Heathen: Empire of the Blind

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Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 25. 9. 2020
Produktion: Christopher „Zeuss“ Harris & Kragen Lum
Albumlänge: 47.22 min
Genre: Thrash Metal
Bewertung: 9.0/10


Heathen sind Legenden des Bay Area Thrash Metal. Wenn man aus der Blüte dieser Bands Namen wie Testament, Laaz Rockit, Vio-Lence oder Forbidden herausgreift, wären Heathen irgendwo in dieser Nähe. Geradeheraus gesagt: »Lassie kehrt zurück«. Schon wieder. Kaum glaubt man, sie schon abgeschrieben zu haben, tauchen sie wie durch ein Wunder erneut auf. Die Band, die in den Achtzigern gegründet wurde, hat endlich ihr viertes Studioalbum veröffentlicht, das zehn Jahre nach dem Vorgänger »The Evolution of Chaos« erscheint, mit dem Heathen 2010 auch Marburg an der Drau besuchten. Ansonsten spielten Heathen bei uns noch zweimal danach. 2011 im Vorweihnachtspaket mit Destruction und Sepultura in Laibach, sowie im Juni 2012 in Begleitung von Exodus in Solkan (Mostovna) im Görzer Raum bei Nova Gorica.

Auch »Empire of the Blind« ist alles, was ein Fan dieser Band erwartet. Ein Fan, der natürlich die Alben »Breaking the Silence« (1987), den kultigen Bay-Area-Thrash-Metal-Edelstein »Victim of Deception« (1991) und »The Evolution of Chaos« (2010) bestens kennt. Es ist der echte Anschluss an dieses Trio, stilistisch und produktionstechnisch steht es natürlich dem Vorgänger »The Evolution of Chaos« am nächsten. Reifungs- und entwicklungsmäßig knüpft es am stärksten daran an, was irgendwie logisch ist. Schon 2010 aktualisierten Heathen ihren Stil mit modernerer Produktion nach dem Vorbild der damaligen Studioerfolge von Death Angel oder Exodus, wobei der Vergleich mit dem Album »Tempo of the Damned« (2004) von Exodus absolut treffend ist.

Wie bekannt ist, hat Gitarrist Lee Althus – eigentlich der Kopf der Band Heathen – in den vergangenen zehn Jahren seinen Landsleuten von Exodus kräftig ausgeholfen und einen der Gitarrenposten übernommen. Als dann der Chef von Exodus zum vollwertigen Mitglied der Thrash-Metal-Titanen wurde, stieg auch der zweite Heathen-Gitarrist Kragen Lum mit einer weiteren Gitarre bei Exodus ein. So lagen die Aktivitäten von Heathen erneut auf Eis. Das Warten war lang, hat sich aber ausgezahlt. Mit Zinsen.

Im Laufe der vergangenen Dekade durchlief die Band auch einige Besetzungswechsel. 2013 verließ Originalschlagzeuger Darren Minter die Band; für das neue Album stieß an seiner Stelle Jim DeMaria dazu, der zuvor bei der kultigen Band Toxic gespielt hatte. 2013 verstarb Originalbassist Jon Torres, der ab 2011 in der Band durch Jason Viebrooks ersetzt worden war. Der hielt das Warten auf ein Vorankommen bei Heathen letztlich nicht aus. Viebrooks – der heute auch noch bei einer weiteren kultigen alten Thrash-Metal-Band, Exhorder, mithilft – wurde für das neue Heathen-Album durch Jason Mirza ersetzt, der aus der Band Psychosis zur Crew gestoßen ist. 

Heathen sind Vertreter der eher musikalischen Strömung der Bay-Area-Thrash-Metal-Szene, und dieser Tradition bleiben sie auch auf dem neuen Album treu. Das Hauptgewicht dieses Anspruchs tragen natürlich das Zusammenspiel beider Gitarren sowie der klare und autoritative Gesang von David White, der in einer konkreten Dosis dem Platzieren melodischer Gesangslinien gewidmet ist und dabei genug Sturheit, Aggression und unnachgiebiges Gebrüll entwickelt – wie auf den Leib geschrieben für die finstere, verhängnisvolle und dystopisch ausgerichtete Natur des Albums. Er ist wie ein Wein, der mit den Jahren reift. Die Stimme ist etwas tiefer geworden, hat sich dabei aber auch etwas »verdickt« und bleibt so ein faszinierender Baustein von allem, was Heathen in der neuen Zeit sind und schon immer waren. Terzenharmonien knarzen wieder messerscharf über den berüchtigten Phrasierungen, Gang-Shouts vertiefen das Gewicht von Whites Stimmumfang. »Empire of the Blind« ist kurz gesagt ein äußerst giftiges, old-school-gestähltes Thrash-Metal-Album.

Die Tracks The Blight, Blood To Be Let, das abschließende The Gods Divide und besonders Devour knüpfen mit ihrem kompromisslosen Speed-Geflecht nostalgisch an die Zeiten der kultigen Phrasierungen von »Victim of Deception« an, doch generell betrachtet – sowohl produktionstechnisch als auch kompositorisch – liegt das neue Album evolutionär am nächsten beim Vorgänger »The Evolution of Chaos«. Was ist sein Vorteil? Dass es fast zwanzig Minuten kürzer ist als der Vorgänger. Die Band sagt diesmal mindestens genauso viel oder mehr in zeitlich deutlich komprimierteren Kompositionen. Auch diesmal sind es zehn Tracks. Auch das ruhigere, marschhafte und hymnische Shrine of Apathy, das etwas an No Stone Unturned erinnert, überschreitet keine fünf Minuten. Da gibt es Momente mit mehr musikalischer Substanz und eingängigen Refrains, wie Sun in My Head oder das kurz zuvor erwähnte Shrine of Apathy. Das Instrumental A Fine Red Mist ist eines der besten Stücke des Albums und legt das faszinierende gitarristische Gespür von Kragen Lum und Lee Althus wie auf dem Silbertablett dar. Ihre Soloduelle sowie ihr Funkensprühen und Einfallsreichtum sprechen in diesem Track mit aller Verblüffung an. Das Stück verändert sich von Runde zu Runde kontinuierlich graduell in Motivik und Rhythmik. Es wirkt ein bisschen progressiv. Die Rhythmussektion ist völlig frisch, reagiert abwechslungsreich, in den Übergängen dynamisch, und der Einsatz des Doppelbassdrum-Pedals ist genau das, was man von Heathen erwartet.  Heathen bewahren mit der neuen Rhythmussektion ihre traditionelle Kompromisslosigkeit vollständig intakt.  Kurzum: Das Album ist in der Gesamtbilanz zerstörerischer als der Vorgänger, weil es kompakter ist. Heathen toben darauf keineswegs bedingungslos, sondern gehen mit großem Vergnügen ans Ausprobieren vielfältiger Ideen heran, was ein Garant für außerordentlich ansprechende Abwechslung und auch hohe Vollendung dieses Werks ist. Das nennt man künstlerische Reife. Das eine ist Talent, der Rest (das Reifen) kommt mit den Jahren und den gefahrenen Kilometern. Man spürt die Kollision der alten Schule mit modernen Produktionsneuerungen, und »Empire of the Blind« greift auf erfolgreiche Weise den Zeitgeist.

»Empire of the Blind« ist in jeder Hinsicht eine hervorragende Leistung und rechtfertigt die hohen Erwartungen. Fans der Band werden begeistert sein, ebenso Liebhaber des traditionellen Bay-Area-Thrash-Metal-Handwerks. Eine brillante Leistung weiterer überlebender Thrash-Metal-Fossilien, angetrieben von jeder Menge hochoktaniger Energie-Voltage – ein Garant dafür, dass Heathen noch lange nicht ihr letztes Wort gesprochen haben. Schade ist nur, dass diese Band in ihrer Karriere so verdammt wenig Alben veröffentlicht hat. Hoffen wir also, dass für die Band keine weiteren Hindernisse auftauchen, die sie in einen mehrjährigen Winterschlaf stoßen, und dass Heathen für die Aufnahme eines neuen Albums nicht warten, bis wir ins vierte Jahrzehnt des neuen Jahrtausends eintreten.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. This Rotting Sphere
2. The Blight
3. Empire Of The Blind
4. Dead And Gone
5. Sun In My Hand
6. Blood To Be Let
7. In Black
8. Shrine Of Apathy
9. Devour
10. A Fine Red Mist
11. The Gods Divide
12. Monument To Ruin

Besetzung:
David White – Gesang
Lee Althus – Gitarre
Kragen Lum – Gitarre
Jason Mirza – Bassgitarre
Jim DeMaria – Schlagzeug

Gastmusiker:
Gary Holt (Exodus, Slayer) – Gitarre
Rick Hunolt (ex Exodus) – Gitarre
Doug Piercy (ex Heathen) – Gitarre

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