Ghost: Impera

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Label: Loma Vista
Erscheinungsdatum: 11. 3. 2022
Produktion: Klas Åhlund
Genre: Pop-Hard Rock
Albumlänge: 46.21 min
Bewertung: 8.5/10


Ghost sind und bleiben eine Band, die man entweder mag oder eben nicht. Die geheimnisvollen Schweden scheinen mit ihrem scharfsinnigen und gesellschaftskritischen Stil der heutigen binären, von Cancel-Culture durchdrungenen Generation tatsächlich den Spiegel vorzuhalten. Zwölf Jahre sind bereits vergangen, seit Papa Emeritus die Welt mit seinen satanistischen Hymnen erstmals schockierte – doch wie die Welt selbst entwickeln sich auch Ghost von Album zu Album weiter. Kunstvoll ausgearbeitete Geschichten, die Übergänge zwischen den „Päpsten“ und dem „Kardinal“ sowie eine bis ins Detail ausgearbeitete Bühnenästhetik haben Ghost trotz der vergleichsweise kurzen Bandgeschichte fast augenblicklich in den Rang von Kultbands katapultiert. Unbelastet von Erwartungen haben sie sich diesmal in den Pop-Rock-Sound der Achtziger gewagt – und der Fürst der Finsternis taucht, glaubt es oder nicht, nur in einem einzigen Song auf.

  IMPERA beschäftigt sich, wie der Name schon andeutet, mit dem Aufstieg und Fall von Imperien. Die Idee für das Album, das zwar konzeptuell wirkt, es aber nicht ist, bekam Tobias Forge beim Lesen des Buches ‚The Rule of Empires‘ – doch wie er in einem Interview selbst erklärte, leben wir auch heute in einer Zeit der Imperien (Nazismus, die Wiederbelebung des russischen Imperiums, das westliche kapitalistische Imperium …), sodass es an Material nicht mangelte.

  Das Album eröffnet das langsame Instrumental ‚Imperium‘, wo uns schon zu Beginn die Kombination aus akustischer Gitarre und elektrischer Sologitarre in die Achtziger entführt und ein solides Fundament für den Rest des Albums legt. Danach folgt der treibende Rocker Kaisarion, der mit seinem fröhlichen Rhythmus und der eingängigen Melodie auf das Unrecht in der Welt hinweist und zugleich an die griechische Philosophin und Mathematikerin Hypatia erinnert, die wegen ihrer fortschrittlichen Ansichten in Alexandria von Christen getötet wurde. Im Mittelteil geht das Stück in einen sehr progressiven Instrumentalabschnitt über, der stark an die legendären Kanadier Rush erinnert.
It is the noise of the rightious dogma, that hides the handman’s tail, Hypatia, Far away from the stench of heavens, Hypatia, Long ago yet too close to forever.

  Der Sound von ‚Spillways‘ schöpft mit vollen Händen Inspiration bei Bon Jovi (‚Runaway‘) sowie Toto, verbindet das Ganze aber mit Forges unverwechselbarer Vocallinie. Es geht um die Dunkelheit, die in uns schlummert – und so wie Hochwasserentlastungen (spillways) überschüssiges Wasser ablassen, damit es nicht über die Dämme schwappt, bricht auch dieser Überschuss unserer inneren Finsternis regelmäßig an die Oberfläche durch.

All your faith, all your rage, all your pain, it ain’t over now, It is the cruel beast that you feed, it is your burning yearning need to bleed.

  Die zweite Single des Albums, ‚Call Me Little Sunshine‘, ist wohl der „ghostigste“ Track der Platte – er hätte sich problemlos auch auf einem der beiden Vorgängeralben gefunden. Forge erklärte, der Song handele von den Folgen der industriellen Revolution, die unser Leben für immer verändert hat, während der Teufel uns durch ständiges Hineinziehen in die Technologie auf Kosten menschlicher Beziehungen und Körperlichkeit zu verführen sucht.

You can always reach me, You will never ever walk alone, Even when you’re dead and gone, You can always reach me, All you gotta do is call me, Little Sunshine.

  Wie der vorherige Track hätte sich auch das eher hard-rock-lastige ‚Hunter’s Moon‘ auf dem Vorgängeralbum finden können, wenn nicht gar schon auf ‚Meliora‘. Forge, als großer Horrorfilm-Fan, gelang dabei ein echter Volltreffer: Der Song erschien im Film ‚Halloween Kills‘ und handelt von der Sehnsucht nach Menschen aus unserer Vergangenheit.

Though my memories have faded, They come back to haunt me once again And though my mind is somewhat jaded now, it’s time for me to strike again.

  Es folgt der druckvolle ‚Watcher in the Sky‘, eine gelungene Mischung aus Hard Rock und Heavy Metal mit einem klasse Tapping-Solo, das das Achtziger-Feeling wunderbar abrundet. Lyrisch warnt der Song vor den Nebenwirkungen der Wissenschaft, die sich in der heutigen Zeit manifestieren – etwa in Form von Flat-Earth-Theorien.

Communication is key, When you unlock to believe, Can you see what I see?, Searchlights, Looking for the Watcher in the sky.

  Nach dem kurzen dunklen Instrumental ‚Dominion‘ folgt das ziemlich kontroverse ‚Twenties‘. Nach einem geradezu filmreifen Intro verwandelt sich der Song in beinahe Death-Metal-Rhythmen, beruhigt sich in der Strophe etwas – im Hintergrund flechten sich Blasmusik-Elemente ein, die Jazz und Swing der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts aufgreifen. Der Text ist zwar in der Zukunft geschrieben, doch die Frage drängt sich auf, wie sehr sich die heutigen Zwanziger von jenen vor hundert Jahren unterscheiden. Eine Ära des Reichtums und des Wohlstands, der Aufstieg totalitärer Regime unter dem Deckmantel von Erlösern, und das Ende in finanziellem Zusammenbruch und Armut. Aber keine Angst – die Dreißiger kommen!
Tell ‚em all this is war, And not fighting a war is for the suckers, (kiss my) Assassinate, Gather the tools to disintegrate, (feed) hate, Reaping the seeds as a reprobate.

  Kein Album ohne eine ordentliche Ballade – und ‚Darkness at the Heart of my Love‘ liefert genau das. Die einzige Frage, die bleibt: Wer ist wer im Text?

Remember always, that love is all you need, Tell me who you wanna be, And I will set you free.

  ‚Griftwood‘, das folgt, trägt seine Botschaft auf Van-Halen-esken Gitarren – und der Text nimmt sich auf Forge-Art Menschen wie den ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence vor, der sich in seinen Auftritten offen auf die Bibel beruft, ihren Lehren aber nicht folgt und seinen Anhängern verspricht, dass sie nicht mehr leiden werden – was nicht einmal Jesus selbst versprach.

You want to guide the believer? (Yes) You and the greatest deceiver? And never ever suffer again.

  Das kurze, düstere Instrumental ‚Bite of Passage‘ leitet direkt in den abschließenden Song ‚Respite on the Spitalfields‘ über. Das Grunge-Intro – wie auch der Song selbst – erscheint gegen Ende (der Achtziger), verwandelt sich im Mittelteil in Hard Rock, das Soloabschnitt mündet in eine klassische Rockballade, und die anschließende Passage schlägt schon fast progressive Haken – so verbindet der Track trotz seines gemächlichen Tempos eine ganze Reihe verschiedener Stile. Anders als die vielen depressiven und resignierten lyrischen Themen taucht am Ende doch noch Hoffnung auf: Auch die heutigen Imperien werden früher oder später auf dem Müllhaufen der Geschichte landen.

Nothing ever lasts forever, We will go sovereign Into the night.

  IMPERA beweist, dass es für Tobias Forges musikalisches Schaffen und das seiner namenlosen Geister keine Grenzen und keine Tabus gibt. Das Album wird vielleicht nicht unbedingt den frühen Fans der Band gefallen – es ist das am wenigsten düstere, leichtgängigste, am wenigsten satanistische (zumindest inhaltlich) und zugleich tanzbarste und melodischste Werk in der Diskografie der Band bis dato. Doch genau mit dieser Andersartigkeit beweist es, wozu die Schweden fähig sind – und dass man um ihre Zukunft keine Angst haben muss.

 Autor: Sebastijan Videc


Trackliste:
1. Imperium
2. Kaisarion
3. Spillways
4. Call Me Little Sunshine
5. Hunter’s Moon
6. Watcher in the Sky
7. Dominion
8. Twenties
9. Darkness at the Heart of my Love
10. Griftwood
11. Bite of Passage
12. Respite on the Spitalfields

Besetzung:
Papa Emeritus IV – Gesang
Nameless ghouls – übrige Instrumente


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