Edu Falaschi: Vera Cruz
Erscheinungsdatum: 12. 5. 2021
Label: MS Metal Records
Produktion: Edu Falaschi, Roberto Barros & Thiago Bianchi
Albumlänge: 59.46 min
Genre: Power Metal / Progressive Metal
Wertung: 8.5/10
Edu Falaschi ist ein brasilianischer Vokalist, der vor allem der Power-Metal-Gemeinde, aber auch dem Progressive-Metal-Publikum bestens bekannt ist – besonders aus der Zeit, als er bei den brasilianischen Progressive-Metal-Größen Angra sang. Das war allerdings noch in jenen Zeiten, als Power Metal und melodischer Progressive Metal bei den Metallern deutlich mehr Aufmerksamkeit und Zuneigung genossen. Der Mann, den Angra im Jahr 2000 in ihre Reihen aufnahmen, verließ die Band zwölf Jahre später. In erster Linie wegen gesundheitlicher Probleme, aber auch wegen der Streitigkeiten, die die Gruppe damals von innen zerfraßen.
Na ja, weil der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, hat Edu die musikalische Doktrin und den Visionarismus seiner ehemaligen brasilianischen Mitstreiter, bei denen er gut ein Jahrzehnt gedient hatte, irgendwie auf seine eigenen Soloprojekte übertragen. Das gilt auch für sein drittes Studioalbum mit dem Titel »Vera Cruz« – eine neue, faszinierende Mischung aus neoklassischen Ansätzen, gewürzt mit bombastischen Orchestrierungen, die eine Gratwanderung auf dem schmalen Grat zwischen Power Metal und Progressive Metal (klassischer Prägung) begleiten, klug ergänzt durch traditionelle brasilianische Rhythmik und Melodik. Wer das klassische Angra kennt und ins Herz geschlossen hat, wird auf »Vera Cruz« jede Menge musikalische Freuden finden.
»Vera Cruz« ist ein Konzeptalbum mit historischem Unterbau. Die Geschichte beginnt im Jahr 1492 in der portugiesischen Stadt Tomar, wo ein Mann namens Jorge lebt, der stigmatisiert ist, weil seine Vorfahren dem Kreuzritterorden Nero’s Cross angehörten. Als Jorge erwachsen wird, reist er nach Brasilien, wo er eine Frau aus dem indigenen Volk heiratet. Er schließt sich ihnen an und kämpft gemeinsam mit ihnen im Widerstand gegen die portugiesischen Kolonisatoren. Auch wenn die Geschichte fiktiv ist, hat Falaschi bei der Entwicklung des Konzepts die Geschichte der Kreuzritter detailliert recherchiert – darin ist tatsächlich dokumentiert, dass einige von ihnen später, als sie verfolgt wurden, nach Brasilien aufbrachen.
Die Musik folgt dem Konzept und ist in Arrangements und Komposition äußerst abwechslungsreich. Sie bringt nichts, was man nicht schon gehört hätte. In der musikalischen Rezeptur, die Falaschi mit einer Crew technisch extrem versierter Musiker über knapp eine Stunde Spielzeit aufrechterhält, steckt allerdings handwerkliche Perfektion. Es gibt Momente, die etwas generisch und schon gehört klingen – was kaum verwundert, denn wir befinden uns im Territorium des Power Metal, der in seiner Treue zur ultramusikalischen Eingängigkeit bisweilen definitiv übertreibt. Doch Falaschi kippt die Waage zu seinen Gunsten: vor allem dank einer erneut fantastischen Gesangsdarbietung und einer technisch hochklassigen und komplexen Umsetzung des Materials. Das macht schon der Opener The Ancestry klar – ein höllisch schneller Track, der nach dem Vorbild von Angra-Klassikern wie Carry On gebaut ist. Das Gleiche wiederholt sich anschaulich irgendwo in der Mitte mit Crosses und in der zweiten Albumhälfte mit Mirror of Delusion. Die Gitarren klingen stellenweise so, als würde das klassische Angra-Gitarrenduo Loureiro/Bittencourt mitspielen. Allein diese Feststellung reicht, um »Vera Cruz« alle Aufmerksamkeit zu sichern. Da ist die Verknüpfung von Melodien mit dem unverkennbaren Zuschnitt neoklassischer Musik (allen voran die zahlreichen Orchestrierungen, die den Raum in den Kompositionen füllen), auf der anderen Seite die Einbettung von Latin-Rhythmen mit zusätzlichem Schlagwerk und die Integration von Flamenco. Kurz gesagt: ein Album, das außerordentliche Theatralik und das sprichwörtlich heiße Latino-Temperament ausstrahlt. Land Ahoy ist die komplexeste Komposition des gesamten Albums und einer seiner Höhepunkte – brillantes progressive-metallisches Hochseilakt. Dazu noch jede Menge Melodiebögen und chorische Harmonien, sogar Madrigale, die in die Arrangements eingewoben sind, und das Ganze erreicht in seiner Bombastik und seinem Pomp ein Niveau nahe makelloser Vollendung. Im Finale des Sturms aller Stürme und einer dramatischen Zuspitzung gesellt sich in Face of the Storm kein Geringerer als der große Max Cavalera höchstpersönlich als Gastsänger zu Falaschi.
Wie gesagt: Hätte es vor Falaschi keine Angra gegeben, und auch keine klassischen Rhapsody auf der einen sowie Symphony X auf der anderen Seite, würde »Vera Cruz« mehr verinnerlichte stilistische Eigenständigkeit tragen. So aber haben wir es mit einem zwar exzellenten, hochmusikalischen Power- und Progressive-Metal-Album zu tun, das den Hörer in erster Linie retro-nostalgisch anspricht und herausfordert. Mit einem unbestreitbar hochqualitativen Charakter feinsinnigen Komponierens allerdings, der über knapp eine Stunde Spielzeit nicht nachlässt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Burden
2. The Ancestry
3. Sea Of Uncertainties
4. Skies In Your Eyes
5. Frol De La Mar
6. Crosses
7. Land Ahoy
8. Fire With Fire
9. Mirror Of Delusion
10. Bonfire Of The Vanities – feat. Tito Falaschi
11. Face Of The Storm – feat. Max Cavalera
12. Rainha do Luar – feat. Elba Ramalho
Besetzung:
Edu Falaschi – Gesang
Studiomusiker:
Diego Mafra – Gitarre
Roberto Barros – Gitarre
Raphael Dafras – Bassgitarre
Fábio Laguna – Keyboards
Aquiles Priester – Schlagzeug
Pablo Greg – Orchestrierungen
Gäste:
Max Cavalera – Gesang auf „Face of the Storm“
Elba Ramalho – Gesang auf „Rainha do Luar“
Tito Falaschi – Gitarrensolo auf „Bonfire of the Vanities“
Federico Puppi – Cello auf „Bonfire of Vanities“ und „Rainha do Luar“
Tiago Mineiro – Klavier auf „Land Ahoy“ und „Rainha do Luar“
Adriano Machado – Streicherarrangements und Dirigat
Rafael Meninão – Akkordeon auf „Rainha do Luar“
