Gotthard: Stereo Crush
Label: Reigning Phoenix Music
Erscheinungsdatum: 21. 3. 2205
Produktion: Leo Leoni & Charlie Bauerfeind
Genre: Hard Rock
Bewertung: 8/10
Gotthard brauchen keine große Einleitung. Heute ein wirklich riesiger Name im europäischen Hard Rock, tauchten sie bei ihrer Gründung zur falschen Zeit auf der Szene auf. Damals war alles gefragt, nur nicht der in hochmusikalischen Pomp gekleidete Optimismus. Doch ihre Beharrlichkeit durch die harten Neunziger, als alle Grunge- und Post-Grunge-Bands den Hard Rock verlachten, und vor allem die feste kreative Achse zwischen Gitarrist und Bandchef Leo Leoni und dem (leider) verstorbenen Sänger Steve Lee, hat Gotthard schließlich auf den Thron des Genres geführt – nicht nur daheim in der Schweiz, sondern auch in anderen Ländern des (vor allem) alten europäischen Kontinents. In den deutschsprachigen Ländern sind Gotthard heute schlicht und einfach ein riesiger Name! Die Band kommt nach der Tragödie, die Sänger Steve Lee das Leben kostete, was die Aufrechterhaltung des Qualitätsniveaus der veröffentlichten Alben in der Ära mit Lee in der Besetzung betrifft, einfach nicht auf die Beine – was nur zeigt, was für ein starker Sänger Steve Lee war.
Gotthard nehmen zwar auch in der Ära ohne Lee sehr qualitativ hochwertige Alben auf, denen aber das entscheidende Tüpfelchen auf dem i fehlt, damit sie nicht schon wenige Monate nach Erscheinen in Vergessenheit versinken. So auch beim neuesten „Stereo Crush“, der ein sehr ordentliches Werk mit einigen wirklich starken Momenten ist – wie die im Tracklisting knallende und ansteckende Thunder & Lightning, direkt dahinter Rusty Rose und die hymnische Power-Ballade Burning Bridges, die alle zusammen beweisen, dass die Band auch in neuen Zeiten reifen kreativen Schwung bewahrt. Die Integration einer Adaption des Beatles-Klassikers Drive My Car ist hingegen das Gegenteil davon – ein Zeichen dafür, dass einem die eigenen Ideen ausgehen. Klar, in der Anfangsphase haben der Band u. a. Coverversionen von Hush und Mighty Quinn ihren Ruf eingebracht, aber das war lang, lang her – damals, als man sich noch beweisen und Wege suchen musste, wie man auf der Szene durchbricht. Nun ja, angesichts des Status, den Gotthard heute genießen (nach mehr als 30 Jahren Bandgeschichte und 14 veröffentlichten Studioalben), spiegelt die Integration eines Covers auf einem Studioalbum nicht gerade Glaubwürdigkeit und Souveränität wider. Beim 14. Album braucht es das schlicht nicht. Der Track hat der Band offensichtlich gut gefallen – das Cover ist im Übrigen sehr gelungen –, aber auch ohne ihn bleiben auf dem Album noch satte elf Eigenkompositionen.
Die Produktion ist unverkennbar. Die Basslinien sind fett und kernig, und das Album trägt einen dicken Teppich aus voluminösem, bassstarkem Klang. Darauf macht der wuchtige Opener AI & I aufmerksam. Die Riffs sind roh und massiv; Leoni unterstützt sein Spiel immer wieder mit der Talk Box, was gewissermaßen zum Markenzeichen der Band geworden ist. Am intensivsten kommt dieser Arrangement-Trick in der Single Boom Boom zur Geltung, inspiriert von der Geburt eines Sohnes während des Schreibens des neuen Albums. Die Riffs sind in den warmen Sound von Hammond-Orgel-Imitationen eingebettet – ohnehin ein weiterer Gotthard-Standard. Rustikal. Und die Balladen? Die waren schon immer ein großer Teil von Identität und Werk der Band. Life ist ein neuer Song in dieser Manier, und damit versuchen Gotthard, die Popularität solcher Tracks aus der unvergesslichen Ära einzufangen, als mit Steve Lee Heaven, The Call, All I Care For und Let It Rain entstanden. Sehr gut – aber sie wird im Schatten der Balladen-Klassiker der Band bleiben.
Das Plasma der ‚gierigen‘ Musikalität bleibt auf dem neuen Album ein Genuss. Das ist der geforderte Pomp – die Bombastik, an die uns die Band längst gewöhnt hat. Liveropool, und besonders das mächtig hymnische Shake Shake, gilt als eine der stärksten Kompositionen des neuen Albums. Auch die Stimmungswechsel zwischen den Songs werden auf dem Album dankbar aufgefangen – dank des ansprechenden Niveaus an struktureller Abwechslung. So einen bringt nach Boom Boom in der ersten Albumhälfte dann Devil In The Moonlight, mit einer verschmitzten melodischen Wendung im Refrain. Dig A Litle Deeper ist ein schwächerer Moment, und das Album bewegt sich in den knapp vier Minuten Laufzeit dieses Tracks leider nirgendwohin. Die abschließende, bluesig verführerische Ballade These Are The Days ist ein Feier-Song, der wieder mehr an die Herzen des zärteren Geschlechts pocht – und eine der abwechslungsreichsten Kompositionen des Albums. Die Jungs haben auch die Mundharmonika nicht vergessen. Eine sehr gelungene Komposition. Trotzdem würde an dieser Stelle am Albumende ein echter Hard-Rock-Schrapnell besser passen.
Ein sehr geschickt komponiertes Album – was von dieser außergewöhnlich reifen und langlebigen Band zu erwarten war, der es an Erfahrung und enormer Laufleistung wahrlich nicht fehlt. Das Album „Stereo Crush“ ist ein echtes Gotthard-Album. Von Kopf bis Fuß. Und obendrein sehr gut. Es zündet und heizt ein. Man hört es einfach gern. Aber da ist noch was. Maeder ist ein sehr, sehr guter Sänger. Die Kompositionen sind ihm wie auf den Leib geschrieben, und beim sechsten Album (seit er bei Gotthard ist) beweist er mit seinem Gesangsbeitrag auch auf „Stereo Crush“, dass er aus dem richtigen Holz geschnitzt ist. Farbe, Ansatz, Metrik. Alles. Alles stimmt. Aber wenn man mit Vergleichen in die Ära von 2009 zurückgeht und weiter runter bis ins Jahr 1992, wird klar, dass „Stereo Crush“ nicht mehr bringt als die angenehme Erkenntnis, dass Gotthard noch da sind – und dass wir sie hoffentlich bald irgendwo auf einer Bühne sehen werden. Dabei ist es auf eine Art und Weise komponiert und produziert, von der Bands im Hard-Rock-Genre heute nur träumen können.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. AI & I
2. Thunder & Lightning
3. Rusty Rose
4. Burning Bridges
5. Drive My Car
6. Boom Boom
7. Life
8. Liverpool
9. Shake Shake
10. Devil In The Moonlight
11. Dig A Little Deeper
12. These Are The Days
Besetzung:
Nic Maeder – Gesang
Leo Leoni – Gitarre
Freddy Scherer – Gitarre
Marc Lynn – Bassgitarre
Flavio Mezzodi – Schlagzeug
