Helloween – Giants & Monsters
Veröffentlicht: 27. 8. 2025 bei Reigning Phoenix Music / Victor
Produktion: Dennis Ward und Charlie Bauerfeind
Länge: 50:47
Genre: Power Metal
„Auf ausgefahrenen Gleisen“
Was Sinnvolles über das neue Album eines der Metal-Herrscher meiner Jugend – und auch meiner mittleren Jahre – schreiben? Wie wohl alle wissen, ist das das zweite Album nach dem Mega-Reunion der Metal-Granden und der Rückkehr des Power-Metal-Paten, Gitarrist und Sänger Kai Hansen sowie der Inkarnation des Power-Metal-Vokalisten Michael Kiske in die Urbesetzung. Das erste Album, erfrischenderweise Helloween betitelt, hinterließ beim Verfasser dieser Zeilen einen sehr bitteren Nachgeschmack – bei Giants & Monsters hingegen haben die Jungs die Sache etwas anders angegangen.
Das Album ist überraschend klar in vier Teile gegliedert: Deris‘ pop-kommerziell ausgerichtete Sachen, Hansens Gamma-Ray-Gedöns, Weikaths Keeper-Kram und Gerstners irgendwas-halt. Da die Platte einen Track weniger hat als die vorherige, ist natürlich der König der Bonus-Tracks und B-Seiten, Bassist Markus Grosskopf, rausgefallen. Wäre besser gewesen, wenn nicht.
Vor der genaueren Analyse möchte ich zwei zum Himmel schreiende Tatsachen hervorheben: die unglaubliche Stimmform von Michael Kiske und die unglaublich seichte Produktion zweier Veteranen seichter Produktionen, Dennis Ward und Charlie Bauerfeind. Kiske ist mit Abstand der Lichtblick dieses Albums – hört euch nur seine Vokalakrobatik in Savior of the World an. Helloween waren noch nie bekannt für gute Albumproduktionen (mit leuchtenden Ausnahmen wie Roy Z’s Produktion von The Dark Ride (2000)), aber das hier ist Seichtheit auf höchstem Niveau. Das größte Opfer ist der brachiale Schlagzeuger Daniel Löble, der überhaupt nicht zur Geltung kommt, und auch die Gitarren klingen irgendwie ziemlich leblos.
Zurück zu den vier Teilen. Hansens beste Songwriting-Tage sind schon lange vorbei, denn seit dem Album Majestic (2005) (von dem er sich den unvollendeten Titelsong geliehen hat) hat er nichts wirklich Beeindruckendes mehr zusammengebracht. Sein bester Beitrag auf dem vorliegenden Album ist die Zusammenarbeit mit Deris, der sich auf dem Opener Giants on the Run aus den Fängen seiner Komfortzone befreit hat – das Ergebnis ist eines der Top-3-Stücke dieses Albums.
Weikath hält wie ein eingetrockneter Nasenpopel an seiner bewährten Formel aus humorvollen Liedern oder pseudo-religiösen Uptempo-Nummern fest. Erstere repräsentiert das wenig überzeugende Under the Moonlight, letztere hingegen das Top-3-Stück der Platte Savior of the World mit den bereits erwähnten gesanglichen Glanzleistungen von Kiske.
Gerstner sticht diesmal mit dem (fast) Meisterwerk Universe (Gravity For Hearts) hervor, das alles ist, was sich Power-Metal-Epos-Liebhaber nur wünschen können. Es wird getragen von Kiskes überzeugend ausdrucksvollem Gesang und einigen Gitarreneskapaden und Tempowechseln. Ihr einziger Mangel ist eigentlich nur das Fehlen des echten Helloween-Geistes (was auch immer das sein mag). Gerstners zweites Werk Hand of God ist Geschmackssache – dabei will ich es belassen. Irgendwie erinnert es mich an die finnischen Sonderlinge Waltari.
Deris … Ah, Andi Deris. Wie viel Scheiße musste er als Nachfolger der Gottheit namens Michael Kiske schlucken! Und doch war er über die Jahrzehnte genau der Klebstoff, der das fragile Gebilde namens Helloween zusammenhielt. Mit positiver Energie und der kompositorischen Last, die er sich seit dem Album The Time of the Oath (1996) aufgebürdet hat, hat er dieses Schiffchen bis heute an allen Klippen vorbeigeleitet. Doch offensichtlich hat auch er eine Auszeit vom Schreiben nennenswerter Kompositionen genommen, denn seine glorreichen Tage liegen schon eine Weile zurück und reichen noch bis in die Ära des Albums Gambling With the Devil (2007). Mit Ausnahme von Giants on the Run hat er sich der Kommerzkiste gewidmet (This Is Tokyo und A Little Is a Little Too Much) sowie der Ballade Into the Sun. Alle drei Tracks sind ausgesprochen unüberzeugend und zum Vergessen. Schade, denn Deris konnte schon kommerzielle Schmankerl à la Why?, If I Could Fly und As Long As I Fall schreiben. Und herzzerreißende Balladen waren ihm ebenfalls nicht fremd, was er mit Forever And One und Light the Universe bewiesen hat.
Wie bereits erwähnt, ist Grosskopf rausgefallen und auf der Bonus-CD mit der Oldschool-Energiebombe Out of Control mit Hansen am Mikro gelandet. Nichts Umwerfendes zwar, aber wenn dieser Track einen von Deris‘ Songs auf der regulären Seite ersetzt hätte, wäre die als Ganzes deutlich überzeugender.
Giants & Monsters ist zweifellos eine bessere, aufregendere und gefälligere Platte als ihr Vorgänger. Was leider nicht allzu schwer zu erreichen war und leider auch nicht sonderlich viel bedeutet. Es stimmt jedoch, dass es – gemessen an den Werken, die die Beteiligten in all ihren Inkarnationen in den letzten 20 Jahren unter ihre Fans gebracht haben – einen Fortschritt und einen Anknüpfungspunkt darstellt, den man beim Schaffen des nächsten Albums nutzen könnte, sofern es dazu überhaupt kommt. Man muss wissen, dass die Stärke und Wirksamkeit von Helloween in der heutigen Besetzung vor allem im Live-Auftritt liegt. Das Reunion-Konzert in Bratislava 2017 war beinahe eine religiöse Erfahrung mit einer fantastischen Setlist und einem siebenköpfigen Lineup auf der Bühne. Wenn die Band aber für jede neue Tour ein paar Tracks von jeder neuen Platte hinzufügen muss, verblasst der Glanz irgendwie. Ich hoffe, dass sie für das nächste Mal alle Kräfte bündeln – die Chance sehe ich persönlich in Komponisten-Kombinationen, denn Giants on the Run (Deris / Hansen) hat sich als guter Ausgangspunkt erwiesen. Daumen drücken!
Wertung: 7
Autor: Igorac
Trackliste:
1. Giants On The Run (6:20)
2. Savior Of The World (4:14)
3. A Little Is A Little Too Much (3:30)
4. We Can Be Gods (5:10)
5. Into The Sun (3:39)
6. This Is Tokyo (4:12)
7. Universe (Gravity For Hearts) (8:24)
8. Hand Of God (3:44)
9. Under The Moonlight (3:07)
10. Majestic (8:07)
11. Out Of Control (4:41) (Bonustrack)
Musiker:
Andi Deris – Gesang
Michael Kiske – Gesang
Michael Weikath – Gitarre
Kai Hansen – Gesang, Gitarre
Markus Grosskopf – Bass
Sascha Gerstner – Gitarre
Daniel Löble – Schlagzeug
Technisches Team und Gastmusiker:
Charlie Bauerfeind – Produktion, Aufnahme, Mix
Dennis Ward – Produktion, Aufnahme, Mix, Backing Vocals
Sascha „Busy“ Bühren – Mastering
Laura „Zauberdame“ Morina – Mastering
Matthias Ulmer – Keyboards, Arrangements
William Billy King – Backing Vocals
Maria Valiskova – Backing Vocals
Andrew Skrabutenas – Orchesterarrangements und Programmierung auf „Into the Sun“
Nicolo Fragile – zusätzliche Keyboards auf „Out of Control“
Oliver Hartmann – Akustikgitarre auf „Into the Sun“
Eliran Kantor – Albumcover
Mathias Bothor – Bandfotografien
Thomas Ewerhard – Design
Marcos Moura – Kopfskizzen
