KK’s Priest: Sermons Of The Sinner

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Label: Explorer1 Music Group
Erscheinungsdatum: 1. 10. 2021
Produktion: KK’s Priest
Albumlänge: 50.35 min
Bewertung: 9.0/10
Genre: Heavy Metal


KK’s Priest ist das neue Heavy-Metal-Projekt, das der ehemalige Judas-Priest-Gitarrist K. K. Downing im Februar letzten Jahres aus der Taufe gehoben hat. „Sermons of the Sinner“ ist damit das erste offizielle Studiomanifest von Downings neuer Crew. Neben K. K. Downing an der Gitarre komplettieren folgende Musiker die Besetzung von KK’s Priest: der berühmte „Feuerwehrmann auf Abruf“, zwischen 1994 und 2002 Ersatz- und Ex-Judas-Priest-Sänger Tim Ripper Owens, Gitarrist AJ Mills (Hostile), Bassist Tony Newton (Voodoo Six) und Schlagzeuger Sean Elg (Deathriders, Cage). Der ehemalige Judas-Priest-Drummer Leslie Binks, der eigentlich von Anfang an als fester Bestandteil von KK’s Priest vorgesehen war, musste seine Beteiligung am Album absagen, weil er sich kurz vor den Aufnahmen das Handgelenk verrenkt hat. Er wird die Band aber auf Tour als besonderer Gastmusiker begleiten – zumindest sagen das KK’s Priest so.

Ja. Da stecken jede Menge Fragezeichen und Wenns drin. Es war April 2011, als K.K. Downing seinen endgültigen Abschied von der Band ankündigte, die er mitgegründet hatte, deren Visionär er war und für die er eine Reihe unvergesslicher Riffs geschrieben hat, die zum Kultkodex des Heavy Metal wurden. Wir reden von den klassischen Judas-Priest-Zeiten, die mit dem Album „Painkiller“ 1990 ihren Abschluss fanden. Warum ist Downing in all diesen Jahren nicht zu seiner Stammband zurückgekehrt? Gerade jetzt, wo die Besetzung gesundheitlich aus allen Nähten platzt? Um der Band, in der aus den klassischen Tagen nur noch Ian Hill und Rob Halford verblieben sind, wenigstens etwas von der ursprünglichen DNA zurückzugeben? Ist nicht passiert. Und wird sehr wahrscheinlich auch nicht mehr passieren. Die Jahre haben die Musiker eingeholt – und überholt. 

Na, KK’s Priest ist Downings Antwort auf das alles. Er hat einen guten Griff bewiesen, als er Tim ‚Ripper‘ Owens ans Mikrofon geholt hat. Groß war seine Wahl ohnehin nicht, denn „Sermons of the Sinner“ ist im Grunde ein Album, das genau in der Manier geschrieben wurde, die wir alle nach „Painkiller“ von Judas Priest erwartet hatten – stattdessen bekamen wir mit Rippers zwei ziemlich andersgeartete Alben, nämlich das zu Unrecht unterschätzte „Jugulator“ und „Demolition“. „Sermons Of the Sinner“ fährt an mehreren Stellen in den Spuren von „Painkiller“ (der Titeltrack mit Rippers vernichtend-grellem Geschrei hat einige Parallelen zu Metal Meltdown) wie auch von „Angel of Retribution“. Auch wenn er wie ein Bruder wirkt, ist „Sermons of the Sinner“ dennoch seine ganz eigene Bestie.

Downing hat mit seiner Crew also ein Album rausgehauen, das in gewisser Weise ein Judas-Priest-Album ist. Abgekupfert ist es keineswegs – denn Downing ist, wie gesagt, zusammen mit Ian Hill der Vater von Judas Priest. Er schreibt heute nur seine Riffs für eine andere Band. Und „Sermons of the Sinner“ ist ein verdammt gutes Album. Anders geht’s gar nicht. ‚Ripper‘ tötet mit seiner Stimme, sein Höhenregister (besonders im Titeltrack) bleibt makellos. Dazu gibt es Gitarrenduelle messerscharfer Gitarren, die in einem brillanten Dialog zwischen Downing und AJ Mills miteinander leben. Genau das, was für Downing in der post-millennialen Ära bei Judas Priest zunehmend zur Qual, zur Mission Impossible wurde. Auch wenn er und Tipton als ultimatives Gitarrenduo in der Geschichte des Heavy Metal für immer in goldenen Lettern eingraviert bleiben.

„Sermons of the Sinner“ ist also Metal bis auf die Knochen, der ohne Umschweife direkt ins Gesicht tritt, die Zähne zeigt und das Eingeweide zerfleischend zerreißt. Ohne Komplikationen, aber mit voller zerstörerischer Kraft und Intensität. Old-School und so, wie wir es uns im Stillen erhofft hatten. Auch wenn eine vollständige Rekapitulation der alten Zeiten nicht mehr möglich ist – und wenn wir ehrlich sind, auch nicht mehr erwünscht wäre –, klingt das Material auf „Sermons of the Sinner“ immer wieder sehr nostalgisch und streckenweise auch retro-artig. Das Material ist scharf geschliffen und greift gnadenlos an. Auf dem Album gibt es einige Momente, die sehr klassisch klingen und sogar mit dem Übergang von den Siebzigern in die Achtziger flirten, wie Brothers Of the Road, das im Jahr 2021 einen Tick naiv wirkt, ja fast unangenehm altväterisch-Saxon-mäßig – und damit den einzigen kleinen Stolperer des Albums markiert.

An anderen Stellen hebt dieses Album dagegen triumphierend, feierlich und besonders stürmisch ab – allen voran das wirklich großartige Metal Through And Through. Das ist ein gut achtminütiger Mini-Symphonic-Metal-Epos, dessen Herzstück die Aufmerksamkeit auf sich zieht: ein Feuerwerk mehrteiliger Gitarrensoli, die Mills und Downing einander mit Hochdruck zuspielen. Das gelingt ihnen in einer nicht weniger faszinierenden Manier, als es einst Downing und Tipton getan haben. Der Track hat jede Menge Stimmungsumschwünge und besitzt eine exzellente Dynamik im Spannungsaufbau. Das Herzstück des Albums und definitiv der kreative Höhepunkt. Das abschließende Return of the Sentinel lässt sich als Fortsetzung des „Defenders of the Faith“-Klassikers verstehen, auch wenn die Komposition deutlich anders ist – wieder in die Länge gezogen nach dem Vorbild von Metal Through And Through, mit einem bewusst ausgedehnten ruhigen Ausklang, der als tatsächlicher Exit des Albums gelesen werden kann. Im klassischen mittleren Tempo und sehr nostalgisch zündend auch Raise Your Fists – die Energie ist vergleichbar mit dem eisernen Judas-Priest-Klassiker You’ve Got Another Thing Comin‘.

Ein besonderes Kapitel des Albums sind natürlich seine bissigsten Tracks! Da ist das schwindelerregend rollende Wild And Free, das in seiner Phrasierung Assoziationen zum Hauptriff von Freewheel Burning weckt, mit einem Einstiegsübergang, der auch einem Moment des Albums „Screaming For Vengeance“ entstammt sein könnte. Hail For The Priest trägt einen sehr ähnlichen Titel wie einer der Tracks auf Judas Priests Album „Sin After Sin“ (1977), adressiert aber die Gegenwart mit ausgesprochen gezackten Zähnen – dominiert wird es vom Zucken der leitenden Gitarrenriffs mit Gitarrenharmonien (Terzen) sowie natürlich vom rasenden ‚Ripper‘, der über das ganze Album hinweg permanent auf der Lauer liegt. Was die Aggressivität angeht, stehen diese beiden Songs dem besonders eingängigen Hellfire Thunderbolt, das das Album eröffnet, sehr nahe und könnten auf der Tracklist problemlos die Plätze tauschen. Sacerdote Y Diablo trägt im Intro einige entfernte Assoziationen zu Between The Hammer And The Anvil, und wenn nichts anderes, trifft K.K. mit seiner Crew hier das verdammt unheilvolle Stimmungsbild des todbringenden Griffs des „Schicksalsarms des Bösen“ sehr gut. Die beiden Gitarristen brillieren an dieser Stelle erneut im gegenseitigen Zuspielen geteilter Gitarrensoli. Dieses jonglieren zwischen den beiden ist ein Element, das besonders anzieht – als vollkommen eigenständiges musikalisches Element im Genre des klassischen Metal. Und so weckt es auch auf diesem Album besonders intensiv die Ära der klassischen Judas Priest.

Liebhaber von Charakter und Werk der klassischen Judas Priest – oder genauer: von Charakter und Werk der klassischen Judas-Priest-Riffs, die K.K. Downing geschaffen hat – werden an diesem Album einfach nicht vorbeikommen. Genauso wenig, wie sie es im Jahr 2000 konnten, als Rob Halford das phänomenale „Resurrection“ veröffentlichte. Das brüderliche „Sermons of the Sinner“ wird definitiv ihre Sammlung von Judas-Priest-Alben ergänzen. Es lässt sich problemlos neben alles stellen, was die Diskografie von Judas Priest umfasst. Wie gesagt: Der legendäre Gitarrist ist zurück. Nicht ganz so, wie wir dachten, aber Hauptsache, er ist es – und schade, dass er so lange mit der Rückkehr gewartet hat. Inzwischen schreibt die Crew bereits fleißig an einem neuen Album, das schon nächstes Jahr oder spätestens 2023 erwartet werden kann. Das alte Schlachtross hat noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Die Gelenke sind fest, die Knochen des „Dinosauriers“ noch immer geölt, das Biest lechzt nach Blut und mahlt gnadenlos weiter. Willkommen zu Hause, K.K. Und schließlich – willkommen zu Hause auch, ‚Ripper‘.

Autor: Aleš Podbrežnik

P. S.: Über dieses Album lässt sich ohne Weiteres sagen, dass es das „verlorene Judas-Priest-Album“ ist, das wir alle erwartet haben, als die Legende 1996 ‚Ripper‘ als Sänger übernahm. Wer gehofft hatte, dass K.K. kein Schwesteralbum seiner Stammband abliefern würde und es experimenteller angehen würde, hat sich geirrt – denn K.K. ist, wie gesagt, der Vater vieler klassischer Judas-Priest-Riffs und wird seine musikalische Philosophie deshalb nicht ändern. Die Zeiten des Experimentierens bei Judas Priest hat K.K. mit „Demolition“ und „Jugulator“ durchgemacht, die, wie gesagt, durchaus anständige, aber zu Unrecht übersehene Alben sind. Sein Glaube an die Band begann jedoch angesichts des Experimentierens, das offensichtlich einen Tropfen zu viel darstellte, nach dem ziemlich mauen Ergebnis, das „Nostradamus“ (2008) verkörpert, zu schwinden.


Trackliste:
1. Incarnation
2. Hellfire Thunderbolt
3. Sermons Of The Sinner
4. Sacerdote Y Diablo
5. Raise Your Fists
6. Brothers Of The Road
7. Metal Through And Through
8. Wild And Free
9. Hail For The Priest
10. Return Of The Sentinel

Besetzung:
Tim ‚Ripper‘ Owens – Gesang
K. K. Downing – Gitarre
AJ Mills – Gitarre
Tony Newton – Bassgitarre
Sean Elg – Schlagzeug

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