Firewind: Firewind
Label: AFM Records
Erscheinungsdatum: 15. 5. 2020
Produktion: Gus G
Albumlänge: 47.33 min
Genre: Power Metal
Bewertung: 10/10
Firewind sind die Fahnenträger des europäischen Power Metals. Auch wenn das Wort Power Metal heute reichlich abgenutzt und verbraucht klingt – und durch generische Bands, die sich hinter dem bunten Bühnenspektakel von Sabaton, Powerwolf bis Alestorm verstecken, auch ordentlich Schaden nimmt – gibt es nach wie vor Bands, die vom ersten Tag ihrer Karriere an dem musikalischen Visionärtum treu verpflichtet sind: Bands, die erstens keinen Kitsch brauchen, um eine mögliche künstlerische Schwäche zu kaschieren, und die zweitens alles, was sie anfassen, mit einer so aufrichtigen und gewaltigen Energie angehen, dass jedes Label von Verbrauchtheit und Abgedroschenheit sofort in Luft aufgeht.
Firewind, die Band, die in den letzten Zügen des vorigen Jahrtausends loszutreten begann, hat beschlossen, ihr neues Album schlicht »Firewind« zu nennen – obwohl schon ein Dutzend Alben auf dem Konto steht. Normalerweise tun Bands das nur beim Debüt, oder wenn etwas Einschneidendes passiert ist: ein wichtiges Mitglied hat die Besetzung verlassen, oder die Band hat extrem lange gebraucht, ein neues Album herauszubringen – wie etwa Def Leppard. Bei Firewind trifft Ersteres zu. Die Band hat eine Feuerprobe der Besetzungsveränderung durchgemacht.
Gus G, der Anführer der Band, heute ihr einziges verbliebenes Gründungsmitglied und unbestrittener Gitarrenheld – der seinerzeit auch bei Ozzy Osbourne gespielt hat – hat alles unter Kontrolle! Und er macht das wieder sehr gut und effektiv. An seiner Seite stehen der treue Bassist Petros Christodoulidis, der seit 2003 für Firewind spielt, sowie Schlagzeuger Johan Nunez – Zusatzgitarrist und Keyboarder Bob Katsionis ist hingegen nicht mehr dabei. Für Gus G ist das im Studio kein Problem: Das Keyboard-Arrangement hat er einfach komplett selbst übernommen. Die wesentlichste Änderung, die Firewind 2020 durchgemacht haben, ist aber der Wechsel an der Gesangsposition. Henning Basse, langjähriger Sänger der Band, wurde in diesem Jahr durch den deutschen Vokalist Herbie Langhans ersetzt. Langhans ist beim Projekt Avantasia dabei – und dort bekommen nur die Besten einen Job. Es handelt sich nämlich um mehr als nur einen ausgezeichneten Sänger: Er besitzt genau so einen Hauch kehligen Klangs wie sein Vorgänger, entwickelt dabei aber eine außergewöhnliche Explosivität, die in Spitzenleistungen sogar Momente von Operettenhaftigkeit heraufbeschwört. Langhans kann zeitweise auch sehr aggressiv werden, wenn er ruppigen und kehligen Gesang ausstellt, um dann wieder mit außerordentlich sauberem Gesang und enormer Explosivität aufzutrumpfen. In jeder Lage, die er einnimmt. Seinen Gesang kann er viel stärker variieren als es seinem Vorgänger gelang – und wirkt so »chamäleonhaft«. Das ist sehr willkommen, denn so ist Langhans auf dem Album zu einem wichtigen Baustein der Intensivierung von Stimmungen in einzelnen Songs geworden, und auf diese Weise erreicht das Album »Firewind« auch eine ausgeprägte Dynamik.
Das Album »Immortals«, das Firewind 2017 veröffentlichten, war nach längerer Zeit wieder ein Werk der Band, das mit großer ideeller Frische, hoher qualitativer Kohärenz und durchgehend ansprechendem Arrangement aufwartete, unterstützt von einer Menge eingängiger und packender Phrasen. Seit den Anfangstagen der Band, als das Debüt »Between Heaven And Hell« (2002) und der Nachfolger »Burning Earth« (2003) erschienen, war solche Konsequenz nicht zu spüren gewesen. Umso begeisternder ist es, dass Firewind auf dem neuen Album nicht nur den Moment hochkreativer Inspiration vom Vorgänger hinübergerettet haben, sondern mit dem neuen Werk eine breite Palette durchdringender und prägender Ideen liefern – wobei »Firewind« den ausgezeichneten Vorgänger sogar übertrifft.
Das Album ist pompös, feierlich, sinfonisch, neoklassisch, und in der prägenden, ideenmäßig stark bewegten Phrasierung ausgeprägt schlagkräftig gezackt. Im Aufbau dramatisch – Theater und Pomp –, dabei aber auch düster. Deshalb spricht es ohne künstlerisches Stolpern an. »Firewind« ist eine ausgezeichnete Synthese der klassischen Firewind mit der künstlerischen Reife von Gus und seinen Mitstreitern, wie sie die aktuelle Zeit widerspiegelt. Die Songs sind einer nach dem anderen außerordentlich prägend, besitzen einen ausgearbeiteten Charakter und halten den Hörer in der entfalteten, hochoktanigen Spannung und dem Theater, durch das die Funken packender Atmosphären knistern, ständig in einem Zustand hoher Anspannung.
Was das Songwriting betrifft: Auf diesem Album gibt es keine Ausbrüche weinerlicher Pathetik oder kreisförmig figurierter Melodien, und auch keine Rhetorik des Abkupferns von Phrasen, die schon in der Vergangenheit verwendet wurden. Auch die packende Ballade Longing to Love You hält mit ihrer Melancholie und einem Hauch von Düsterheit das Album weit genug von einem möglichen Zuckerguss entfernt. In letzter Zeit ist es schwer, ein Album im Power-Metal-Genre zu finden, das dem Abdriften in die Generizität (neue Bands) oder der ideellen Abgenutztheit (Bands, die vor 20-25 Jahren entstanden) trotzt. Firewind sind eine der wenigen Bands, die all dem mit großem Geschick ausgewichen sind. Der direkte Beweis dafür ist eben das neue Album, das bis zu diesem Tag das Manifest der größten künstlerischen Reife der Band ist. Eine Art neue Auferstehung – auch ein Zenit, der mit »Immortals« begann.
Dank des Genies und unglaublichen Talents von Gus G. Anders als das Shredder-Theater, das seine Soloalben-Sammlung füllt, widmet Gus G bei Firewind die Hauptaufmerksamkeit dem Arrangement kompakter Songs, die aber phänomenal mit sinfonischen Elementen und Keyboard-Arrangements gewürzt sind. Diese intensivieren die eingängige, aber düstere Bombastik des Albums. Sein Solospiel bleibt eine Poesie eigener Art, ausgeprägt neoklassischer Natur – und Gus G ist schlicht wieder nicht zu fassen. Dieses Mal ist sein Ego dem Format der Band untergeordnet. Highlights herauszuheben ist schwierig. Die Songs stehen gleichwertig nebeneinander. Ein sehr wichtiges Zünglein an der Waage ist natürlich Langhans, der mit seinem bravourösen Gesang die ideelle Frische des Albums weiter aufwertet. Gus G brauchte den Wechsel an der Gesangsposition geradezu, damit das Album »Firewind« zum Manifest eines der besten Alben in der Karriere der Band werden konnte. Es trägt diesen Titel zu Recht. Es ist der Einzug der Band in eine neue Ära! Der Song Overdrive vereint das Beste aus den Welten der Toyn Martin-Ära von Black Sabbath und Rainbow aus der Zeit, als Ronnie James Dio in der Band sang, mit dem Charisma, das nur Gus G einem Song einhauchen kann. Das soll genügen. »Firewind« wird dieses Jahr kaum von einem anderen Album im Power-Metal-Genre übertroffen werden. Firewind haben damit bislang das beste Power-Metal-Album des Jahres 2020 veröffentlicht! Sehr wahrscheinlich wird das auch so bleiben.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Welcome To The Empire
2. Devour
3. Rising Fire
4. Break Away
5. Orbitual Sunrise
6. Longing To Know You
7. Perfect Stranger
8. Overdrive
9. All My Life
10. Space Cowboy
11. Kill The Pain
Besetzung:
Herbie Langhans – Gesang, Backing Vocals
Gus G – Gitarre, Keyboards, Backing Vocals
Petros Christodoulidis – Bassgitarre
Johan Nunez – Schlagzeug
