Gotthard: #13

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Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 13.03.2020
Produktion: Leo Leoni
Genre: Hard Rock
Wertung: 8.5 / 10


Gotthard gelten heute als echte Legenden des europäischen Hard Rocks. Man kann es kaum glauben, aber die Band blickt bereits auf drei Jahrzehnte ihres Schaffens zurück. Am Freitag, dem dreizehnten März im Jahr des Herrn 2020, veröffentlicht die Band ihr dreizehntes Studioalbum, treffend betitelt »#13«. Glückszahl hin oder her – das Album ist wieder genau das, was man von Gotthard erwartet und fordert. Es ist anders als der Vorgänger „Silver“, kantiger und nicht so süßlich, obwohl auch Platz für (bescheidene) zwei Balladen gefunden wird, was Gotthard-Standard ist und eine notwendige Pflicht gegenüber den Fans sowie ein klassischer Trick, damit die Anhängerschaft der Band noch kräftiger zum neuen Werk greift. I Can Say I’m Sorry ist eine Ballade, die den Gotthard-Standard liefert, an den sie uns in der Vergangenheit verwöhnt haben (das Ganze wird durch Leonis exzellentes Gitarrensolo veredelt), während Marry You der Tropfen ist, der das Fass der Süßlichkeit zum Überlaufen bringt, wozu auch der ziemlich bescheuerte Songtext beiträgt. Aber das ist offensichtlich ein notwendiges Opfer, wenn man krampfhaft an solchen Hard-Rock-Prinzipien festhält.

Die Balladen haben wir also schnell abgehakt – ansonsten eröffnet das Album kantig und wirkt über die gesamte Spielzeit durchgehend aufgeheizt und rechtgläubig rockmäßig aufgemotzt. Frech und zugleich stellenweise auch ziemlich düster, was gut zu den Zeiten passt, in denen wir leben. Der scharfe Auftakt mit Bad News, wo die Band sofort in das ultragedrehte Getöse der draufgängerisch-frechen Rock-Rhetorik einsteigt, erweist sich als exzellenter Katalysator für die Eröffnung, mit einem ungemein packenden Refrain. Ein schlechtes Gewissen, auf jeden Fall. Und obendrein noch frech. Noch einen Tick mehr Gas geben die Jungs im weiteren Verlauf mit dem noch weiter aufgedrehten Every Time I Die, wo das Album weiter im Griff der klassischen Hard-Rock-Rhetorik knirscht.

Die erste interessante Abweichung verleiht dem Album und eigentlich der Natur von Gotthard-Musik selbst das exzellente Missteria (geschrieben in Zusammenarbeit mit Francis Rossi von Status Quo), hervorragend gekreuzt mit unterschwelligen Salsa-Rhythmen; auch die donnernden Chor-Vocals, die Maeders Gesang begleiten, hauchen dem Track Latin-Charakter ein. Ein exzellentes und gelungenes Experiment, Elemente des klassischen Gotthard-Sounds mit Latin-Tricks zu kreuzen. Die zweite Abweichung des Albums ist das abschließende Rescue Me, ebenfalls unterlegt mit einer Fülle von Unplugged-Tricks, zusätzlichem Schlagwerk, einem angenehm eingebetteten „Delta-Blues“-Element sowie einem ausgesprochen düsteren Abschluss, wo etwas von Sabbaths Riffing und der psychedelischen Ära der Siebziger eingeatmet wird. Neben Missteria ein weiterer interessanterer Track, von dem man sagen kann, dass sich Gotthard damit auf Terrain begeben haben, das sie noch nicht erprobt hatten.

S.O.S. Na sowas. ABBA! Interessant, wie sie das Cover angegangen sind. Graduell. Von einem rein balladesken Prinzip zu Beginn und dann schichtweise aufgetürmte, fett aufgemotzte Gitarren. Von Runde zu Runde packt es einen intensiver. Ein überflüssiger Zug, der eher auf ein Kompilationsalbum mit „Raritäten“ und unveröffentlichten Aufnahmen passen würde, aber der Band gefällt er offensichtlich sehr, weshalb er aufs Album aufgenommen wurde. Dann ist da Another Last Time, das in den bereits bewährten Tricks der kompositorischen Vergangenheit der Band dreht, wobei es nicht schwer fällt, inspirierende Verbindungen zu Whitesnake zu finden. Man On A Mission flirtet mit Southern-Rock-Blues-Tricks, Save The Date serviert die freche Seite des Gotthard-Charakters. No Time To Cry gilt gegen Ende als Kandidat für häufigere Rotationen auf den Radiofrequenzen – und hoffentlich bleibt es in dieser Hinsicht kein übersehener Albumdiamant.

Die Band hat nach Gotthard-Kriterien und -Standards wieder ein anders geartetes Album geliefert, das erneut außerordentliche kompositorische Reife und hohes Talent für ein inneres Gespür für packende Phrasen und rechtgläubige Hard-Rock-Kompositionen ausstrahlt. Die Jungs haben Rock’n’Roll im Blut. Gotthard in der Besetzung mit Maeder liefern in dieser Hinsicht ihr viertes „Post-Steve Lee“-Album, das mit Maeder am Leadgesang am reifsten wirkt. Von allen vieren ist es auch das kantigste und weckt zudem ein außerordentliches Maß an kompositorischer Konsistenz. Es bietet auch mehr Drama, spricht düsterer an, als man erwarten durfte, vielleicht auch deshalb, weil ein schönes Bündel an Tracks in Moll gehalten ist.

Die Band hat in relativ kurzer Zeit wieder eine Reihe sehr hochwertiger Kompositionen geliefert, die ein hohes Niveau gegenseitiger ideeller Vielfalt erreichen; Gotthard haben dabei auch musikalische Züge eingebaut, die sie bisher noch nicht erprobt hatten (Missteria, Rescue Me), bewahren dabei aber mutig die gesamte Glaubwürdigkeit ihrer ursprünglichen musikalischen Ausrichtung, durch die sie geschätzt, respektiert und groß geworden sind. Das Album „#13″ ist ein neues faszinierendes Abenteuer in die Welt des klassischen Hard Rocks nach Gotthard-Rezeptur, die sich einfach nicht verleugnen kann und will.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
01. Bad News
02. Every Time I Die
03. Missteria
04. 10,000 Faces
05. S.O.S.
06. Another Last Time
07. Better Than Love
08. Save The Date
09. Marry You
10. Man On A Mission
11. No Time To Cry
12. I Can Say I’m Sorry
13. Rescue Me
Bonustracks:
14. No Time To Cry (Demo-Version)
15. I Can Say I’m Sorry (Klavierversion)

Besetzung:
Nic Maeder – Gesang
Leo Leoni – Gitarre
Freddy Scherer – Gitarre
Marc Lynn – Bassgitarre
Hena Habegger – Schlagzeug


Gotthard – Bad News (offizielles Video)
Gotthard – Missteria (offizielles Video)
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