Jorn: Over The Horizon Radar
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 17. 6. 2022
Produktion: Jorn Lande
Spielzeit: 58.27 min
Genre: Hard Rock / Heavy Rock
Wertung: 7.5/10
Jorn Lande, einer der angesehensten Vokalisten seiner Generation – man kann ihn ruhig zu den besten Stimmen des Hard Rock zählen – meldet sich mit einem neuen Studioalbum zurück. Keine Coverversionen diesmal. Jorn ist ohnehin ein äußerst fleißiger Musiker. Er veröffentlicht regelmäßig Alben – darunter Hommage-Projekte wie die beiden Dio-Kompilationen oder zwei Sammlungen voller Coverversionen bekannter Rock- und Metal-Klassiker – doch im Mittelpunkt seiner Karriere stehen natürlich die Studioalben. »Over The Horizon Radar« erscheint fünf Jahre nach dem Vorgänger »Life On The Death Road«, der mit einer anderen Besetzung eingespielt wurde – drei Fünfteln der Primal Fear-Musiker. Da Beyrodt und Sinner aber auch bei Voodoo Circle mitmischen, überrascht es kaum, dass das Album stellenweise recht whitesnakehaft und weicher klang als die vorangegangenen Jorn-Alben.
Diesmal steht Jorn wieder neben den üblichen Studiomitstreitern von Frontiers Music Srl. (u. a. Alessandro Del Vecchio) auch sein alter Weggefährte und hervorragender Gitarrist Tore Moren zur Seite. Die bewährte Chemie zwischen diesen beiden Musikern kehrt also auf das neue Album zurück. In fünf Jahren haben sich jede Menge neue Ideen angesammelt – doch überraschen wollen Jorn und seine Crew damit nicht wirklich. Das war auch nicht zu erwarten. Mit dem neuen Album bleibt Jorn klar seinen Fans treu – sowohl denen, die seinen Gesang lieben, als auch denen, die seine Kompositionen schätzen. Fetter Heavy- und Hard-Rock mit dominantem Gesang, der mit breiter Charisma und ausdrucksstarker Autorität sofort packt. Lande bewahrt seine enorme stimmliche Kraft und Durchschlagskraft. Auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem Debüt entwickelt er sich weiter.
Die Solo-Studioarbeiten stehen zwar im Schatten der Alben, die er mit Ark, Beyond Twilight, Masterplan und Allen/Lande eingespielt hat – obwohl sie qualitativ durchaus mithalten können. Auch »Over The Horizon Radar« verfällt stellenweise in Monotonie, und den größten Bärendienst erweist sich der Vokalist in jenen Momenten, in denen er seinen Gesang einem allzu offensichtlichen Dio-like-Stil unterordnet – so etwa bei My Rock And Roll, das sich schlicht nirgendwo hinbewegt. Nirgendwo, weil es sich um einen Track handelt, den wir von Jorn schon zu oft gehört haben und aus dem ihn auch Salven giftiger Gitarren-Arpeggios nicht herausreißen. Das Gitarrenwerk ist dabei durchweg phänomenal und von vorne bis hinten äußerst reizvoll. Die Erwartungen sind sowieso immer hoch, wenn es um Jorn-Alben geht. Ein starker Eröffnungstrack – und dann das Auf und Ab mit dem mittelmäßigen Dead London und dem bereits erwähnten My Rock And Roll. Auch das längere Believer kurz vor Schluss bringt keinen echten Erdbebenstoß, während Winds Of Home als dreiminütiges Lückenfüller-Stück wirkt. Der stärkste Teil des Albums ist seine Mitte. Zunächst hebt das solide One Man War ab, vor allem aber erreicht das neue Werk seinen Höhepunkt mit dem ausgesprochen düsteren Auftritt der eingängig-verhängnisvollen Black Phoenix. Darauf folgt das kontrastierende, musikalisch intensivierte Special Edition, und besonders überzeugend ist Jorn mit seiner Crew in dem atmosphärischen, melodiösen und dabei düsteren Ode To The Black Nightshade. Unter den längeren Tracks sticht In The Dirt heraus – mit einem durchdringenden, sofort unter die Haut gehenden, klassisch verführerischen Riff und einer starken musikalischen Formsprache. Der Song ist einer der Höhepunkte des neuen Albums. Am Ende des neuen Werks funktioniert auch der abschließende Faith Bloody Faith mehr als nur gelungen. Dabei handelt es sich um die Albumversion, die sich von der als separater Single veröffentlichten Version unterscheidet. Musikalisch gesehen ist sie der packendste Track des Albums. Mit ihr schließt das neue Werk auf einem hohen atmosphärischen Niveau und im Glanz einer (ersehnten) starken Dynamik.
Wie man es auch dreht und wendet – auch »Over The Horizon Radar« ist insgesamt ein qualitativ hochwertiges Werk, das allerdings unter gelegentlichem Kohärenzmangel leidet, da es im Material schwankt. Eine Überraschung ist das aber nicht, wenn man die vergangenen Studioalben auf die Waage legt, vor allem jene nach »The Duke« (2006). Von durchschnittlich über solide bis sehr gut. Vor allem aber gilt angesichts des Stils, den dieser unglaublich talentierte und einzigartige norwegische Vokalist mit seiner Crew pflegt: an langen Kompositionen festzuhalten ist überflüssig. Tracks zwischen dreieinhalb und viereinhalb Minuten – mit höchstens einem oder zwei längeren Epen – würden dem musikalischen Rezept hier vollkommen gerecht. Die Produktion ist wie immer exzellent. Das Album klingt lebendig und organisch, das Klangbild ist voll ausgereizt, und Jorn enttäuscht mit seiner Darbietung einmal mehr in keiner Weise. Trotzdem bleibt ein gewisses Zögern gegenüber dem neuen Werk bestehen, denn es birgt noch künstlerische Reserven. Aber eins ist klar: Jorn ist Jorn. Einmalig und unverwechselbar. Er hat seine Seele erneut in seine stimmliche Darbietung gegossen. Und die ist wieder mal größer als eine Galaxie.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Over The Horizon Radar (5:23)
2. Dead London (7:05)
3. My Rock And Roll (7:31)
4. One Man War (5:58)
5. Black Phoenix (4:32)
6. Special Edition (3:36)
7. Ode To The Black Nightshade (4:57)
8. Winds Of Home (3:01)
9. In The Dirt (6:18)
10. Believer (6:01)
11. Faith Bloody Faith (4:00)
Besetzung:
Jorn Lande – Gesang
Adrian SB – Gitarre
Tore Moren – Gitarre
Alessandro Del Vecchio – Keyboards
Nik Mazzucconi – Bass
Francesco Jovino – Schlagzeug
