde. Eine weitere junge und einzigartige Band, die völlig unerwartet unter die Fittiche des slowenischen Independent-Labels Moonlee Records geriet — nachdem ebenso völlig unerwartete Demo-Aufnahmen in die Hände von deren A&R-Team gelangt waren, von denen das Label sofort begeistert war. Der Rest ist Geschichte.
Koikoi sind Alternative Rocker mit Art-Rock-Vorzeichen. Das bedeutet, dass sie auch ein Element eigenständiger Einzigartigkeit besitzen — sagen wir’s direkt: Sie sind eklektisch. In ihren Kompositionen entwickeln sie eine Musikalität, die sofort ins Ohr geht. Die Kompositionen sind von Indie-Pop- und Rock-Ästhetik durchdrungen und können jederzeit und mühelos die Wellen jeder Mainstream-Radiofrequenz reiten. Wer die amerikanischen Post-Punk-Revivalisten bzw. die Indie-Rock-und-Pop-Band DIIV kennt, wird bereits im Eröffnungsstück Ogledalo je zrcalo — und besonders im darauffolgenden Plan — einige gegenseitige künstlerische Parallelen auch zu Koikoi entdecken.
Interessant ist dabei, dass die Vocals häufig als gemischter männlich-weiblicher Chorgesang eingesetzt werden. Das Quartett greift gern auf chorale Strukturen zurück, die auch bewusste Wiederholungen auslösen — damit entwickelt die Gruppe eine enorm atmosphärische Dichte und verleiht dem expressiven Radius der Songs eine ganz eigene Charisma. Ein sogenanntes »balkanisches« Charisma (z. B. Dodol, Hrast).
Eine besondere schwere Philosophie gibt es hier nicht. Koikoi haben ein verinnerlichtes — sagen wir ruhig: angeborenes — Gespür für die Entwicklung einer theatralischen Atmosphäre. In erster Linie sind sie der Schaffung packender Klanglandschaften verschrieben, die dich in eine ganz eigene Welt hineinziehen — man könnte auch sagen: eine träumerische, leicht transzendentale Welt, in der das Dahintreiben mit abgeschaltetem Bewusstsein ausdrücklich erwünscht ist. Die Band scheut sich nicht, ihre Arrangements mit programmierten Samples und Loops zu schmücken, und setzt dazu auch sehr geschickt und feinfühlig Synthesizer-Pastellfarben ein. Die Band beweist bereits mit ihrem Debüt außerordentliche Kompositionstalente bei der Umsetzung musikalischer Visionskraft. Und dann ist da einer der interessantesten Songs des Albums: Misisipi, der sich unablässig weiterentwickelt. Graduell. Wellenförmig. Er verändert in jedem Moment sein Format und präsentiert auf einmal an einem einzigen Ort mehr als gelungen die gesamte musikalische Visitenkarte der Gruppe. Von hyperplasiven Salven ausgedehnter Gitarrenphrasen bis hin zu Momenten, in denen die Feinmechanik des Zusammenspiels von programmierten Loops und hinzugefügten Hintergrundvocals, die den Hintergrund einfärben, in den Vordergrund tritt. Etwas Ähnliches beschwört gegen Ende auch der ebenso bewegte und interessante Song Hangar herauf. Dann ist da noch Krinolina, wo der elektronische Charakter — übernommen von Bands wie Chromatics — in den Vordergrund tritt, mit einem einleitenden Gitarrenornament, das auf ähnliche Weise in die Komposition eingebettet ist, wie z. B. Depeche Mode es ab dem Album »Music For The Masses« mit Gitarren zu praktizieren begannen. Die Band schüttelt also unablässig einen Haufen interessanter künstlerischer Tricks aus dem Ärmel, die den Hörer positiv überraschen. »Kada ostari dan« bringt einen ganz eigenen Höhepunkt auf das Album. Noch ein theatralischer Song, begleitet von der Akrobatik einer Feinmechanik der Stimmungssteigerung. Das mündet in einem grandiosen Abschluss-Crescendo des Albums, das einem eine Gänsehaut beschert. So verleitet dich das Album selbst in seinem theatralischen Finale dazu, nach seinem Ende automatisch wieder den Befehl »Play« zu geben.
Im musikalischen Profil der Gruppe Koikoi kommt der Produktion besondere Bedeutung zu. Eine fein abgestimmte Produktion, die es versteht, Kontraste, Übergänge und Sprünge zwischen der Vielzahl der auf dem Album geschaffenen Stimmungszustände zu intensivieren. Besonders wichtig ist das Kontrastieren beim Hinzufügen jener kurzen und prägnanten Tupfer, mit denen die Band ihre Arrangements anreichert. Uroš Milkić ist der unbestrittene Meister des Sound-Engineerings, ohne den Koikoi niemals so betörend und ansteckend klingen würden, wie sie es auf ihrem Studiodebüt tun. Auf diesem hervorragenden Studiodebüt.
Eine weitere Band, die aufgrund ihrer vergangenen Leistungen etwas größer ist und der Gruppe ebenfalls spürbare Inspiration bietet, sind die britischen Radiohead. Vor allem in den anspruchsvolleren Passagen, in denen ein Dialog zwischen programmierten Samples und den sanfteren Pastellfarben von Gitarre und Bass entsteht. Die Gruppe kann sehr sanft sein, und schon im nächsten Moment die Atmosphäre komplett auf den Kopf stellen. Die Rhythmen sind einheitlich, einfach, laden zu Tanzbewegungen ein, sind aber kernig und in der Produktion deutlich hervorgehoben. Begleitet werden sie von einem ständig kontemplativen Dialog intensivierter Basslinien, die u. a. auch Raum für die Implantation von Melodie suchen.
»Pozivi u stranu« ist ein hervorragendes Studiodebüt. Koikoi beweisen schon mit ihrem Erstling künstlerische Eigenständigkeit, Unverwechselbarkeit und musikalische Einzigartigkeit — was nicht jeder Band gelingt. Ein ideenreiches, sehr dynamisches Album. Nicht nur auf der konzeptuellen, sondern auch auf der produktionstechnischen Ebene, die dem Album eine organische Lebendigkeit verleiht. Koikoi sind eine Band, auf die es sich lohnt, auch in Zukunft ein Auge zu werfen. Mit einem derart kühnen — sagen wir ruhig: überragenden — Debüt in der Tasche sind die Erwartungen an die nächsten künstlerischen Schritte der Gruppe entsprechend hoch. Alternative Rock mit der Intelligenz gigantischer künstlerischer Flexibilität.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Ogledalo je zrcalo (03:49)
2. Plan (03:32)
3. Dodol (03:54)
4. Misisipi (04:41)
5. Pozivi u stranu (07:59)
6. Hrast (04:21)
7. One koje bole boje se i vole (04:21)
8. Hangar (03:31)
9. Krinolina (05:05)
10. Kada ostari dan (06:12)
Besetzung:
Marko Grabež – Gesang, Gitarre
Ivana Miljković – Gesang, Synthesizer, Gitarre
Emilija Đorđević – Gesang, Bass-Gitarre
Ivan Pavlović ‚Gizmo‘ – Schlagzeug, Sampling
