Houston: IV

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Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 8. 10. 2021
Produktion: Ricky Delin
Albumlänge: 48.15 min
Genre: AOR Revival
Wertung: 9.0/10


Sie lassen sich Zeit, aber wenn sie liefern, dann mit hoher Qualität. Vor uns liegt das vierte Studioalbum von weiteren perfekten AOR-Nacheiferern der Achtziger aus Skandinavien. Das sind die Stockholmer Schweden Houston. Schon mit ihrem gleichnamigen Debüt im Jahr 2010 haben sie die Karten im Feld des melodischen Rocks und des AOR-Revivalismus ordentlich neu gemischt, und das Magazin Classic Rock hat sie in seiner Bestenliste der besten AOR-Alben des Jahres 2010 auf Platz eins gesetzt. Mit dem starken Debüt machten sich Houston schnell einen Namen, was der Band die Türen zu den größten Bühnen europäischer Festivals öffnete, während sie den Herbst desselben Jahres auf einer gemeinsamen britischen Tour verbrachten, zu der sie ihre Landsleute Crashdiet mitgenommen hatten.

Zur weiteren Festigung des Bandnamens trug unter anderem Danny MacAskill bei, seines Zeichens Extrem-BMX-Fahrer und Rennfahrer im Team Red Bull, der ihren Song Runaway vom zweiten Houston-Album »II« als musikalische Untermalung für eines seiner Extremvideos mit dem Titel »Imaginate« verwendete, das auf YouTube bis heute fast 100 Millionen Aufrufe erreicht hat.

Die Einleitung fällt etwas länger aus, angesichts der Tatsache, dass AOR in Slowenien nie auch nur annähernd so populär war wie im Westen und in Nordamerika. Nun, falls du diese Band kennst und diese Zeilen liest, verbeuge ich mich vor dir. Erst recht, wenn du Slowene bist. Um es kurz zu machen: Mit Houston ist nicht zu spaßen. Was sie von sich geben, trägt außergewöhnliche Ausdrucksqualität und klangliche Perfektion in sich.

Auch diesmal haben wir ganze vier Jahre gewartet, bis die Band das Album »III« mit neuem frischem Eigenmaterial beerbt hat. Ganz wesentlich dabei ist, dass sich Houston für das neue Album ihr ehemaliges Mitglied Ricky Delin wieder ins Boot geholt hat. Nicht als festes Mitglied, aber er war am Schreiben der Kompositionen beteiligt und hat zudem die Rolle des Produzenten des neuen Albums übernommen.

Mit ihm wollte die Band wirklich den echten Kontakt zu den goldenen Achtzigern herstellen, als der AOR seinen Zenit erlebte. Erinnert euch nur an die Hits von Journey, Foreigner, Survivor (hört euch besonders Heart of the Warrior an), Richard Marx, John Farnham, Stan Bush, Rick Springfield usw. Das Album »IV« ist tatsächlich sehr wahrscheinlich das bis heute am akribischsten ausgearbeitete Album des erstklassigen AOR-Revivalismus, dem die Band folgt. Das Album »III« hat, Hand aufs Herz, weniger Eindruck gemacht, und die Band hatte sich stilistisch von den ersten beiden Alben entfernt, auch wenn sie die rechtgläubige melodic-rock-Ausrichtung beibehielt. Mit »IV« haben Houston nicht nur den Anschluss an die ersten beiden Alben gefunden, sie haben sie reifemäßig übertroffen. Solch brillant ausgearbeiteten und verpackten Kompositionen von ultra-musikalischer Ansteckungskraft, die vor verinnerlichten Pomp und Bombast platzen, würden auch geniale Komponisten vom Kaliber eines Jeff Lynne (ELO) und Alan Parsons (Alan Parsons Project) gerne lauschen.

Gute 48 Minuten Musik, versammelt auf elf Tracks, die man auf langen Nachtfahrten hört, wenn deine einzigen Begleiter ein wild pochendes Herz und der Schein von Neonlichtern sind, die sich in den Leuchtreklamen riesiger Hochhäuser und Wolkenkratzer spiegeln. Aber das waren die Achtziger. Bei uns natürlich nicht. Unglaublich. Die Transformation in jene Jahre der sorglosen, positiven und von Heiterkeit erfüllten Achtziger ist beim Hören von »IV« mit federleichter Selbstverständlichkeit möglich. Im Nu. Im Kopf natürlich. Im Erwachen von Gefühlen, Emotionen, Nostalgie. Und die Songs? Einer stiehlt dem anderen die Show. Wenn du schon glaubst, den Brennpunkt des Albums gefunden zu haben, folgt der nächste, der dem vorherigen diesen Rang abläuft. Die Refrains sind messerscharf ausgestattet und greifen sofort. Eure Favoriten sucht ihr euch selbst aus. Der Autor dieser Rezension würde für sich den Song Storyteller wählen.

Also. Im Grunde sagt das Album »IV« rein gar nichts Neues. Entwicklungsmäßig keineswegs — faszinierend ist aber die Tatsache, dass heute niemand mehr solche Musik schreibt und auch solche Produktionstricks nicht mehr einsetzt. Alles steht an seinem Platz. Die Balance zwischen den rauschenden Pastellen der Synthesizer mit der strengen Klangästhetik der Achtziger und dem Gitarren-Phrasing ist hergestellt. Songs an den richtigen Stellen durch multiple Vokalharmonien unterstützt. Da sind saftige Einlagen mit Gitarrensoli in flüssig angelegten Mid-Eight-Passagen. Der Gesang von Hank Erix wirkt in seinen Charakteristiken wie maßgeschneidert für diesen Kompositionsstil. Das Album birst vor Drama und Theater. Höhepunkte der Stimmungslagen eingefangen in den Refrainmelodien. Ein echter AOR-Erleuchteter will nicht mehr als das. Also: Was Pionierbesetzungen betrifft, solange die noch unterwegs sind, so etwas können wir im Jahr 2021 sicher nicht mehr bekommen. Dafür ist in diese Nische des Aufwärmens musikalischer Archaismen eine Handvoll exzellenter Nachahmer gesprungen, vor allem aus dem skandinavischen Raum, und Houston bestätigen mit dem neuen Album »IV«, dass sie mit dieser Doktrin der Nachahmung zur absoluten Spitze des aktuellen AOR-Revivalismus gehören. »IV« ist ein Album, das AOR-Enthusiasten noch viele Jahre lang abgöttisch verehren werden.

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
1. She Is The Night
2. You’re Still The Woman
3. Hero
4. A Lifetime In A Moment
5. Heartbreaker
6. Storyteller
7. Heart Of A Warrior
8. Until The Morning Comes
9. I Will Not Give In To Despair
10. Such Is Love
11. Into Thin Air

Besetzung:
Hank Erix – Gesang
Carl Hammar – Gitarre
Soufian Ma’Aoui – Bassgitarre
Richard Hamilton – Keyboards
Oscar Lundström – Schlagzeug

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