Journey: Freedom

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Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 8. 7. 2022
Produktion: Narada Michael Walden, Neal Schon & Jonathan Cain
Albumlänge: 73.13 Min.
Genre: AOR
Wertung: 8.5/10


Journey melden sich mit ihrem fünfzehnten Studioalbum zurück. Es trägt den Titel »Freedom«. Was zur Hölle ist eigentlich Freiheit? Lässt sie sich aufs Brot schmieren? Wie auch immer. Ob man will oder nicht – hier ist die lang ersehnte Studio-»Buße« der alten Füchse. Ein paar einleitende Feststellungen vorweg. Als Orientierung für alle, die keine Lust auf längere Abhandlungen haben. Das Album ist sehr gut – von den drei mit Pineda am Mikro veröffentlichten zwar das am wenigsten überraschende oder sagen wir: das »berechenbarste«, aber von Anfang bis Ende ein waschechtes Journey-Album. Detailliert und ausgefeilt. Es kann und will nicht enttäuschen. Es atmet den sprichwörtlichen Perfektionismus, der Journey als Band und als Werk unweigerlich begleitet. Es vermittelt ein »trügerisches« Gefühl einer etwas ausgefeilteren Produktionshandschrift gegenüber dem Vorgänger »Eclipse« (2011), auch wenn manche Riffs von Schon eine überraschende Schärfe entwickeln (dazu später mehr). Das Duo Cain-Schon hat sich einmal mehr als unverzichtbar erwiesen. Solange diese Zusammenarbeit hält, dürfen wir von einem authentischen Unikat sprechen – allem, was unter dem Namen Journey erscheint.

Schon und Cain hatten einigen Ärger, bevor »Freedom« erste echte Konturen annahm. Zunächst mussten sie die Querelen mit Valory und Smith klären, die beide wegen Veruntreuung aus der Band geflogen waren. Schon holte daraufhin Bassist Randy Jackson ins Boot – den Fans aus der Zeit des Albums »Raised On Radio« (1986) bestens bekannt – sowie den außergewöhnlichen Produzenten und Schlagzeuger Narada Michael Walden. Beide brachten sich aktiv in die Entstehung des neuen Albums ein. Narada war maßgeblich an der Produktion beteiligt und wirkte auch als Co-Autor der Kompositionen. Jackson hingegen verließ – merkwürdigerweise – Schon und die Crew noch vor der Veröffentlichung von »Freedom«, offiziell beide aus gesundheitlichen Gründen. Während der Aufnahmen kehrte Deen Castronovo als zusätzlicher Schlagzeuger zu Journey zurück.

Gute 73 Minuten Spielzeit und gleich 15 neue Songs. Material genug für zwei Alben – und definitiv zu viel für eines. Trotzdem. Bei einer Unmenge an arrangementbezogenen und kompositorischen Stellschrauben hat sich Journey vom Klangbild der Achtziger inspirieren lassen. Das liegt ihnen im Blut. Anders geht es eigentlich nicht. In dieser Hinsicht ist »Freedom« von allen drei mit Arnel Pineda am Mikro aufgenommenen Alben stellenweise das am stärksten nach »Eighties« klingende Journey-Album. Jede Menge eingängiger Refrains, die vom ersten Moment packen. Dazu eine fantastische neue Ballade namens Still Believe In Love. Alles also an seinem gewohnten Platz. Als wäre »Eclipse« gestern erschienen und nicht vor elf Jahren.

Also. »Freedom« liefert alles, wonach sich ein echter Journey-Fan sehnt (und ein Kenner der Käfer aus der Familie der Skarabäen). Vier Songs in der zweiten Hälfte des Albums heben sich vom restlichen Material ab: das rockig-bissigere Come Away With Me (vergleichbar mit dem Material vom Hardline-Debüt), Let It Rain (mit einem ausgesprochen schweren, für Journey-Verhältnisse fast sabbathesken Riff – bei weitem der härteste Moment des Albums), das riff-befeuerte und durchaus progressiv erkundende Holdin‘ On sowie die »Groove-Funk«-Nummer All The Day And All The Night. Die könnten allesamt auch auf einem der Soloalben von Neal Schon landen. Alle vier Songs sind grundsätzlich ausgezeichnet – und hätten in Kombination mit nur sechs der eher »altschulmäßigen Journey-Stücke« einen überzeugenderen Eindruck hinterlassen, dass Journey auch in reiferen Jahren auf dem neuen Album Dinge ausprobieren, die den Hörer überraschen können. Und sich selbst. Dieser Eindruck war auf »Eclipse« ausgeprägter – obwohl das Album ganze sieben Minuten kürzer ist.  

Ansonsten – Songs wie You Got The Best Of Me, der Opener Together We Run (mit Cains Einstieg, der sofort Assoziationen zu Don’t Stop Believin‘ weckt), dann die Ballade Live To Love Again, die die Sentimentalität des großen Hits Faithfully einfängt (kein Wunder vielleicht, dass beide allein von Jonathan Cain stammen), United We Stand, Life Rolls On und Don’t Give Up On Us – letzteres ist der auf den Kopf gestellte Hit Separate Ways (Worlds Apart) – könnten kaum klassischer nach Journey klingen. Wer einen radiofreundlichen Hit sucht, hat auf dem Album also einige Kandidaten. Den ersten Platz nimmt aber zweifellos The Way We Used To Be ein. Eine fantastische Verbindung von Neu und Alt. Wo Pop-Rhetorik und gitarristisches Phrasieren in wunderbarer Kontemplation Hand in Hand gehen. Von Schons markantem, kraftvollem Riff über die ausgefeilten Arrangements bis hin zur brillanten Gesangsmusikalität von Arnel Pineda und dem packenden Refrain. Ein Song, der atmosphärisch und graduell die ganze Zeit über wächst. Direkt gemeißelt für die breite Ausstrahlung auf Radiofrequenzen. Den Achtzigern natürlich. Dann ist da noch Castronovo. Wer Journey verfolgt, weiß, dass Castronovo auch Journey-Sänger sein könnte. Live hat die Band ihm gesanglich Mother, Father und Keep On Running überlassen. Diesmal haben die Jungs das auf dem dritten Balladensong des Albums, After Glow, eingelöst – wo die fantastische Integration der Vokalharmonien im Refrain den versierten Arrangeure den Gewinner-Poker-Ass beschert. Achtung! Castronovo spielt auf »Freedom« kein Schlagzeug.

Der einzige Einwand lautet also: Das Album ist zu lang, die »berechenbaren« Kompositionen haben auf dem Album ideell die Nase vorn, und in dieser Hinsicht drängt sich vielleicht ein Gefühl der »Vorsicht« auf. Zumindest das abschließende Beautiful As You Are hätte locker weggelassen werden können. Nichts falsch daran – aber bis dahin hat man auf »Freedom« wirklich alles gehört. Andererseits: Wer sich seit 1996, als »Trial By Fire« erschien, bei Journey noch immer nicht daran gewöhnt hat – den Autor dieses Beitrags eingeschlossen –, dem wird es wohl nie einleuchten, warum Alben eine halbe Stunde länger sein müssen als der befriedigende Standard von höchstens drei Viertelstunden.

Wie gesagt. Ein echter Fan der Band kann von Journey nur ein Album wie »Freedom« wollen – und für ihn wird keine einzige Sekunde Spielzeit überflüssig sein. Die Truppe hat einmal mehr bewiesen, dass sie im Tun schlicht meisterhaft bleibt. Altgediente, die genau wissen, wie man die Dinge bedient. Im Sinne von Komposition und Produktion. Keine Fehler. Das Duo Cain-Schon ist unverzichtbar. Schons Gitarre bleibt dabei einzigartig im Rock’n’Roll-Universum – und so bleibt sie es auch auf dem neuen Album. Alles, was Schon anfasst, trägt von sich aus diese Art von Einzigartigkeit in die Kompositionen. Diese Authentizität, auf der Bild und Werk von Journey gründen. Pineda bleibt ein glänzender Perry-Ersatz, und schade, dass Journey so langsam neue Alben aufnimmt. Arnel wird in dieser Hinsicht nach wie vor viel zu wenig ausgeschöpft. »Freedom« ist damit in jeder Hinsicht die triumphale Rückkehr der Pioniere des AOR.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Together We Run
2. Don’t Give Up On Us
3. Still Believe In Love
4. You Got The Best Of Me
5. Live To Love Again
6. The Way We Used To Be
7. Come Away With Me
8. After Glow
9. Let It Rain
10. Holdin On
11. All Day And All Night
12. Don’t Go
13. United We Stand
14. Life Rolls On
15. Beautiful As You Are

Besetzung:
Arnel Pineda – Gesang
Neal Schon – Gitarre, Hintergrundgesang
Jonathan Cain – Keyboards, Hintergrundgesang
Randy Jackson – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Narada Michael Walden – Schlagzeug, Keyboards, Hintergrundgesang
Deen Castronovo – Gesang auf Track Nr. 8
Jason Derlatka – Hintergrundgesang


1 Comment
  1. Matija says

    Album vsekakor na nivoju, kot ga od Journey človek pričakuje. Morda za moj okus preveč retro, preveč old-Journe, toliko retro, da sploh več ni pomembno, kdo poje. Pineda je sicer izvrsten, ampak občutek imam, da se je povsem stopil z Journey zvokom, v bistvu ga več ne prepoznam. Še najbolj pa me moti preveč umirjena prva polovica albuma. Na dvojnem vinilu dobi človek skoraj občutek, da so Journey razedelili album na soft (1.plošča) in hard (2.plošča). O ja, All Day And All Night in Don’t go sta zakon.

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