Jonas Lindberg And The Other Side: Miles From Nowhere
Label: Insideout Music
Erscheinungsdatum: 18. 2. 2022
Produktion: Jonas Lindberg
Albumlänge: 76.11 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10
Jonas Lindberg And The Other Side sind eine zeitgenössische schwedische Progressive-Rock-Formation, die seit zehn Jahren aktiv ist und Mitte Februar dieses Jahres ihr zweites Studioalbum »Miles From Nowhere« veröffentlicht hat, das nach sechs Jahren den Vorgänger „Pathfinder“ (2016) ablöst. Zuvor hatte Jonas Lindberg 2008 die EP In Secret Pace veröffentlicht – ab 2012 auf digitalen Plattformen verfügbar –, der ein Jahr später die EP „The Other Side“ folgte. Letztere also bereits zur Zeit der Gründung seiner Begleitband. Der Revivalismus des Progressive-Rock-Genres ist heute eine weltweite Konstante und seit vielen Jahren nichts Ungewöhnliches mehr. Die Formation aus acht eingespielten Musikern ist eigentlich eine ziemlich typisch klingende skandinavische Progressive-Rock-Geschichte, in der die Einflüsse der Genrepioniere leicht herauszuhören sind – darunter Genesis, Yes und in Ansätzen auch Jethro Tull. Kurzum: Neben ausgeprägter Lebendigkeit enthält die Musik auch einen aktiven Hauch von Musikalität und bombastischer Eingängigkeit, wofür lange Instrumentalpassagen sorgen, die immer wieder mit Mysterium und Mystik aufwarten. Die Band setzt gelegentlich sogar drei Gitarren ein, und wenn sie sich auf eine ausgeprägte Gitarrenphrase stützt, entlädt sie in solchen Momenten eine ordentliche Ladung besonders verzerrter Dezibel (Little Man). Das Zusammenspiel männlich-weiblicher Vokalduette und rauschender Synthesizer, die Imitation des urtümlichen Mellotron-Sounds, E-Piano (Rhodes), verspielte Einwürfe auf dem Moog, die Integration des wuchtigen Hammond-Orgel-Klangs. Alles ist hier.
»Miles From Nowhewre« ist eine vor Enthusiasmus strotzende Fortsetzung von „Pathfinder“ und im Vergleich zum Vorgänger eine deutlich ambitioniertere Schöpfung von Jonas Lindberg und seinem Team. Nicht weil es über satte sechsundsiebzig Minuten geht, sondern schlicht wegen der hochgesteckten Kompositionen, unter denen besonders die abschließende, fast fünfundzwanzigminütige epische Suite in fünf Teilen hervorsticht, in der Roine Stolt als Sondergast an der Gitarre dazustößt – allseits bekannter Landsmann von Jonas aus den Reihen der Progressive-Rock-Veteranen The Flower Kings. Ja. Genau das. Wenn du ein Fan der The Flower Kings bist oder mit der Kult-Progrock-Sensation der Siebziger Kaipa vertraut bist, wirst du keinerlei sensorische Schwierigkeiten haben, die Musik von Jonas Lindberg And The Other Side wahrzunehmen. Erst recht, wenn du Beardfish vermisst. Nun, zum Glück haben wir in dieser Hinsicht neuerdings Rikard Sjöblom’s Gungfly auf der Szene. Jonas Lindberg And The Other Side hingegen entwickeln in ihrer Musik nie die dunklen Momente, wie sie für die musikalisch anspruchsvolleren Norweger The Wobbler charakteristisch sind. Schon allein aufgrund ihrer vokalen Natur.
Das Ensemble aus sage und schreibe acht Musikern ist in seiner performativen Ausdruckskraft schlichtweg brillant – was nicht nur von ihrer außerordentlichen Begabung und Professionalität zeugt, sondern auch von der großen Welle an Inspiration, die die Entstehung dieses Werks begleitete. Deshalb lässt die Anziehungskraft beim Hören des Albums keineswegs nach, sondern wächst einem ans Herz. Immer wieder. Runde für Runde. Bei jeder erneuten Rotation der Vinyl oder der CD. Ein außerordentliches Werk. Nicht gerade auf dem Niveau eines makellosen Meisterwerks – denn im Stil, den die Band vertritt, ist bereits alles gesagt worden –, aber was das Engagement beim Streben nach Perfektion durch das Zusammenspiel all dessen angeht, was dieses Werk bietet, die ausgeprägte Stimmigkeit und Entschlossenheit der Arrangement- und Produktionsentscheidungen, kann man das Album als brillantes Werk bezeichnen, mit dem Jonas Lindberg And The Other Side 2022 eine Stufe reifer und – geradeheraus gesagt – noch besser dastehen als mit ihren bisherigen drei Studioalben, die ebenfalls von ausgeprägter Kühnheit und progressive-rock-seliger Ambition geprägt sind.
Die unvorhersehbaren Wendungen in den Motivstrukturen, polyrhythmischen Notationen und dem verspielten Geflecht von Soli – getragen durch den ständig hochgradig spürbaren und dynamischen Dialog zwischen Tasteninstrumenten und Gitarren, angereichert durch bombastische Passagen, die auf massiven Schichten von Mellotron und Keyboards vibrieren und mit denen die Band effektiv zwischen verschiedenen Stimmungslagen rotiert – garantieren ein außerordentliches musikalisches Mantra und Abenteuer für jeden zumindest etwas anspruchsvolleren Hörer, ganz zu schweigen von den begeisterten Anhängern des Progressive-Rock-Genres, die Jonas Lindberg And The Other Side schon längst zu ihren Helden erkoren haben.
Jonas Lindberg And The Other Side neigen nicht zu musikalischen ‚Exzessen‘, die in avantgardistische Ausbrüche abdriften würden, und deshalb fallen sie motivisch keinen Augenblick lang auseinander. Kompositorisch vertragen sie kein ‚Fragmentieren‘ der Stücke. Das bedeutet nicht, dass sich die ’schlangenartigen Strukturen‘ innerhalb der Kompositionen nicht auf einem ausgesprochen hochdynamischen bis dramatisch-theatralen Niveau ununterbrochener motivischer und atmosphärischer ‚Sprünge‘ entfalten würden. Das Material des neuen Albums wurde, bis in den letzten Detail und als Ganzes, im Glanz außerordentlichen Feuers und leidenschaftlicher Hingabe auf das Studioband gebannt. Deshalb wirkt das Ganze außerordentlich überzeugend. Auch was die Klangproduktion angeht. Skandinavischer Perfektionismus duldet keine ‚Schlampereien‘, und das gilt folglich auch für die neueste Studioarbeit von Jonas Lindberg And The Other Side. Auch wenn es zunächst ‚Gewöhnliches‘ und erst dann ‚Aufregendes‘ anspricht – einfach gesagt: Es ist auf Schritt und Tritt ein wunderschönes Werk.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Secret Motive Man
2. Little Man
3. Summer Queen
4. Oceans Of Time
5. Astral Journey
6. Why I’m Here
7. Miles From Nowhere
PT I – Overture
PT II – Don’t Walk Away
PT III – I Don’t Know Where You Are
PT IV – Memories
PT V – Miles From Nowhere
Besetzung:
Jonas Lindberg – Bassgitarre, Gitarre, Keyboards, Gesang, Hintergrundgesang
Jonas Sundqvist – Gesang
Jenny Storm – Gesang & Hintergrundgesang
Calle Stålenbring – Gitarre
Nicklas Thelin – Gitarre
Jonathan Lundberg – Schlagzeug
Maria Olsson – Perkussion
Gastmusiker:
Simon Wilhelmsson – Schlagzeug auf den Tracks Nr. 2 und 4
Joel Lindberg – Gitarrensoli auf Track Nr. 6
Roine Stolt – Gitarrensolo im fünften Teil von Track Nr. 7
