Jethro Tull: Curious Ruminant
Label: InsideOut Music / Sony Music
Erscheinungsdatum: 7. 3. 2025
Produktion: Jethro Tull
Albumlänge: 50.31 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 8.5/10
Wie erklärt sich ein durchschnittlicher Fan der legendären britischen Progrocker-Institution Jethro Tull unter der Führung des unverwüstlichen Sängers, Flötisten und Komponisten Ian Anderson den ziemlich ulkigen Titel ihres neuesten, vierundzwanzigsten Studioalbums? »Curious Ruminant« bedeutet übersetzt „neugieriger Wiederkäuer“ – was wohl eine Anspielung auf Ians Verwandtschaft mit der Figur des altgriechischen Gottes Pan ist, halb Mensch, halb Ziege, der häufig mit verschiedenen Blasinstrumenten dargestellt wird, meist mit der Panflöte bzw. Syrinx, während das Instrumental »Pan Dance« aus dem Jahr 1975 zu den eher obskuren Werken im umfangreichen Tull-Musikkatalog zählt.
Ian ist, obwohl er auf die achtzig zugeht, auf der Bühne noch immer ein funkelnder und lebhafter „Wiederkäuer“, der beim Flötenspielen mühelos auf einem Bein steht. Dabei hat er die alte Gewohnheit beibehalten, die Hörer seiner Musik schon mit dem Titel eines neuen Albums zum Nachdenken zu bringen. Interessant wäre es, die Zeitmaschine anzuwerfen und der blutjungen Version von Ian aus dem Jahr 1968 zu begegnen, als er sich für das Cover von Jethro Tulls Debüt »This Was« zusammen mit den anderen Bandmitgliedern als gebrechlicher Greis verkleidete. Wahrscheinlich würde er laut auflachen bei dem Gedanken, dass er fast sechzig Jahre später als betagter Mann im Vergleich zu seinem künstlich gealterten Erscheinungsbild deutlich vitaler und frischer wirken würde. Und er hätte sich mit ziemlicher Sicherheit nie auch nur im Entferntesten vorstellen können, dass seine Musikkarriere und die seiner Band – die auch bei Ians Soloarbeiten untrennbar miteinander verwoben sind – so lange andauern würde.
Dennoch ist sich Ian bewusst, dass seine Zeit auf dieser Welt (leider) immer knapper wird, weshalb er beschlossen hat, seiner Karriere einen „Schub“ zu geben und die lange Durststrecke zwischen 2004 und 2021 nachzuholen, in der wir vergeblich auf ein neues Studioalbum unter dem Namen Jethro Tull gewartet hatten. »Curious Ruminant« ist bereits das dritte Jethro Tull-Album in den letzten vier Jahren – eine wirklich beeindruckende Leistung für eine Band in diesem Alter. Noch faszinierender ist, dass »Curious Ruminant« hinter keinem der beiden Vorgänger zurückbleibt, die zu Recht zu den besten Tull-Leistungen nach dem Ende der „goldenen“ Siebzigerjahre zählten – jener Dekade, in der sie wohl die eindrucksvollste und längste Serie herausragender Alben in der Geschichte des Progressive Rock vorlegten. Der einzige Schwachpunkt des modernen Tull bleibt Ians Stimme, die in den letzten zwei Jahrzehnten merklich nachgelassen hat, weshalb sein Gesang gelegentlich zwischen Singen und Deklamieren schwankt. Das kaschiert er allerdings geschickt durch die Anpassung an die passende Lage, seine außergewöhnliche stimmliche Ausstrahlung und sein stets brillantes Flötenspiel.
Hoffen wir auch, dass Ian diesmal endlich einen Gitarristen gefunden hat, der der Band zumindest ein paar Jahre erhalten bleibt – denn Jack Clark, der mit seinen 30 Jahren locker der Sohn oder Enkel eines der anderen Bandmitglieder sein könnte, ist bereits der dritte Tull-Gitarrist in den letzten vier Jahren. Alle drei jüngsten Tull-Alben wurden mit drei verschiedenen Gitarristen eingespielt, was angesichts der Tatsache, dass Legende Martin Barre über vierzig Jahre in der Band war, ein merkwürdiges Detail ist. Die übrigen Mitstreiter auf »Curious Ruminant« sind gut bekannte Veteranen: Bassist David Goodier, Keyboarder John O’Hara und Schlagzeuger Scott Hammond. Nostalgiker dürfte es freuen, dass auf einigen Tracks auch der ehemalige Keyboarder Andrew Giddings sowie der gelegentliche Konzertschlagzeuger und Ians Sohn James Duncan mitgewirkt haben.
»Puppet and the Puppet Master« liefert eine überzeugende Albumeröffnung, die langjährige Fans zufriedenstellen wird, denn sie enthält alle unverkennbaren Tull-Elemente: Ians Flöte im Zusammenspiel mit knackigen Gitarrenpassagen, sinfonische Würze angeführt von einer munteren Harmonika und reichliche rhythmische Nuancen zaubern im Nu eine prächtige Atmosphäre. Der Titeltrack enthält kernige Gitarrenriffs, die auch Martin Barre seine Zustimmung gegeben hätte, während das Rhythmusgespann Goodier und Hammond durchgehend für fließende und mitunter leicht jazzige Tempowechsel sorgt. Besonders gelungen ist die zentrale Instrumentalpassage, die an einige der besten Momente in der reichen Geschichte dieser unvergesslichen Band erinnert.
»Dunsinane Hill« ist der Titel des nächsten, überwiegend folkrocklastigen Stücks, benannt nach einem schottischen Hügel, der auch in Shakespeares Tragödie Macbeth Erwähnung findet. Im Jahr 1054 erlitt der echte, historische König Macbeth an diesem Ort in der Schlacht gegen Graf Siward eine schwere Niederlage. Das energiegeladene »The Tipu House«, das auch Elemente der Weltmusik enthält und an die Ära der Alben »Roots to Branches« (1995) und »J-Tull Dot Com« (1999) erinnert, bezieht sich im Titel auf eine archäologische Stätte der Maya-Zivilisation an der Grenze zwischen Belize und Guatemala.
Das fast feierlich anmutende »Savannah of Paddington Green« bietet schwungvolle Flöten- und Harmonikapassagen, während der ruhige rhythmische Charakter dieses Stücks Ians aktuellem Stimmumfang sehr entgegenkommt. Der Titel bezieht sich auf den Paddington Green, ein seltenes Stück Grün im alten Londoner Stadtteil. »Stygian Hand«, das mit seiner folkrockigen Natur und dem geschmackvollen Wechselspiel zwischen Ians akustischen und Jacks elektrischen Gitarrenpassagen ein wenig an die folkrockige Jethro Tull-Trilogie aus der zweiten Hälfte der Siebziger erinnert, gehört zweifellos zu den Höhepunkten des Albums. »Over Jerusalem«, das sich im Text zumindest indirekt auf den jahrzehntelangen blutigen Konflikt zwischen zwei verwandten nahöstlichen Völkern bezieht, ohne dabei Partei zu ergreifen, enthält eine gelungene Instrumentalpassage mit ausgezeichneten Soli auf Gitarre und Flöte.
Das epische Glanzstück »Drink From the Same Well« ist mit knapp 17 Minuten, wenn nicht in der Qualität, so zumindest in der Länge dem unvergesslichen Meisterwerk »Baker St. Muse« vom Album »Minstrel in the Gallery« (1975) ebenbürtig und reiht sich neben »Thick As a Brick« (1972) und »A Passion Play« unter die längsten epischen Werke in der Geschichte der Band. Ians und seiner musikalischen Mitstreiter mutiger Schritt hat sich ausgezahlt, denn es ist überzeugend das beste und komplexeste Stück nicht nur auf »Curious Ruminant«, sondern auch im Vergleich mit den Kompositionen der beiden vorangegangenen Studioalben. Der brillant ausgeführte, instrumental geprägte Teil enthält Elemente der Weltmusik mit Schwerpunkt auf Ians flöterischen Eskapaden – und das ist erst der Anfang eines arrangementtechnisch und rhythmisch äußerst abwechslungsreichen Abenteuers. Im weiteren Verlauf setzen auf subtile Weise feierliche Klavierharmonien ein, während sich ungefähr zur Hälfte, wenn Ians Gesang einsetzt, der Charakter der Komposition vollständig wandelt und deutlich melancholischer und dramatischer wird. »Interim Sleep« ist ein kurzes, abschließendes „Schlaflied“ mit Ians Narration – eine Mischung aus philosophischer Weisheit und seinem typischen Humor.
»Curious Ruminant« ist bereits das dritte außergewöhnlich solide Album in Folge, das Ian mit der modernen Version von Jethro Tull in relativ kurzer Zeit geschaffen hat. Es wäre unfair, es mit den klassischen Jethro Tull-Alben der Siebzigerjahre zu vergleichen, als der nach wie vor lebende Patriarch des Progressive Rock auf dem Höhepunkt seiner stimmlichen Kraft war und sie gemeinsam die Felder des progrockigen Abenteurertums pflügten. Im Vergleich zu den „anstrengenden“ Achtzigern und Neunzigern hingegen, in denen nur eine Handvoll wirklich interessanter Tull-Werke entstanden, schlägt sich »Curious Ruminant« – wie beide Vorgänger – auf erstklassige Weise. Es wäre wohl keine allzu kühne Behauptung, dass Jethro Tull unter den wichtigsten noch aktiven Progrocker-Größen, die in der zweiten Hälfte der Sechziger aufgetaucht sind, derzeit in bester Form sind.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. Puppet and the Puppet Master (4:04)
2. Curious Ruminant (6:00)
3. Dunsinane Hill (4:17)
4. The Tipu House (3:31)
5. Savannah of Paddington Green (3:13)
6. Stygian Hand (4:16)
7. Over Jerusalem (5:55)
8. Drink from the Same Well (16:42)
9. Interim Sleep (2:33)
Besetzung:
Ian Anderson – Flöte, Gesang, akustische & Tenorgitarre, Mandoline
David Goodier – Bassgitarre
John O’Hara – Klavier, Keyboards, Harmonika
Scott Hammond – Schlagzeug
Jack Clark – E-Gitarre
Gastmusiker:
James Duncan – Schlagzeug, Cajón, Percussion
Andrew Giddings – Klavier, Keyboards, Harmonika
