Kočevje špila: … In svet se vrti

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Veröffentlicht von: Društvo kočevskih glasbenikov
Erscheinungsdatum: 28. 12. 2020
Produktion: verschiedene Produzenten
Finalisierung der Audioaufnahmen: Robi Bulešić
Genre: Kompilation / Verschiedene Künstler
Bewertung: 9.5 / 10
Offizielles Bandcamp-Profil!


Die Kompilation Kočevje špila sorgte auch Ende 2020 für ein Resümee des musikalisch-kreativen Pulses einer geheimnisvollen slowenischen Region, die – grob gesagt – das heutige, mit Gemeinden (über)reich bestückte Gebiet von Kočevje, Kostel, Osilnica, Loški potok, Loška dolina umfasst – das Gebiet rund um Ribnica darf jedoch keinesfalls dazugezählt werden, sonst entsteht eine Rivalität auf dem Niveau Laibach – Marburg oder Cerkno – Idria. Tatsächlich ist auch das Titelbild der diesjährigen Kompilation mit dem Titel »… In svet se vrti« ein Spiegel des aktuellen Zustands, den dieser kleine Stamm von zwei Millionen Umherirrenden auf der Sonnenseite der Alpen durchlebt. Flucht von der Erde. Wörtlich. Irgendwohin. Weg. Mit Maske oder ohne, mit Raumanzug oder ohne, notfalls nur mit dem Fahrrad – aber zwingend zumindest mit einer Gitarre.

Auch die diesjährige Kompilation eröffnet borstig und biss’ig, also in ähnlicher Manier wie das letztjährige »S srcem« (RockLine Rezension). Nur dass die ersten drei Minuten für absolutes musikalisches Chaos reserviert sind – eine Art »härtester Freejazz-Ausraster«, bei dem im großen Finale nur noch das Anzünden der Gitarre à la Woodstock fehlt, wenn die »tschechisch klingenden« Zdenek in Janek beherzt das mathematische Pi-Schicksal zerfetzen. Der einleitende, schockierend elementare »Streit« zwischen Saxofon und demoliertem Gitarrengeballer, das »einfach irgendwo landet«, legt die perfekte Piste für den Substanz-Angriff im Metal-Stil, den die altbewährten Thrash-Metal-Bekannten Nčodnč mit dem Track Gospodar raja mitbringen. Das Klimakterium aus Zorn und Wut breitet sich munter über die Kompilation aus, die immer mehr Groove und Thrash-Metal-Federung gewinnt, dank des neuen Septic Order-Tracks mit dem »aufmunternden« Titel Offspring of Death. No Commnet legen danach mit Ne verjamem noch etwas Hardcore-Benzin nach, und die ätzend gesellschaftskritische Flamme der Kompilation lodert schon gefährlich, wenn sie laut und ohrenbetäubend die Natur ihrer Zungen zur Schau stellt.

Die Kompilation steigt im weiteren Verlauf vom halsbrecherischen Entwicklungstempo herab, wenn wir auf wohl den durchdringendsten Liedermacher-Namen aus der Kočevje-Gegend treffen – den bereits fast legendären Roman Zupančič, der einen neuen, ausgezeichneten Track geliefert hat voller geistvoller und treffend schelmischer Poesie. Der ist eine Art Reflektion der Post-Midlife-Crisis, in die sich (echte) Männer gewöhnlich wie am Fließband wiederfinden. Betonung auf ‚echt‘ – aus Rücksicht auf jene, die im heutigen modischen Zeitgeist in einem männlichen Körper nicht sonderlich männlich fühlen. Roman hat seinen neuen »schwarzen südländischen Blues-Walzer« brillant aufgestellt, der noch immer von reichlich Testosteron angetrieben wird. Eine Blondine, eine Brünette – was gibt es Schöneres? Der schwarze Sarkasmus wird auch diesmal obligatorisch von Romans leicht angerauchtem und angenehm streichelndem, tiefer intoniertem Vokal begleitet. Wie immer. Roman kann mit seiner ausgemeißelten Charisma nicht enttäuschen; seinen Beitrag leistet auch die Integration von Slide-Gitarren-Melodien, die mehr Dynamik in das Kompositionsschema bringen. Mit noch mehr Slide-Momenten ist der folgende Track Delojemalec verknüpft, unter der Regie von Patina. Das typisch schwarze und freimütige slowenische Jammern, das über Jahrzehnte zu unserer Mantra geworden ist, wirkt wie eine lang vermisste, verlorene, aber vierzig Jahre jüngere Fortsetzung von Kovačičs Delam. Der Sarkasmus ist besonders im abschließenden Crescendo brillant, wenn dem Hauptthema Chorgesang hinzukommt, der fast an alte Partisanen-Schlachtlieder grenzt – diesmal allerdings als Requiem für die neuzeitliche Sklaverei. Es folgen Blues Bennt, die mit dem Track Vse je res mehr Blues auf die Kompilation bringen, unterstützt durch die Rhetorik der Funky-Rhythmik sowie einen Sprung in eine kabarettistisch-jazzige Blues-und-Swing-Mid-Eight-Passage, womit das vorhersehbare Blues-Format angenehm aufgelockert wird. Wie ihr vielleicht bis zu diesem Punkt selbst bemerkt habt, gewinnt die Kompilation von Minute zu Minute, von Track zu Track, immer mehr Genre-Vielfalt. Tatsächlich weicht sie auch nicht dem Moment höherer Jazz-Purismus-Form aus, den das Instrumental von Goran Bilbija mit dem bedeutungsvollen Namen Jazzy liefert. Ein außerordentlich schönes, fließendes, glattes Gitarrenspiel, basierend auf der Suche nach organischen Klangpastellfarben altehrwürdiger Jazz-Natur.

Die Kompilation hat auch The Over Drive Cats nicht ausgelassen – ein neuer Rockabilly-Moment mit Cheek to Cheek; und wieder dabei sind Nika in Nejc mit einem weiteren Track, wie ihn das typische weiblich-männliche Liedermacher-Tandem des slowenischen Musikumfelds mitbringt. Das klassisch angelegte, rein akustische Ne morem več klopft zudem an die Tür der Radiofrequenz-Wellen. Die Pop-Natur vertieft im weiteren Verlauf noch ein streng kantautorischer Track. Das ist Le misel, unter der Regie der Sängerin Klavdija Jaketič a.k.a. ClaudiZu, ebenfalls eine Bekannte der vergangenen Kompilation, die mit ihrer sinnlichen Zartheit überzeugt. Sehr gelungen erweist sich der Track von Marko Padovac mit dem Titel Pesem zanjo. Ja. Wieder sind wir bei einem Moment, der einen Platz im Radio finden könnte. Das allgemein angelegte, vorhersehbare Formatieren des Tracks wird sehr geschickt durch hinzugefügtes Sampling und Keyboard-Melodien aufgelockert, und der Track bekommt dadurch eine eigenartige Aura. Auch wegen der vokalen Natur an sich. Melancholie zum Schneiden. Und das gilt nicht nur für Pesem zanjo. Auf der einen Seite Wut, auf der anderen Melancholie – die Grundgefühle der Kompilation »… in svet se vrti« als Reflektion des Geisteszustands der heutigen Gesellschaft. Der slowenischen Gesellschaft. Ehrlicher geht’s nicht.

Das große Finale der Kompilation gewinnt noch mehr Genre-Buntheit. Hier ist der altbewährte DJ Krosheer mit einem neuen elektronisch-tänzerischen Instrumental und einem Ansatz, der den Adrenalin vor allem in den Nachtclubs zu Beginn der Neunziger ins Blut gepumpt hat. Der abschließende Teil der Kompilation gehört dem Hip-Hop, der wieder mehr als würdig vom unglaublich scharfsinnigen, zungengewandten »Donnerer« Dirty O.G. im Track  Spomini vertreten wird.

Kurz gesagt. Der Auftrag bleibt unbefleckt. Das Društvo kočevskih glasbenikov bewahrt seine standfeste und beherzte Haltung. Es fehlt nicht an jenen ruckartigen Zuckungen der unerschütterlich trotzigen Erektion (Aufgerichtetheit).  Auch wenn die Welt um diese mutigen und unglaublich herzlichen Akteure unaufhaltsam in Staub und Asche zerfällt, schauen sie nicht darauf. Im Gegenteil – sie zeigen noch mehr Verbissenheit. Kočevje bewahrt seine unglaubliche Sieghaftigkeit! Die Kompilation spiegelt ein unglaubliches Phänomen: dass auf einem kleinen Fleckchen des kleinen Sloweniens ein so prägnantes und vielfältiges Genre-Mosaik an Musikerinnen und Musikern nebeneinanderexistiert. Die Zeiten sind nicht rosig, aber das Phänomen lebt weiterhin. Beschützt wird es durch Liebe, Leidenschaft, Willen, Hingabe und den starken gegenseitigen Zusammenhalt der Kočevjaner. Respekt. Möge es ewig leben.

Autor: Aleš Podbrežnik

Liste der Ausführenden und Tracks der Kompilation:
1. Zdenek in Janek – 3,14159 (04:56)
2. Nčodnč feat. Maca – Gospodar raja (03:16)
3. Septic Order – Offspring of Death (03:13)
4. No Comment – Ne verjamem (03:10)
5. Roman Zupančič – Ena blont, ena brinet (03:41)
6. Patina – Delojemalec (03:29)
7. Blues Bennt – Vse je res (04:44)
8. Goran Bilbija – Jazzy (03:37)
9. The Over Drive Cats – Cheek to Cheek (02:47)
10. Nika et Nejc – Ne morem več (03:05)
11. ClaudiZu – Le misel (03:31)
12. Marko Padovac – Pesem zanjo (03:33)
13. Krosheer – Defect (Radio Edit) (03:30)
14. Dirty O.G. feat. Iva – Spomini (04:17)


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