Fates Warning : Live Over Europe
Label: InsideOut Records
Erscheinungsdatum: 29.06.2018
Albumlänge: 137:52 min.
Genre: Progressive Metal
Auch wenn das Album schon ein halbes Jahr auf dem Buckel hat, bleibt es Pflicht, es sich genauer anzuschauen. Fates Warning gehören zu den essenziellen Bands, die zum Aufstieg des sogenannten Progressive-Metal-Genres beigetragen haben. Noch bevor irgendjemand überhaupt an Dream Theater gedacht hatte, entstanden auf diesem Planeten Bands, die schon teuflisch schnell und verdammt kompliziert spielten – bei denen die Sänger im »Vierertakt« sangen, während im »Siebener« gespielt wurde, und so weiter… Neben Fates Warning fallen einem aus der ersten Welle solcher Bands noch »diverse« Queensryche, Crimson Glory, Hair Apparent, Savatage, Watchtower ein. »Live Over Europe« ist erst das dritte offizielle Konzertalbum der Band. Es folgt auf »Still Water« genau 20 Jahre später, und ich kann gleich sagen, dass es ein ausgezeichneter Nachfolger und eines der besten Konzertalben des vergangenen Jahres ist. Es enthält alles, was man von einem Konzertergebnis erwartet, das aus den Händen einer seit 1982 aktiven Band kommt, an die die Erwartungen stets sehr hoch sind.
Das Dokument umfasst 23 Songs und über 138 Minuten Spielzeit. Es ist ein Konzertalbum, das Fates Warning im Rahmen ihrer Welttournee wieder nach Europa geführt hat. Am 23.01.2018 traten Fates Warning im Rahmen dieser Tournee insgesamt zum dritten Mal in Slowenien auf, insgesamt zum dritten Mal in Ljubljana und insgesamt zum dritten Mal im Orto bar. Da aller guten Dinge drei sind, kam es auch dazu, dass einige Aufnahmen aus Ljubljana genau für dieses neue Konzertalbum der Band verwendet wurden! Neben den Aufnahmen aus Ljubljana haben Fates Warning auch Aufnahmen aus folgenden europäischen Städten einbezogen: Aschaffenburg (Deutschland), Belgrad (Serbien), Thessaloniki und Athen (Griechenland), Rom und Mailand (Italien) sowie Budapest (Ungarn). Das gespielte Repertoire umfasst Songs, die im Laufe der langen, über 30-jährigen Karriere der Band entstanden sind. Im Repertoire ist (erwartungsgemäß) das aktuelle »Theories Of Flight« mit mehreren Songs vertreten, doch gleichzeitig streift die Band sämtliche Alben ihrer Karriere im Zeitraum zwischen »No Exit« (1988) und »Theories Of Flight« (2018). So wurde weder ein Teil des überragenden Epos A Pleasant Shade Of Grey vergessen, noch ein Teil der progressiven Symphonie The Ivory Gates Of Dreams mit dem Titel Acquiescence.
Es ist ein exzellenter Querschnitt durch die Karriere der Band in der »Ray Alder Ära«. Die Band präsentierte auf der Tournee ihr zwölftes Studioalbum »Theories Of Flight«, und die Besetzung hat zuletzt auch eine leichte Änderung erfahren: An der Gitarrenposition hat Mike Abdow (Aquanett) schließlich Frank Aresti abgelöst. Warum »schließlich«? Abdow hatte Aresti bei Konzerten nämlich bereits 2013 vertreten. Wir haben Abdow also schon bei uns erlebt, als Fates Warning zum zweiten Mal in Ljubljana auftraten. Das Entscheidende an »Live Over Europe« ist die Form der Band. Obwohl das Konzert an verschiedenen Locations aufgenommen wurde, wirkt es energetisch betrachtet enorm kompakt und einheitlich. Das bedeutet, dass die Band den Konzertteil der Europatournee in absolut starker Live-Form »überlebt« hat. Das Spiel ist brillant, das Gespür und die Chemie zwischen den Bandmitgliedern ebenso. Fates Warning agieren wie eine extrem gut geölte Maschine aus fünf exzellenten Musikern. Außergewöhnliche Harmonie, eine perfekte Mischung aus technischer Komplexität und verführerischen melodischen Passagen beziehungsweise Melodiebögen. Das wichtigste Element ist Alders Vokalform – er hat das gesamte Material auf höchstem Niveau gesungen. Seine vokale Natur ist ungemein reich und voll. Er verleiht dem Ganzen genau die richtige Portion Rauheit, der Gesang ist dabei prägnant und ausdrucksstark in jeder Lage. Er trägt alles in sich, was ein echter Gesang braucht, um in der Interpretation Leidenschaft und Emotion herauszuholen und den Hörer damit zu überwältigen. Alder ist schlichtweg brillant und reift wie ein guter alter Wein. Die Klangproduktion ist brillant.
Es ist ein außerordentlich ausgereifter Nachfolger des zwar exzellenten ersten Konzertalbums, das vor 20 Jahren erschienen ist, nämlich »Still Life«. Eigentlich ist das eine aufgefrischte, (mit Vorbehalt gesagt) erweiterte neue Konzertversion des Albums »Still Life«. Der authentische Klangabdruck von Energie, Chemie und Entwicklungsstand dieser einzigartigen und ganz besonderen Band wird ihre Fans unweigerlich begeistern. Fates Warning galten stets als eine Band, die gerade komplex genug ist, um für Liebhaber des klassischen Metal zu komplex zu sein – was ihnen auf der anderen Seite aber die Fanbasis derjeniger erweitert, die Progressive Rock hören und nicht unbedingt Metal. Eine Band mit großem Köpfchen, die im Verlauf ihrer Karriere all ihre kompositorische und expressive Brillanz unter Beweis stellt und die auf ihrem eigenen Weg der selbstbestimmten Evolution schreitet. »Live Over Europe« ist ein für immer eingefangenes Stück in Raum und Zeit dieser einzigartigen Magie. Es ist unglaublich, wohin Fates Warning die Live-Ausführung einiger Songs gebracht haben, die noch in den Achtzigern und Neunzigern entstanden. Die Band hat auf den Bühnen Seele und Herz gelassen, ihre 110% gegeben – und wer von euch an jenem 23.01.2018 im Orto bar in Ljubljana war, wird dem sicher zustimmen. All das verkörpert gleichzeitig auch dieses außergewöhnliche Konzertdokument. Allein schon wegen der Repertoirewahl kann dieses Konzertdokument gleichzeitig auch ein perfekter Einstieg für alle sein, die die Band noch nicht kennen. Es verkörpert einen exzellenten diskografischen Querschnitt – beziehungsweise eine Einführung in das Werk der Band aus den Schaffensjahren von 1988 bis 2018.
Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 10 / 10
Trackliste:
CD 1:
01. From The Rooftops
02. Life In Still Water
03. One
04. Pale Fire
05. Seven Stars
06. SOS
07. Pieces Of Me
08. Firefly
09. The Light And Shade Of Things
10. Wish
11. Another Perfect Day
12. Silent Cries
13. And Yet It Moves
CD 2:
01. Still Remains
02. Nothing Left To Say
03. Acquiescence
04. The Eleventh Hour
05. Point Of View
06. Falling
07. A Pleasant Shade Of Gray, Pt. IX
08. Through Different Eyes
09. Monument
10. Eye To Eye
Besetzung:
Ray Alder – Gesang
Jim Matheos – Gitarre
Mike Abdow – Gitarre, Hintergrundgesang
Joey Vera – Bassgitarre, Gesang
Bobby Jarzombek – Schlagzeug