Fish – die Rückkehr des Hochland-Apostels des Progressive Rock nach Wien! (2024)
Fish
Wien / Arena Wien / Österreich
Donnerstag, 17. 10. 2024 von 20.30 Uhr bis 22.47 Uhr
Fish, der berühmte schottische Liedermacher und einstiger Frontsänger der kultigen Progressive-Rock-Größen Marillion, ist eine echte Ikone des Progressive Rock. Anfang dieses Jahres kündigte er die erste Tranche der Termine seiner umfangreichen Europa-Tournee an. Die Tournee hat er „Road To The Isles Tour 2024/5″ getauft.
Begegnungen mit ihm sind für Rockline selten, aber umso intensiver. Seine Konzerttermine kommen nur selten in die relative Nähe Sloweniens (im Sinne von Tagestouren mit dem Auto hin und zurück), dafür haben wir aber vor einem Konzert im fernen Mai 2006 im deutschen Augsburg direkt nach dem Interview in einem lokalen Pub gemeinsam mit Fish Bier getrunken und sind durch die Straßen gestreift, im Dezember 2007 erneut vor einem Konzert im italienischen Bologna beim Interview geplaudert, und danach mussten wir ganze 9 Jahre warten, bis er am 7. 2. 2015 wieder in der Nähe Sloweniens auftauchte, als wir zu seinem Konzert nach Venedig gesprungen sind!
Wieder neun Jahre vergangen! Und? Die unwiderruflich letzte Tournee? Zeit für echte Panik also! Also muss man unbedingt mindestens eines seiner Konzerte besuchen. Das nächstgelegene. Zum Glück hat er in dieser Tranche einen Auftritt in Wien bestätigt. Der legendäre Musiker, der nach seinem Abgang aus Marillion eine beeindruckende Reihe exzellenter Soloalben abgeliefert hat, hat dabei sowohl die Fans seiner Marillion-Jahre als auch jene, die ihm danach die Treue hielten (bis heute), stets in seinem Bann gehalten. Angesichts der Popularität, die er mit Marillion erreicht hat, lässt er sich gewissermaßen sogar als Vater des Neo-Progressive-Rock ausrufen – vor allem angesichts der Tatsache, dass Marillion zu den ersten und einzigen Neo-Prog-Acts gehörten, die in ihrer musikalischen Visionskraft, stark inspiriert von Geist und Werk der Genesis, auch globale Bekanntheit und beachtlichen kommerziellen Erfolg erzielten!
Warum der Tourneename ‚Weg zu den Inseln‘? Nach deren Ende hat Fish angekündigt, sich aus der Musik zurückzuziehen und mit seiner Frau auf ein knapp 14 Hektar großes Anwesen im Nordwesten Schottlands zu ziehen – genauer gesagt auf die Insel Berneray, die zur schottischen Gemeinde North Uist gehört und eine der Inseln der schottischen Inselgruppe Outer Hebrides ist.
Die Arena Wien, die bis zu 1.200 Personen fasst, war kurz vor halb neun abends richtig gut gefüllt. Rund 800 Köpfe sorgten für eine schöne Auslastung, und in der Luft knisterten die Funken großer Vorfreude. Unterdessen badete die Bühne in blauem Licht, im Hintergrund eine Leinwand mit dem Cover von Fishs Debütalbum „Vigil In A Wildnerness of Mirrors“ (1990, Rockline Rezension), über die hin und wieder ein Goldfisch schwamm – was gewissermaßen Derek William Dick personifiziert, der aufgrund seines Nachnamens schnellstmöglich ein passendes Künstlerpseudonym finden musste! Fish also!
Es ist halb neun abends. Die Melodie von Rossinis zweiaktiger Melodramma La Gazza Ladra erklingt, und die Bühne verdunkelt sich. Fish‘ Begleitband nimmt sie ein – erstklassige britische Musiker, mit denen Fishs Karriere eng verbunden und künstlerisch geprägt ist; zugleich sorgte das Erscheinen der dunkelhäutigen Backgroundsängerin Elizabeth Antwi auf der Bühne an diesem Abend für einen spürbaren Anstieg des prozentualen Schönheitsanteils. Fishs Crew besteht aus folgenden Musikern: der famose Keyboarder Mickey Simmonds (spielte u. a. mit Mike Oldfield, Camel, Renaissance und wirkte an Alben zahlreicher renommierter Künstler mit), der praktisch auf allen Fish-Alben vertreten ist; Schlagzeuger Gavin Griffiths (Karnataka, Mitbegründer von Panic Room, außerdem tätig mit Mostly Autumn und Bill Nelson); Gitarrist Robin Boult (arbeitete mit Howard Jones zusammen, vor seinem Einstieg bei Fish auch mit Big Big Sun, Sauna und The Heartbeats) und der treue Bassist Steve Vantsis (spielte u. a. mit Candy Dulfer, Bonnie Tyler und KT Tunstall). Kurz gesagt: echte Asse ihres Fachs! Und langjährige Fish-Begleiter, denen der berühmte Liedermacher uneingeschränkt vertrauen kann.
Fish riss seine Anhänger sofort von den Stühlen mit dem „Internal Exile“ (1991)-Klassiker Credo, in den schon beim ersten Refrain der Großteil des prall gefüllten Arena-Publikums einstimmte. Die Musiker bemerkten das sofort und warfen sich vielsagende Blicke zu – nach dem Motto: „Jungs, wir sind genau am richtigen Ort!“ Und Fish? Einmalig und einzigartig. Charisma, soweit das Auge reicht – so greifbar, dass man es in Stücke schneiden könnte! Sofort legte er einige seiner typischen Moves hin, für die er bekannt ist, und schlug eine feste Kommunikationsbrücke zum Publikum, die in den gut zwei Stunden und zwanzig Minuten, die das Set dauerte, nicht einen Moment nachließ. Fish ist ein echter Magnet. Ansteckend. Mit seiner Herzlichkeit betont er eine außergewöhnliche Volksnähe, Zugänglichkeit und Unkompliziertheit.
Zeit gibt es sowieso zu wenig und zu viel gute Musik. Daher fehlten einige Alben in der Setlist – doch alles in allem lässt sich das Ganze als absolut magisches Erlebnis einer einzigartigen musikalischen Kunststunde bezeichnen. Ein Mann mit weichem Herzen und scharfer Feder, mit dem er überrascht und erschüttert. Da ist Big Wedge („Vigil in A Wilderness of Mirrors“), dann Long Cold Day (eine Überraschung vom Album „Felini Days“, 2001 – Rockline Rezension) sowie Slàinte Mhath – der erste Marillion-Klassiker des Abends aus dem Album „Clutching At Straws“ (1987). Im Eröffnungsteil heizte Fish mit hervorragendem Sound und einer bestens aufgelegten Band das Publikum so richtig an, sodass es ihm buchstäblich aus der Hand fraß. Es folgt ein mehrteiliges Epos. Einen Tag zuvor hatte er in München Plague of Ghosts vom Album „Raingods With Zippos“ (1999, Rockline Rezension) gespielt; diesmal entschied er sich für das andere – das 27-minütige The High Wood – das definitive Herzstück des Albums „A Feast Of Consequencess“. Zu Beginn erzählte er eine längere Geschichte darüber, woher die Inspiration kam und worum es in dem Stück geht (sein Großvater hat im Ersten Weltkrieg Schützengräben ausgehoben – auch jene, in denen Leichen begraben wurden), und widmete das Stück allen Leidenden in Gaza und der Ukraine.
Die Zeit verging viel zu schnell. Fish stellte seinen einzigartigen Gesang und seinen Ansatz unter Beweis. Über die Jahre bewahrt er eine außergewöhnliche Glut, eine Frische – mühelos führte er alle Teile seines Auftritts, seine Vokalform auf allerhöchstem Niveau. Auch in anspruchsvollen Passagen, wo extreme Sensibilität und Raffinesse gefordert sind, verblüffte er mit seiner durchdringenden Weichheit und seiner verführerischen Feinfühligkeit. Sängerin Elisabeth Antwi war ihm dabei mit ihren malerischen stimmlichen Kontrasten eine außerordentliche Stütze. Unterstützt von den Projektionsmotiven auf der Leinwand im Hintergrund und der typischen, von Melancholie durchdrungenen Melodik war die Entstehung dieser Magie außergewöhnlich. Die packende Atmosphäre hielt uns in ihrem Bann, und die Band begeisterte durch ihr eingespieltes Zusammenspiel. Fehler bemerkten auf der Bühne nur die Musiker selbst, was bedeutet, dass das Konzert für uns Laien praktisch makellos klang. Nur im Einstiegsteil der 13-minütigen „Weltschmerz“ (2020, Rockline Rezension)-Klassikerin Waverley Steps (End of the Line), die eine anspruchsvolle Gesangsmelodie enthält, erwischte Fish eine leichte Ungenauigkeit in den Vokallinien – die aber kaum wahrnehmbar war. Das Ende des regulären Teils kam unangekündigt und zu früh! Mit einer Überraschung – dem „Suits“ (1994)-Song Raw Meat, den Fish seit 2012 bei keinem seiner Konzerte mehr gespielt hatte!
Der begeisterte Applaus und der Jubel wollten nicht nachlassen – nicht einmal beim sprichwörtlich stets ‚kühlen und besonnenen‘ österreichischen Publikum, das sich diesmal wirklich von seiner besten Seite zeigte! Zu hören war im Publikum natürlich auch Kroatisch, Slowakisch, Tschechisch, Ungarisch – und natürlich? Slowenisch, wofür wir verantwortlich waren. Zu dritt!
Die Band kehrt auf die Bühne zurück. Es fehlten noch Marillion-Klassiker und Klassiker von Fishs Debütalbum „Vigil in the Wilderness of Mirrors“. Da ist die Single A Gentleman’s Excuse Me vom Debütalbum, dann ein Strauß „Misplaced Childhood“ (1985)-Klassiker, der die Masse in den siebten Himmel schoss, als die großen Marillion-Hits und Evergreens der Achtziger Kayleigh und Lavender folgten – beide ergänzt und in den krönenden Konzertfinale-Höhepunkt geführt noch durch Heart Of Lothian! Das „Misplaced Childhood“-Trio also! Unvergesslich! Fish verwandelte sich in den einzigartigen ersten Marillion-Sänger. Das ist das Paradox. Nach seinem Abgang aus der Band klangen diese Songs nie mehr gleich, wenn Marillion sie auf der Bühne spielte. Diese Magie kann nur mit Fish am Mikrofon entstehen! Und hier war sie – auch wenn ich persönlich bei der Aufführung von Kayleigh dem Gitarristen Robin Boult den Reverb auf klar und deutlich hörbare Stärke aufgedreht hätte! Aber das sind meine Ohren. Mein Wahn und meine Wünsche. Dem Streben nach Perfektion auf eine leicht andere Art lässt sich nämlich nicht widersprechen.
Aber wir holten Fish und die Band noch für eine zweite Zugabe zurück. In dieser weiteren Zugabe beglückte und verwöhnte Fish uns mit einer weiteren „Vigil In A Wilderness of Mirrors“-Klassikerin, The Company. Es gab Momente, in denen man sich sagte: „Lass es andauern, lass es nie enden!“ Und Fish und die Band wirken wirklich nicht wie irgendwelche Methusalems, die sich nach Jahren der Blamage endlich zur Rente entschieden haben. Vitalität, Explosivität, Zartheit, Milde und Schärfe – all das ist in diesem Herzen noch im Überfluss vorhanden! Deshalb ist es schlicht unglaublich, dass ein Mann des Jahrgangs 1958 sich nach dieser Tournee zurückzieht! Das Feuer ist da und lodert mit voller Kraft! Und Fish ist agil, durchdringend, redegewandt, voller Humor und außergewöhnlicher Geschichten, mit denen er die Songs ergänzte, die er an diesem Abend spielte – und mit denen er als unglaublich scharfsinniger und funkelnder Liedermacher nicht nur verblüffte, sondern auch grenzenlos begeisterte. Da am Ende des Tourneenamens die Jahreszahl ’24/5′ steht, hoffen wir, dass der Mann 2025 noch eine weitere Tranche Konzerte auf dem alten europäischen Kontinent bestätigt. Denn der Glanz des einzigartigen Bühnenzaubers und der Atmosphäre mit dem berühmten Fish strahlt auch in den schwindenden Strahlen seiner prachtvollen musikalischen Karriere mit unverminderter Intensität!
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
1. The Thieving Magpie (La Gazza Ladra) – taped intro
2. Credo
3. Big Wedge
4. Long Cold Day
5. Slàinte Mhath (orig. Marillion)
6. The High Wood, I: High Wood
7. The High Wood, II: Crucifix Corner
8. The High Wood, III: The Gathering
9. The High Wood, IV: Thistle Alley
10. The High Wood, V: The Leaving
11. Just Good Friends
12. Goldfish & Clowns
13. Waverley Steps (End of the Line)
14. Raw Meat
—Zugabe I.—
15. A Gentleman’s Excuse Me
16. Kayleigh (orig. Marillion)
17. Lavender (orig. Marillion)
18. Heart of Lothian (orig. Marillion)
—Zugabe II.—
19. The Company






















































