Grizl: Pod pritiskom
Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 1. 6. 2020
Produktion: Grizl
Albumlänge: 54.07 min
Genre: Hard Rock
Wertung: 8.0/10
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Grizl sind eine Rock-Band aus Brežice, die unter der Führung von Gitarrist und Sänger Zoran Zlatič aus fünf erfahrenen Musikern besteht. Ja. Fünf. Im Laufe der letzten fünf Jahre seit dem Debüt »17 mečev« im Jahr 2015 sind Grizl vom Quartett zum Quintett angewachsen. Neu dabei: ein zweiter Gitarrist. Angedeutet hatte das bereits das Video, das 2018 für den Song V mojih žilah gedreht und veröffentlicht wurde. Das neue Mitglied Jure Turel ist zweifellos eine willkommene Ergänzung, da er Zoran in bestimmten Songpassagen entlastet, sodass dieser sich intensiver dem Gesang widmen kann. Außerdem sind die neuen Songs in Sachen Soli gewachsen, zu denen nun beide Gitarristen beitragen — ganz zu schweigen vom Sound selbst und den zusätzlichen gitarristischen „Verzierungen“ (Einschüben) in den Übergängen, die Jure auch „unter“ Zorans Gesangslinien einweben kann.
Grizl sind eine Band, die ihren eigenen Musikstil entwickelt. Im Kern ist es Hard Rock, doch man hört darin einige Genre-Abweichungen, vor allem in Richtung des alten klassischen Heavy Rock der Siebziger, Blues und Rhythm & Blues. Durch die überaus aktive Rhythmuslinie, vor allem die oft ausgesprochen federnden und springenden Bass-Figuren, ist der Grundton häufig funkig und groovy eingefärbt. Der erste Track des Albums, Povej mi, besitzt im Refrain einen eingängigen Kontrast durch den klassischen Rock’n’Roll-Trick der Phrasierung. Insgesamt entfaltet »Pod pritiskom« eine beachtliche klangliche Schwere und Breite. In der Verzerrung ist es konkreter als der Vorgänger, was interessanterweise den Gedanken aufkommen lässt, dass Zorans poppiger Charakter — den seine Stimme von Natur aus mitbringt — stellenweise fast zu zart wirkt. Und das, obwohl er seinen Gesang auf dem neuen Album weiter verfeinert hat und dieser im Klangbild deutlich hervorgehoben ist.
Für das neue Album haben Grizl ihren Sound etwas aufgedreht, aufgeplustert, gestählt. Die Gitarren klingen fetter und kerniger. Passend zum Albumtitel spiegelt die Energie die harten und vor allem seltsamen Zeiten gesellschaftlicher Absurditäten und Anomalien wider, denen wir beiwohnen. Von all dieser Hochspannung brodelnden Negativismus bricht der Himmel auseinander, der sich in die Erde schmettern will. Unter dem zu großen Druck der Menschheit. Energetisch und musikalisch-kompositorisch ist »Pod pritiskom« auch düsterer als der Vorgänger, der gelegentlich auch stachelig, heiter und ausgelassen wirken konnte. »Pod pritiskom« wirkt wie eine harte Landung des kleinen Mannes auf dem Boden der Realität, vor dem alle Illusionen zerplatzt sind … Einer der wenigen „schelmischen“ Momente steckt im witzigen Text des Songs Ljudmila, der sich aber aus einem vorhersehbaren „Blues-Walzer“ zu einem der bildstärksten Instrumental-Jams des Albums entwickelt (der Schlussteil des Songs). Darauf deutet auch die Länge der Songs hin, die selten unter fünf Minuten liegen. Grizl sind auch dadurch besonders, dass sie in ihre Songs das Element der Begleitung der Leadstimme durch zusätzliche Vokalharmonien einbauen — in der slowenischen Rockszene weitgehend eine Seltenheit. Damit schaffen sie dankbar kontrastierende Stimmungen innerhalb der Songs, was deren dramatisches Theaterelement vertieft.
Grizl sind ein Quintett ausgezeichneter Musiker — man spürt in ihrem Spiel, dass sie hervorragende Instrumentalisten sind, dass sie sehr viel zusammen spielen und üben, dass die Musiker bereits eine schöne Menge an Kilometern hinter sich haben und dass das kompositorische Material größtenteils in gemeinsamen Jams entsteht. Die Kompositionen wachsen aus diesen Jams heraus, und das spürt man bei jedem Schritt des Albums, das ziemlich komplex — sagen wir engagiert und ambitioniert — strukturiert ist, vor allem was die Gesangsmelodien angeht, weshalb es einige Durchläufe braucht, bis es sich setzt. Die Band sucht in den Leitmotiven ständig nach dem Raum, um das jeweilige Motiv wenigstens eine Spur anders zu nehmen oder es von Runde zu Runde mit neuen Ornamenten zu versehen — was schlicht die verspielte Natur des Quintetts zum Ausdruck bringt, das sich nur schwer in ein starres Motivformat fügt. Predanič — der auf dem neuen Album oft dazu „verurteilt“ ist, kompakte Hammond-Linien zu halten, die der Gitarrenphrasierung kontrastierend Gesellschaft leisten — schmuggelt in dieser Hinsicht sogar einige Jazz-Kniffe ein, etwa mehrfach im bereits erwähnten Ljudmila oder in einem der ausgefeiltesten Songs des neuen Albums, dem brillanten Jeza bogov.
Dass die Band anders klingt als alles, was sonst im slowenischen Musikraum kreucht und fleucht, liegt auch an den slowenischen Texten, die ein gutes Maß sowohl persönlich-bekenntnishafter als auch gesellschaftskritischer Aussagekraft besitzen und mit dem nötigen Maß an scharfsinnigem Intellekt ansprechen. In der Gruppe herrscht eine ziemlich große Demokratie, was die Ideen und den Ausdruck der einzelnen Quintett-Mitglieder angeht, weshalb die Songs recht anspruchsvoll arrangiert und komplexer sind, als man es von so aufgestellten Bands normalerweise erwartet. Aber das ist eben etwas. »Pod pritiskom« stärkt die ausdrucksstarke Eigenheit des Hard Rocks von Grizl, die mit dem Vorgänger „17 mečev“ begründet wurde — die Band erweitert damit den Artismus ihres ganz eigenen künstlerischen Wesens und ihrer musikalischen Charisma. Unabhängig und von Trends vollkommen unbelastet. Auf natürlichem Weg. Und diese Aufrichtigkeit zählt. Das Album kann mit seinem Kompositionsformat auch retro-nostalgisch ansprechen. Als wären wir wieder in der Mitte der Achtziger.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Povej Mi (03:55)
2. Pod Pritiskom (05:49)
3. Ne Bom Več Dolgo (04:47)
4. Odpri Srce (06:30)
5. Ljudmila (06:47)
6. Do Sonca (05:54)
7. Ti Me Ne Vidiš (04:27)
8. Jeza Bogov (05:41)
9. Sol Na Rane (04:29)
10. Vibriram (05:58)
Besetzung:
Zoran Zlatič – Gesang, Gitarre
Jure Turel – Gitarre
Matjaž Predanič – Keyboards, Begleitgesang
Tomi Gregel – Bassgitarre, Begleitgesang
Ivica Gregel – Schlagzeug
