Grave Digger: Bone Collector

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Label: RPM-ROAR
Erscheinungsdatum: 17. 1. 2025
Produktion: Chris Boltendahl
Albumlänge: 46.47 min
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 9.0/10


Grave Digger sind Legenden des deutschen Heavy Metal. Die Band hat in ihrer langen Karriere so ziemlich alles gesehen und erlebt. Dank der störrischen und unnachgiebigen Beharrlichkeit des unverwüstlichen Anführers, Visionärs und Vokalisten Chris Boltendahl treten Grave Digger auch heute noch mit voller Kraft. Durch all die langen Jahre ihres Bestehens hat die Gruppe Höhen und Tiefen erlebt und zahlreiche Besetzungswechsel durchgemacht. Sie wurde sogar schon einmal „geköpft“, doch sie ist neu geboren worden. Und ähnlich hat sich im Laufe der Jahre die energetische Schwingung der veröffentlichten Alben verändert, die gerade in der Ära des neuen Jahrtausends wie am Fließband aufeinanderfolgten!

Der Stil hat sich nicht viel verändert. Die entscheidenden Einschnitte in der Karriere der Gruppe waren vor allem die Gitaristenwechsel. Auf dem neuen Album hat sich nämlich wieder ein neuer Gitarrist Grave Digger angeschlossen. Das ist Tobias „Tobi“ Kersting, den Boltendahl aus dem Lager der Power-Metal-Landsleute Orden Ogan zu Grave Digger gelockt hat. Kersting hatte Boltendahl bereits bei dessen Soloprojekt Chris Boltendahl’s Steelhammer mit dem Titel „Reborn In Flames“ (2023) unterstützt, und Boltendahl war von Kersting offensichtlich mehr als fasziniert.

Das Widersprüchliche daran ist, dass der Name Orden Ogan in letzter Zeit erheblich an Popularität gewonnen hat und weiter wächst. Nun ja, Grave Digger dagegen bleiben dort, wo sie schon immer waren. Von jeher. Hinter den Schlössern der Clubbühnen. Und Kersting, dem wir nur das Beste wünschen und dem klar ist, dass er Grave Digger nie beigetreten wäre, wenn er nicht selbst ein Fan der Band wäre, könnte die Entscheidung, ihnen beizutreten, eines Tages vielleicht sogar bereuen. Orden Ogan sind im Aufwind, wie man es auch dreht. Aber das ist ohnehin nicht das Thema des neuesten Studioalbums, das Grave Digger also mit Kersting in der Besetzung veröffentlicht haben.

Kennzeichnend für die Ära der Zusammenarbeit mit Axl Ritto war, dass die Alben qualitativ alterniert haben. Entweder waren sie sehr gut verpackt, was die Platzierung aller wesentlichen und erkennbaren Markenzeichen der Gruppe angeht, oder weniger inspiriert und deshalb schnell vergessen. Allerdings war das letzte mit Ritto wieder eine sehr gute Leistung (»Symbol Of Eternity«, 2022, Rockline Rezension).

»Bone Collector« ist ein absolut roher und unglaublich direkter Nachfolger. Er wird von einem außerordentlichen Geschwindigkeitsschub durchdrungen, der alles vor sich niederreißt. Er ist vollgepackt mit ausgeprägt zackigen und aufgestellten Phrasen und Kanonenfeuer, genauer gesagt dem gnadenlosen Hämmern der Doppelbassdrum-Pedale. Im Zentrum des Ganzen steht das unversiegliche, sofort wiedererkennbare Knurren von Onkel ‚Reaper‘, das in dieser ganzen Geschichte einfach sein muss. All diese wesentlichen Elemente des klassischen Grave-Digger-Sounds sind diesmal reichlich intensiviert. Und das überrascht irgendwie. Dass eine Band noch immer so viel Zorn, Wut und Aggression aus sich herauspressen kann, auch in den reiferen Jahren ihres Schaffens, verleiht dem Album als Ganzem das Gefühl, dass die Gruppe neuen Schwung, neuen Wind in den Segeln gefunden hat! Das Album spricht frisch an. Von Inspiration kann man nur so weit sprechen, wie sie nötig ist, damit Grave Digger ihre musikalische Rezeptur, die natürlich unverkennbar ihre eigene ist, wieder sehr wirkungsvoll neu verpacken und dem Publikum erneut servieren. Und Bone Collector ist darin ein rundum sehr erfolgreiches Album.

Grave Digger überraschen darauf in nichts, schütteln den Hörer aber mit Riffing und einer verheerenden Haltung durch, die mit außerordentlicher Vehemenz zugreift. Eigentlich überrascht es, dass Boltendahl nach all diesen Jahren nicht versiegt. Im Gegenteil. Er will beweisen, dass die Musik der Band mit den Jahren noch zackiger, geschärfter und wütender werden kann. Jenseits aller bekannten Grave-Digger-Grenzen. Schon der vernichtend verheerende Einstieg mit dem Titeltrack des Albums überrascht, doch sofort im nächsten, The Rich The Poor The Dying, drücken Grave Digger noch mehr aufs Gas und pressen noch mehr Zerstörungskraft aus sich heraus. Kersting ist bei seiner Arbeit phänomenal. Er rechtfertigt vollumfänglich die Rolle des neuen Grave-Digger-Gitarristen, wie es vor ihm insbesondere Uwe Lulis getan hat, mit dem Grave Digger ihre größten Klassiker aufgenommen haben, sowie dessen Nachfolger Manni Schmidt. Kersting hat das Wesen des klassischen Grave-Digger-Riffs schnell verinnerlicht, was bedeutet, dass er sich in das Federbett des Wesens und Wirkens der Gruppe wie maßgefertigt eingefügt hat. Wie ein Schlüssel ins Schloss. Den Rest bilden Nuancen. In den Gitarrensoli, wo er sein Talent und seine kreative Brillanz unter Beweis stellt und damit auf dem Album der neuen Ära der Gruppe seinen eigenen, ganz persönlichen i-Punkt setzt.

Kerstings Beitritt zu Grave Digger erinnert irgendwie an die Periode im Schaffen der Gruppe, als Manni Schmidt zur Crew stieß. 1999 veröffentlichten sie das hervorragende »Excalibur«, und niemand dachte, dass ein Rochade auf der Gitarristenposition bevorstünde. Doch dann sprang Schmidt ein. Es folgte das erste Album mit ihm, das ist »Grave Digger« (2001). Genau dieses Album war das erstklassige Zeugnis der größten Inspiriertheit von Schmidts Gitarrentalent, das die Karriere von Grave Digger triumphierend weitergetragen hat. Etwas Ähnliches ist jetzt passiert. »Symbol of Eternity« gilt als hervorragendes Album, doch sein Nachfolger ist nicht nur hervorragend, sondern wird von einer noch größeren Dosis Inspiration begleitet, gleichzeitig aber von minimaler Andersartigkeit, weil auf ihm ein neuer Gitarrist spielt. Die Serie giftig einäschernder Gitarrenphransen, die den Hörer durch die Spielzeit des Albums hindurch ohrfeigen, sowie die ausgeprägte Düsternis, die bei all der Verwüstung noch an Reichweite der Verderbnis gewinnt, erinnert an die Energie des ersten Grave-Digger-Albums mit Manni Schmidt. Wobei »Bone Collector« dabei keine einzige Ballade besitzt. Es beißt und greift mit außerordentlicher Vehemenz an, ohne Mitleid, lässt keine Überlebenden zurück. Es ist unnachgiebig durchdringend.

Und der abschließende Gedanke? Das neue Grave-Digger-Album ist ein absolutes Muss für jeden Grave-Digger-Fan und jeden, der teutonisches Gitarrenfrasieren in starrer Ausrichtung genießt, ohne Schnickschnack und Kitsch. Mit »Bone Collector« haben Grave Digger qualitativ in die obere Riege ihrer veröffentlichten Alben gegriffen. Die Klassiker der Neunziger kann das neue Album nicht übertreffen, fordert aber mühelos alle anderen, qualitativ am höchsten eingestuften Grave-Digger-Alben heraus, die vor allem nach dem Jahr 2000 erschienen sind. Boltendahl hat also erneut überlebt und sich behauptet, und Grave Digger sind mit Kersting und dem neuen Album gestärkt aus dem Tornado hervorgegangen.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Bone Collector
2. The Rich The Poor The Dying
3. Kingdom Of Skulls
4. The Devil’s Serenade
5. Killing Is My Pleasure
6. Mirror Of Hate
7. Riders Of Doom
8. Made Of Madness
9. Graveyard Kings
10. Forever Evil & Buried Alive
11. Whispers Of The Damned

Besetzung:
Chris Boltendahl – Gesang
Jens Becker – Bassgitarre
Tobias Kersting – Gitarre
Marcus Kniep – Schlagzeug


Grave Digger – „Bone Collector“ (RPM-ROAR, 2025)
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