Gavin Harrison & Antoine Fafard: Chemical Reactions
Label: Amplified Distribution
Erscheinungsdatum: 11. 12. 2020
Produktion: Antoine Fafard
Albumlänge: 50.15 min
Genre: Jazz Fusion
Bewertung: 9.5/10
Das ist Jazz! Und echter Jazz ohne festgefahrene Schablonen ist immer »seltsam«. Was letztendlich das Wesentliche ist. Das Album »Chemical Reactions«, das kurz vor Silvester erschien, ist im Grunde das Werk des französischen Bassisten, Arrangeurs und Komponisten Antoine Fafard, der King Crimson- und The Pineapple Thief-Schlagzeuger Gavin Harrison zur Zusammenarbeit eingeladen hat. Also eines der heißesten Namen der Galaxis und der aktuellen Schlagzeugszene – nennen wir ihn einfach den Schlagzeug-Superman. Fafard hat viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit erstklassigen Schlagzeugern. Nur ein paar Namen: Simon Phillips, Dave Weckl, Terry Bozzio. Genug gesagt.
»Chemical Reactions« ist ein rein instrumentales Album. Jazz Fusion ist die treffendste Genrebezeichnung dafür. Fans experimenteller Spielereien – also der ständig herausfordernden Kollisionen und Interaktionen vielfältiger rhythmischer Strukturen, die auf Schritt und Tritt unterhalten, überraschen und trotz ihrer Komplexität in ständiger Reichweite höchster Zugänglichkeit koexistieren – werden auf diesem liebenswürdig schockierenden Album absolute künstlerische Katharsis erleben.
Das ist ein Album, das für sich steht. Wer Fafard und seine früheren Arbeiten kennt, wird von der grundlegenden musikalischen Ausrichtung von »Chemical Reactions« kaum überrascht sein. Dennoch ist das nicht das Wesentliche dieses Werks – sondern, wie der Titel selbst sagt, das chemische Aufblitzen zwischen den beteiligten Musikern. Die Reaktionen zwischen den Musikern, in erster Linie zwischen Fafard und Harrison. Letzterer ist zweifellos der ultimative Garant, der jedem Werk eine Portion Eklektizismus und Einzigartigkeit mitbringt – denn Harrison ist derzeit einzigartig. Niemand kommt ihm nahe (stilistisch), und sein Ansatz ist es, der diesem Werk seinen großen Reiz verleiht. Er gibt ihm eine Note von Abenteuerlust, Ungewöhnlichkeit und Progressivität, obwohl es im Kern ein Jazz-Fusion-Album ist.
Gavin genießt auf diesem Album absolute künstlerische Freiheit. Das überrascht in solchen musikalischen Sphären nicht – es wird geradezu erwartet. Ähnlich wie einst John McLaughlin, als er aus Großbritannien in New York ankam, um mit Miles Davis das Album »In A Silent Way« aufzunehmen, und Miles ihm nur eine einzige grundlegende Anweisung gab: »Spiel Gitarre, als ob du nicht spielen könntest.« Damit sagte er alles. Erwarte das Unerwartete. McLaughlin wusste vorher natürlich überhaupt nicht, was Miles aufnehmen wollte. Auch Miles selbst wusste es nicht. In solch einer Atmosphäre entstehen nach aller Regel die schönsten musikalischen Wunder.
Kurzum. »Chemical Reactions« wirkt stellenweise wie wunderschöne Filmmusik, die konkret polyrhythmisch strukturiert ist und herausfordernd auf den Genrefedern der Jazz-Avantgarde, neoklassischer Elemente und Elemente des Progressive Rock reitet. Den Kern der Besetzung bilden Antoine Fafard, Gavin Harrison, Cellist Jonathan Gerstner und Violinistin Maria Grig. Im Quartettformat sind die ersten vier Stücke dieses Albums umgesetzt. Schon im Opener »Transmutation Circle« spricht es mit einer Erfahrung an, die Assoziationen zu The Mahavishnu Orchestra, Frank Zappa, King Crimson … weckt. Schon in diesem Stück deuten Fafard und Harrison einige Momente exzellenter gegenseitiger Wahrnehmung an, wenn sie sich kürzere improvisatorische Einlagen zuspielen (von diesen Spielereien gibt es noch einige mehr auf dem Album). Das nächste Stück, »Atonic Water«, ist das, wo Harrison sich zum ersten Mal konkreter entfaltet und seine unverkennbaren Moves auspackt, die ein Unikat des Schlagzeug-Universums sind. Das Stück ist übersät mit atonalen Violinenlinien, vor allem aber ist das Kontrastieren mit dem Cello interessant, das (neben der Bassgitarre) den Großteil der tiefen Töne aufbaut, wenn es in die Funktion des Phrasierens eintritt und dem Stück einen dunklen Unterton verleiht. Harrison hängt eine Menge zusätzlicher Klangfarben an seinem Schlagzeug auf, inklusive Marimba. Zu diesen Tricks greift er auch im weiteren Verlauf des Albums, auch im hervorragenden »Vision of Lost Orbit«, wo Harrisons begeisterndes Genie besonders bildreich und vielschichtig verspielt ist. Auch das vierte Stück hört nicht auf zu unterhalten – das ist »Pair of Perfect Four« –, wo sich die atonalen Figuren der Leitmelodien und das Theater der Polyrhythmie der musikalischen Philosophie von Robert Fripp und King Crimson annähern. Auf dem Stück »Singular Quartz« springt als Sondergast der legendäre Violinist Jerry Goodman ein, und sein brillantes Spiel verstärkt die Erkenntnis, dass »Chemical Reactions« besonders Fans von The Mahavishnu Orchestra vollblütig in Aufruhr versetzen wird.
Eine besondere Geschichte sind die beiden letzten Stücke, an denen das 65-köpfige tschechische Philharmonieorchester Janacek Philharmonic Orchestra mitwirkt. Die Pompösität des Werks selbst – also die Gier nach den erschaffenen Atmosphären – springt sofort auf ein theatralisch höheres Niveau. Es handelt sich tatsächlich um Suiten. Die erste ist »Holding Black The Clock«, wo der Kontrast zwischen ruhigen Teilen und wuchtigen seismischen Stößen ein besonders ausgeprägter Schöpfer eines außergewöhnlichen Übergangs zarter und fragiler motivischer Pastelle ist, die in einem erstklassigen Klimax koexistieren. Die zweite Suite, die das Album beschließt, ist das Titelstück des Werks, wo auch Fafard mit der Bassgitarre eine zentralere Position einnimmt. Genau dieses Stück ist eine besonders brillante Komposition, wie geschaffen für die Integration in den Soundtrack eines Abenteuerfilms. Fafard, der, wie gesagt, der Hauptkomponist aller Kompositionen und so etwas wie ein Dirigent-Produzent ist, zeigt in diesem Stück auch einige verblüffende Kunststücke auf der Bassgitarre. Damit bringt er keine Revolution, denn ähnliche Meister gibt es auf diesem Planeten zuhauf – aber das Titelstück ist ein erstklassiges Beispiel der perfekten Kollision aller Bausteine, auf denen die musikalische Vision dieses Albums beruht. Harrison vergisst in diesem Stück auch nicht, das Doppelbassdrum-Pedal einzuflechten, was das dramatische Theater der Ereignisentwicklung weiter verstärkt.
Ein Album des ständigen Auf und Ab und außergewöhnlicher Dynamik. Ein Album, das auf Schritt und Tritt prägnant konzipiert und ausgeführt ist, und doch ein Album, das mit seiner Fragmentiertheit und Lockerheit ständig begeistert. Auf jedem Schritt dieses Albums sprüht die reichhaltige Kollision höchst technisch komplexer Exekution im freischwebenden Dahingleiten durch die Weiten improvisatorischer Einlagen. Die Konstruktion der Stücke ist im Kern prägnant und kompakt, und das jazzfusion-gefärbte Album trägt auch einen klaren motivischen Charakter klassischer Musik, ebenso wie verspielte Progressivität und Avantgarde. Als solches geht es langsam ins Ohr und verlangt mehrere Durchläufe. Die Chemie zwischen Fafard und Harrison wirkt vollblütig und verwöhnt den Hörer. Das Duo zweier erstklassiger Musiker verleiht den Kompositionen und dem Album eine klare Note von Eklektizismus. Es handelt sich um ein musikalisches Unikat, das musikalische Feinschmecker sofort als ihres beanspruchen werden. Fafards Kompositionsarbeit überrascht nicht einmal besonders, aber Harrisons Beitrag ist es, der diesem Album den noch größeren Stempel eines ständig fesselnden musikalischen Abenteuers verleiht.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Transmutation Circle
2. Atonic Water
3. Vision. Of A Lost Orbit
4. Pair Of A Perfect Four
5. Proto Mundi
6. Singular Quartz
7. Holding Back The Clock
8. Chemical Reactions
Besetzung:
Antoine Fafard – Bassgitarre
Gavin Harrison – Schlagzeug, Perkussion
Mitwirkende und Gastmusiker:
Maria Grig – Violine
Jonathan Gerstner – Cello
Jerry Goodman – Violine auf Track Nr. 5
Janacek Philharmonic Orchestra – Tracks 7 und 8
