Kenny Wayne Shepherd: Dirt On My Diamonds Volume 2

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Label: Provogue Records / Mascot Label Group
Erscheinungsdatum: 20. 9. 2024
Produktion: Kenny Wayne Shepherd & Marshall Altman
Länge: 32. 15 min
Genre: Blues Rock
Bewertung: 8.5/10

Kenny Wayne Shepherd ist wieder so ein weißes Phänomen der Blues-Rock-Fusion, das mit seinem ausdrucksstarken Talent dafür sorgt, dass der urmenschliche Genre namens Blues auch im post-millenialen Zeitalter aktuell bleibt. Vor allem deshalb, weil Kennys Blues immer wieder mit bemerkenswerter Leichtigkeit meisterhaft in eine Fusion anderer Genres verpackt ist. In den „Schmelztiegel“ der künstlerischen Eigenständigkeit dieses außergewöhnlichen amerikanischen Singer-Songwriters!

Kenny ist die Generation von Joe Bonamassa. Sein Altersgenosse. Einen Monat jünger. Bei der Veröffentlichung seines ersten Albums war er deutlich schneller als Joe – das erschien bereits Mitte der Neunziger –, doch Letzterer holte ihn mit seiner Hyperproduktivität schnell ein und überholte ihn. Dabei sind beide Musiker spürbar verschiedene musikalische „Bestien“. Bei Kenny findest du seltener direkte Assoziationen mit Led Zeppelin; wenn überhaupt, tritt eher mal die Nähe zum Southern Rock, ja sogar zum Country in den Vordergrund. Klar. Texas ist eben Texas. Beide schuften in den Visionen ihrer Fusion aber in erster Linie dafür, die Mitreißkraft ihrer Kompositionen zu maximieren! Bis zu einem gewissen Grad und offen gesagt: Pop-Invasivität!

Die Raffinesse von Kennys Arrangierkunst bleibt einer der attraktivsten Reize, die zum gemeinsamen Hören seiner Werke einladen. Vielleicht ist gerade das jüngste – »Dirt On My Diamonds Volume 2«, das seinem Vorgänger »Dirt On My Diamonds Volume 1« nach weniger als einem Jahr folgte – in seiner Reife sogar noch eine Stufe höher angesiedelt. Kenny ist ein außergewöhnlich technisch versierter und geschliffener Gitarrist. In seinen Tricks spürst du die Inspiration durch Stevie Ray Vaughan. In seinen solistischen Ausflügen sehr durchdacht. Er verschwendet keine Töne. Er platziert sie mit außerordentlichem Geschick, demonstriert dabei aber in einem Atemzug immer wieder eine unglaubliche Geschwindigkeit und Präzision – was besonders fesselnd ist und unter anderem eben an Kennys Orientierung an Stevie Ray Vaughan erinnert.

Alles ist der Komposition untergeordnet. Dem Charakter! Von Kopf bis Fuß. Damit sie den Hörer packt und hält. Ihn führt und mitnimmt. Diesmal gibt es acht Kompositionen. Mit dem ZZ Top-Cover She Loves My Automobile, das angesichts der Auswahl und Kennys künstlerischer Neuverkleidung das Album »Dirt On My Diamonds Volume 2« äußerst stimmig, gefällig und reizvoll abschließt. Die Produktion ist erneut außergewöhnlich organisch und warm. Die Kontraste zwischen den Elementen des Klangbildes sind intensiviert und sprechen nach dem Prinzip eines Konzertauftritts im Studio an. Der Sound ist unglaublich reich und voll. Das Gitarrenspiel bleibt dabei sein eigenes Kapitel im Gesamtgefüge – und genau das, wofür du immer wieder zu Kenny und seinen Werken zurückkehrst. Immer wieder. Auch diesmal. Witz und Besonnenheit. In großartiger gegenseitiger Kontemplation. Ununterbrochen. Ein Element, das bei Kenny Konstante ist.

Kenny hat diesmal sogar mehr reife Sophistication geboten im Vergleich zum donnernder eingestellten, direkt ansprechenden Vorgänger »Dirt On My Diamonds Volume 1«. Mehr Groove und rhythmische Verspieltheit mit ausgeprägtem Funk-Charakter als beim Vorgänger. Der vorletzte Track Pressure bringt in dieser Hinsicht den Höhepunkt von Kennys Fusion aus Funk, Hard Rock und Blues auf dem neuen Album. Man würde sich nicht wundern, wenn dieser Track die Augenbrauen von Lenny Kravitz hochzöge – und vielleicht auch von einem gewissen Jay Kay von Jamiroquai. Alles ist natürlich entschieden in Kennys Manier umgesetzt. Es lohnt sich hervorzuheben, dass die diesmalige Integration von Saxofon und Trompete einer der zentralen Bausteine ist, der vor allem in den Groove-Arrangements dem Ganzen absolut das Tüpfelchen auf dem i der dynamischen „Durchfluss“-Intensivierung des Werks setzt. Pressure ist in Bezug auf diese Manöver definitiv der siegreiche Track.

Das Album zieht sofort los. Mit I Got A Woman, einer perfekten Eröffnung. Schon da schleichen sich Groove-Kinetik und Bläser ein. Der Groove-Unterton wird noch intensiver beim folgenden The Middle, das von einem Funk-Federbett angetrieben wird (unterstützt durch zusätzliches Schlagwerk). Dann ist da der balladenhafte Blueser My Guitar Is Crying, wo die Gitarre dem Titel entsprechend buchstäblich weint – was besonders meisterhaft hervorgehoben wird, wenn sich der Raum für Soli öffnet. Jeder gespielte Ton – eine eigene Emotion. Unterstützt von der Wärme der Hammond-Orgel. Long Way Down ist der lauteste Punkt des Albums mit einer donnernden, abgehackten Hauptphrase. Never Made It To Memphis spricht sehr ähnlich an wie das Eröffnungsstück I Got A Woman, weshalb Kenny es als ersten Track der B-Seite des Vinyl-Formats gewählt hat! Ein unglaublich mitreißender Track, der sofort die Aufmerksamkeit packt und dich ans Weiterhören fesselt. Das Album bleibt bis zu seinem Abschluss mit der brillanten ZZ Top-Adaption fesselnd. Was soll man sagen – ein Meister bleibt ein Meister.  

Kenny Wayne Shepherd thront auch mit seinem neuesten Werk an der Spitze der größten Meister der genreübergreifenden Rock- und Blues-Fusion. Alle Markenzeichen sind da, wobei der zweite Teil der „ungeschliffenen Diamanten“ eine andere Geschichte erzählt als der erste. Also! Eine Revolution kannst du nicht erwarten. Die ausdrucksstarke Verortung innerhalb der gesteckten Grenzen der genreübergreifenden Kulisse ist klar. Aber es ist Kennys einzigartige Rezeptur. Und genau das wollen und wünschen sich seine Fans. Ausdruckstreue im Artismus – und das versteht Kenny phänomenal und hält daran in vollem Umfang auch auf diesem wunderschönen neuen künstlerischen Werk fest!

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
1. I Got A Woman
2. The Middle
3. My Guitar Is Crying
4. Long Way Down
5. Never Made It To Memphis
6. Watch You Go
7. Pressure
8. She Loves My Automobile (ZZ Top cover)

Besetzung:
Kenny Wayne Shepherd – Gesang, Gitarre
Noah Hunt – Gesang
Jim McGorman – Keyboards
Joe Krown – Keyboards
Zac Rae – Keyboards
Joe Sublett – Saxofon
Mark Pender – Trompete
Kevin McCormick – Bassgitarre
Chris ‚Whipper‘ Layton – Schlagzeug


Kenny Wayne Shepherd Band – „Dirt On My Diamonds Volume 2“
https://open.spotify.com/album/56ZOoXwxlC5UfRqsEc5mOG
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