Kayak: Out of This World

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Label: Insideout Music
Erscheinungsdatum: 7. 5. 2021
Produktion: Kayak
Albumlänge: 70.53 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10


»Out of This World« ist das achtzehnte Studioalbum der kultigen niederländischen Progrocker Kayak, die den meisten Liebhabern guter Musik vor allem durch ihren Klassiker »Ruthless Queen« aus dem Jahr 1978 bekannt sind — ihr einziger kommerzieller Erfolg, und das hauptsächlich im eigenen Land. Progrock-Gourmets hingegen schwören vor allem auf ihre Alben aus den Siebzigern, obwohl die Band auch nach ihrer Wiedervereinigung im Jahr 1999 eine ganze Reihe beachtlicher Werke geschaffen hat. Die neueste Inkarnation von Kayak, die sich mit dem sehr gelungenen »Seventeen« (2018) im Studioformat vorstellte, setzt den ähnlichen, überwiegend symphonisch-progrockigen Kurs auf dem noch ambitionierteren »Out of This World« fort.

Keyboarder und Bandkopf Ton Scherpenzeel — zugleich letztes verbliebenes Gründungsmitglied, Produzent und Autor des Großteils der Musik — hat dafür gesorgt, dass »Out of This World« geradezu in reichen und oft pompösen Orchesterarrangements schwelgt. Dennoch bestehen Kayak, die stets auf die melodische Struktur ihrer Werke schwören, neben den starken symphonischen Progelementen seit jeher darauf, auch eine gehörige Portion Artrockeinflüsse in ihre eklektisch ausgerichtete Musik einzubauen. Einer der Schlüsselfaktoren für diese Artrock-Würze ist der stimmliche Ansatz von Gitarrist Marcel Singor, der in Momenten an den legendären David Bowie erinnert, während Leadsänger Bart Schwertmann stimmlich häufig an den ehemaligen Kayak-Sänger Edward Reekers gemahnt.

»Out of This World« ist ein Album, das quasi nach Maß für langjährige Fans und Liebhaber melodischen Symphonig-Progs mit Artrock-Nuancen geschneidert wurde — ohne Poprock-Momente und ohne größere experimentelle Ausreißer. Oft klingt es, als wäre es irgendwo in der zweiten Hälfte der Siebziger entstanden, als Kayak mitten in ihrer größten künstlerischen Blütezeit steckten. Die schärfste Kritik trifft den Abschlussteil des Albums, vor allem die beiden letzten Stücke, die nicht auf dem Niveau des Großteils der übrigen Tracks sind und einen etwas zähen Schlusseindruck hinterlassen. Wäre »Out of This World« um, sagen wir, zwei Songs kürzer, hätte das genau gereicht, damit er im Finale nicht leicht an Fahrt verliert.

Der Eröffnungs- und zugleich Titeltrack »Out of This World« liefert einen brillanten Albumauftakt. Das ist ein Stück mit allen Merkmalen eines Kayak-Klassikers: pompöse barocke Arrangements, dramatische Steigerung, Mehrstimmigkeit, erstklassige Harmonien zwischen Gitarre und Keyboards, interessante Gitarrenfiguren und ein epischer Refrain. Auf dem artrockig ausgerichteten »Waiting«, einem weiteren feinen Stück mit brillantem Refrain und geheimnisvoller Atmosphäre, ist Singors stimmliche Verwandtschaft mit Bowie mehr als offensichtlich. Auch strukturell erinnert dieser Song an etwas, das Bowie hätte schaffen können — was viel über die allgemeine Eklektik der Kayak-Musik sagt.

»Under a Scar«, mit seiner glänzenden Verbindung aus dramatischen Sinfoniarrangements und mächtigen Vokalharmonien, hält den hervorragenden Eindruck aufrecht, den der Eröffnungsteil dieses Albums hinterlässt. »Kaja« ist ein wehmütiges Instrumental mit melancholischem Gitarren-Solo und Klavierbegleitung, das vermutlich einer gewissen fatalen Frau namens Kaja gewidmet ist. Mit diesem kurzen, aber atmosphärisch reichen Instrumental sind Kayak einer möglichen überzuckerten Ballade recht geschickt aus dem Weg gegangen.

»Mystery«, ein weiterer Höhepunkt von »Out of This World« und eine überaus gelungene Kreuzung aus Symphoprog und Arena-Rock, die oft klingt, als wäre sie irgendwo um 1978 entstanden, enthält „Queen“-hafte Vokalharmonien, eine mächtige Hauptmelodie und epische Sinfoniarrangements. »Critical Mass« lässt sich ebenso als künftiger Kayak-Klassiker bezeichnen: interessante instrumentale Einschübe, außergewöhnlich farbige Keyboard-Gitarren-Harmonien, ein wuchtiges Gitarren-Solo und eine erstklassige Gesangsdarbietung von Schwertmann. »As The Crow Flies« ist eine atmosphärisch äußerst abwechslungsreiche Ballade mit melancholischem Hauptarrangement und vielfältiger Mehrstimmigkeit, die aufgrund des „folkloristischen“ Textes mit großer Wahrscheinlichkeit auch Fans der modernen Helden des romantischen Symphonic Prog Big Big Train gefallen wird. »The Way She Said Goodbye« ist die nächste facettenreiche Ballade mit üppigen symphonisch-akustischen Arrangements. Bevor jemand mit dem Einwurf „eine Ballade reicht völlig“ aus dem Stegreif losschießt, sei darauf hingewiesen, dass es sich keineswegs um eine überzuckerte „Schmalzballade“ handelt.

Der für Kayak-Verhältnisse relativ treibende, aber angemessen pompöse »Traitor’s Gate« ist eine weitere überaus gelungene Kreuzung aus Symphonic Prog und Arena-Rock, die mit ihrem epischen Flair und den mächtigen Gitarren-Keyboard-Harmonien sicher auch Fans der Kultband Magnum ansprechen wird. »Distance To Your Heart« ist ebenfalls eine höchst ansprechende Schöpfung, die trotz ihres Liebestexts keine Zuckerballade, sondern eine atmosphärisch überaus intensive Komposition mit pompöser Mehrstimmigkeit und lebhaften Orchesterarrangements ist.

»Red Rag To a Bull« eröffnet mit nostalgisch klingenden Mini-Moog-Passagen und geht rasch in einen höchst eklektischen Symphoprog-Rock-Standard über. Die Ballade »One By One« ist der erste Moment auf dem Album, an dem die Dinge leicht „sauer werden“ — und zugleich die einzige Ballade auf dem Album, die man als etwas zu süßlich und zäh bezeichnen kann. Der Abschlussteil bessert den Eindruck nicht: Er klingt wie musikalische Begleitung für den Abschied des Weihnachtsmanns von den Kindern, nachdem er alle Geschenke erfolgreich verteilt hat.

Das epische Meisterwerk »A Writer’s Tale« hingegen zählt zu den Höhepunkten von »Out of This World« und wäre als Abschlussstück eigentlich besser aufgehoben gewesen, da die beiden folgenden Stücke qualitativ schlicht nicht mithalten können. Hier geben Kayak wieder alles und schaffen eine atmosphärisch und arrangementtechnisch außergewöhnlich eklektische Komposition, mit der sie den insgesamt sehr guten Gesamteindruck von »Out of This World« festigen. Die abschließenden beiden Kompositionen — »Cary«, gewürzt mit einer übertrieben ausgelassenen Ringelreihen-Atmosphäre, und das melancholische, aber zugleich etwas langweilige »Ship of Theseus« — passen überhaupt nicht zum Rest von »Out of This World« und wären als Bonustracks einer Sonderedition dieses Albums besser aufgehoben.

Nur wer mit Kayak absolut nichts anfangen kann, wird überrascht sein, dass »Out of This World« auf dem Niveau der besten Werke dieser niederländischen Progrock-Granden liegt. Auch wenn die letzten beiden Songs und die entbehrliche Ballade den insgesamt äußerst begeisternden Eindruck etwas trüben, gehört »Out of This World« zweifellos zu den Hauptkandidaten für das beste Progrock-Album des Jahres 2021. Man könnte an einer Hand abzählen — und käme kaum auf die Finger — welche Bands aus dem goldenen Zeitalter des Progressive Rock (die Siebziger) heute noch Alben von solcher Qualität produzieren, wie es den Mitgliedern der aktuellen Version von Kayak gelingt.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik

Trackliste:
1. Out Of This World
2. Waiting
3. Under A Scar
4. Kaja
5. Mystery
6. Critical Mass
7. As The Crow Flies
8. The Way She Said Goodbye
9. Traitor’s Gate
10. Distance To Your Heart
11. Red Rag To A Bull
12. One By One
13. A Writer’s Tale
14. Cary
15. Ship Of Theseus

Besetzung:
Bart Schwertmann – Gesang, Hintergrundgesang
Ton Scherpenzeel – Keyboards, Gesang, Hintergrundgesang
Marcel Singor – Gitarre, Gesang, Hintergrundgesang
Kristoffer Gildenlöw – Bassgitarre, Gesang, Hintergrundgesang
Hans Eijkenaar – Schlagzeug

Gastmusiker:
Maria-Paula Majoor – Violine
Daniel Torrico Menacho – Violine
Francesco Vulcano – Violine


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