Duran Duran: Future Past
Label: BMG / Tape Modern
Erscheinungsdatum: 22. 10. 2021
Produktion: Erol Alkan, Mark Ronson, Giorgio Moroder & Duran Duran
Albumlänge: 51.05 min
Genre: Pop Rock / New Wave
Bewertung: 8.0/10
Duran Duran, Ikonen des New Wave, des Synthpop und der New Romantic-Bewegung der Achtziger, melden sich mit ihrem fünfzehnten Studioalbum »Future Past« zurück — nach sechs Jahren der Nachfolger von »Paper Gods« (2015). Das laufende Jahr ist für die legendäre New-Romantic-Band aus Birmingham (ihr wisst schon, die Stadt der Giganten anderer musikalischer Handwerksberufe: Judas Priest und Black Sabbath) voller Anlässe zum Feiern. Denn es jährt sich zum 40. Mal das Erscheinen des gleichnamigen Debütalbums, und die Band hat bewiesen, dass ihr Name auch nach vier Jahrzehnten im Musikgeschäft riesig ist — mit Auftritten beim Austin City Limits, beim Isle of Wight Festival und Mitte September mit zwei restlos ausverkauften Konzerten in ihrer Heimatstadt Birmingham.
»Future Past« ist ein Album, das genauso sehr in die Vergangenheit schaut wie in die Gegenwart — oder, wie es der zweite Teil des Titels verheißt, in die Zukunft. Während der Vorgänger »Paper Gods« den Gastmusikern (u. a. John Frusciante, Lindsay Lohan, Janelle Monae und Nile Rodgers) so viel freien Ausdrucksraum ließ, dass diese an manchen Stellen regelrecht dominierten und damit allzu oft die eigentliche Essenz der Gruppe verdeckten, ist das aktuelle Album etwas anders ausgerichtet. Die Band hat zwar erneut einige Gäste eingeladen, doch diese funktionieren so, dass ihre Beiträge den eigenständigen und sofort wiedererkennbaren Charakter der Gruppe allenfalls stärken. Das Album bewegt sich klar im Pop-Rock-Bereich, aber Duran Duran haben diesmal äußerst geschickt zwei Welten zusammengebracht: die vergangene und jene, die unablässig in die Zukunft blickt. In ihr modernes musikalisches Visionärtum, mit dem sie stets mehr oder weniger erfolgreich neue Maßstäbe im Pop Rock gesetzt haben, haben sie die Prinzipien ihrer berühmten Retro-Klangkultur eingewoben, die ihnen vor 40 Jahren den Status globaler Stars einbrachte (1982 war definitiv ihr Jahr). Deshalb wird das aktuelle Album auch für alle interessant sein, die die Band abgeschrieben hatten, nachdem sie Ende der Achtziger begann, die Gitarren zu ignorieren und sich den Trends (elektronischen Strukturen) hinzugeben — was sie mehrfach von ihren Wurzeln entfernte.
Future Past ist ein rundum gelungenes Manifest, mit dem die Gruppe ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Die Geschichte hört hier keineswegs auf — aber es ist einfach wunderschön, wieder die Fülle von Nick Rhodes‘ Synthesizer-Pastellen zu hören, die an die altehrwürdigen Roland-Synthesizer-Sounds vom Anfang der Achtziger erinnern, was den klassischen Klang und die klassische Ära der Gruppe definiert. Das kündigt schon gleich zu Beginn die unglaublich einprägsame Invisible an. Die Synthesizer-Pastelle und der Gitarrensound sind in der Produktion mit äußerster Raffinesse und filigraner Feinheit in die Arrangements eingebettet. Über das Album verstreut wie Ostereier. Manche Momente springen sofort ins Ohr, andere wirken aus dem Hintergrund des Klangs heraus.
Das neue Album bestätigt, dass sich Le Bon mit der Zeit zu einem phänomenalen Vokalist entwickelt hat. Das belegen vor allem Stücke mit besonders herausragenden Refrainmelodien — wie das Titelstück Future Past, die melancholische, sehnsüchtige und dunklere, aber feierliche Ballade Wing oder das partytaugliche Anniversary, das von allen Tracks am weitesten in die erste Hälfte der Achtziger zurückschaut, besonders wenn die berühmten vokalen »Do-do-do-do-do«-Harmonien hereinschweben, die sofort die Aura der Hits Rio und Hungry Like A Wolf heraufbeschwören.
Die Gitarren auf dem Album steuert Blur-Gitarrist Graham Coxon bei. Er hat seinen Job ausgesprochen gelungen erledigt. Die Gitarren sind im Mix präsent und spürbar, was ein zusätzlicher und eigentlich essenzieller Faktor ist, der stellenweise eine ausgeprägte Nostalgie für die Achtziger weckt und vertieft. Vor allem wegen des komprimierten Gitarrensounds, der produktionstechnisch geschickt an den Klang der ersten Hälfte der Achtziger angenähert wurde — besonders hörbar in den kurzen Soli innerhalb der Mid-Eight-Passagen von Nothing Less, im Titelstück (das chansonhaft angelegt ist) sowie im Einschub von All Of You, der auf dem neuen Album die Stelle einnimmt, die nach dem nächsten ultimativen Duran Duran-Hit sucht. Dann ist da noch More Joy!, wo die ausgeprägten New-Wave-Pastelle von Rhodes‘ Keyboard-Arrangements den Vordergrund übernehmen und (besonders in den Strophen) sogar einen Hauch düstererer, post-punkiger Eighties-Haltung betonen.
Auf dem Album finden sich aber auch zwei ausgesprochen tanztaugliche Nummern: Beautiful Lies und Tonight United. Bei beiden hat der legendäre Klang-Guru der Disco-Musik Giorgio Moroder den Mix übernommen (er ist auch Co-Autor beider Stücke). Beide sind klar auf die Disco-Beats der Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern ausgerichtet. Die Gitarre ist im ersten Track vollständig im Hintergrund, in Tonight United fehlt sie gänzlich. Dafür ist da der produktionstechnisch konkret in den Vordergrund gerückte, glänzende Bass von John Taylor, der besonders in Beautiful Lies (funky) das Kommando übernimmt. Schade, dass der Mann nicht mehr so »slapped«, wie er es auf den Klassikeralben getan hat. Beiden Tracks fehlt es an rein gar nichts, aber sie entfernen sich vom restlichen Material, das auf dem Album viel interessanter klingt — in den Arrangements selbst deutlich üppiger und erfüllter.
Bekanntermaßen haben Duran Duran Anfang Januar dieses Jahres eine Coverversion von Bowies Klassiker Five Years eingespielt, die als Single erschien — zum Gedenken an Bowies fünften Todestag. Und da wir schon dabei sind: Unter den Gastmusikern auf dem neuen Album ist die Zusammenarbeit mit Mike Garson hervorzuheben, dem legendären Pianisten von Bowie. Der Eröffnungsteil des abschließenden Falling beschwört mit Garsons kabarettistischer Klavierberührung einen flüchtigen Eindruck der ersten Hälfte der Siebziger herauf, als Garson mit seinem Piano unvergessliche Momente des Albums »Aladdin Sane« mitgeschaffen hat. Auch wenn dem Stück der letzte zündende Schlusspunkt fehlt, der das Album in einem hochvibrantisierenden Schwung enden ließe, der beim Hörer mühelos den Wunsch nach einer weiteren Rotation wecken würde.
»Future Past« ist also genau das, was der Titel verspricht. Eine Kollision der alten New-Romantic-Zeiten mit zukunftsgewandten Produktions- und Klangansätzen — von alten New-Wave-Romantikern, deren Glut und Leidenschaft nicht erlöschen. Ein Album, das sowohl jene Fans unter einem Dach vereint, die nur auf die erste Hälfte der Achtziger schwören, als auch alle anderen, die der Band niemals den Rücken gekehrt haben. Ein inhaltlich starkes und klanglich bis ins letzte Detail ausgefeiltes Werk, mit dem Duran Duran als große musikalische Herren und Meister ihres Handwerks ihren jugendlichen Charakter bewahren — begleitet von unablässigem künstlerischen Reifen, Weisheit und Erfahrung. Für Duran Duran bleibt die »vergangene Zukunft« ein tiefer künstlerischer Ein- und Ausatem der kreativen Gegenwart.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Invisible
2. All Of You
3. Give It All Up (ft. Tove Lo)
4. Anniversary
5. Future Past
6. Beautiful Lies
7. Tonight United
8. Wing
9. Nothing Less
10. Hammerhead (ft. Ivorian Doll)
11. More Joy! (ft. Chai)
12. Falling (ft. Mike Garson)
Besetzung:
Simon Le Bon – Gesang
Nick Rhodes – Keyboards
John Taylor – Bass
Roger Taylor – Schlagzeug
Gastmusiker:
Barli – Backing Vocals
Graham Coxon – Gitarre
Joshua Blair – Klavier, Programmierung, Streicherarrangements auf den Tracks 1., 2., 3., 5., 6., 7. und 8., Keyboards auf den Tracks 3., 4., 5., 6., 7. und 8., Gitarre auf Track Nr. 6, zusätzliche Keyboards und Keyboard-Programmierung auf den Tracks 9., 10. und 12.
Erol Alkan – Programmierung auf den Tracks 1. und 9., Synthesizer auf den Tracks 1. und 3., Drum-Programmierung auf den Tracks 2., 3., 4., 5., 9., 10. und 12., Handclaps auf den Tracks 2. und 10., Perkussion, Tamburin auf Track Nr. 2
Tove Lo – Gesang auf Track Nr. 3
Giorgio Moroder – zusätzliche Keyboards auf den Tracks Nr. 6. und 7.
Saffron Le Bon – Backing Vocals auf den Tracks 6., 7., 9. und 10.
Mark Ronson – Gitarre auf Track Nr. 8
Ivorian Doll – Gesang auf Track Nr. 10
Chai – Gesang auf Track Nr. 11
Mike Garson – Klavier auf Track Nr. 12.
