Crashdiet: Automaton
Label: Crusader Records/Golden Robot Records
Erscheinungsdatum: 29. 4. 2022 (digital, CD-Format) / 9. 9. 2022 (Vinyl-Format)
Produktion: Martin Sweet
Albumlänge: 44.23 Min.
Genre: Glam Metal / Sleaze Metal
Wertung: 9.0/10
In dem, was Crashdiet tun, kann ihnen als schwedischen Sleaze- und Glam-‚Revival‘-Metallern kaum jemand das Wasser reichen. Die Ankunft von Sänger Gabriel Keyes hat die Crew offensichtlich konsolidiert – mit dem Vorgängeralbum »Rust« hat die Band auf gewisse Weise ein neues Kapitel in ihrer ohnehin turbulenten Karriere aufgeschlagen. »Rust« (2019, Rockline Rezension) ist nämlich ein ungemein aufgedrehtes Album, auf dem die Band mit beachtlichem Aufwand immer wieder tief überrascht – durch eine intensivierte metallische Zerstörungskraft im Vergleich zu ihren früheren Werken.
Das neue Album »Automaton«, das zweieinhalb Jahre nach dem Vorgänger erscheint, festigt diese Haltung. Es bestätigt auch, dass die Band den richtigen kreativen Moment erwischt hat, der wirkungsvoll aus dem hervorragenden Vorgänger »Rust« mitgenommen und (wünschenswerterweise) erweitert und vertieft wird. Bei Crashdiet sind die Erwartungen stets hoch – schlicht deshalb, weil sie heute die Besten in ihrem Glam- und Sleaze-Metal-Revivalismus sind. Die Besten ihrer Art. »Automaton« ist mindestens so aufgedreht wie der Vorgänger, wenn nicht noch mehr. Angesichts einiger Kompositionen werden Crashdiet zweifellos auch neue Anhänger rekrutieren, die im Grunde Fans von europäischem Power Metal sind. Die mittelschnelle, atmosphärische Hymne Darker Minds könnte ohne Weiteres auf irgendeinem Power-Metal-Album landen. Dem entgeht auch We Die Hard nicht – mit einem der pompösesten Refrains des neuen Albums, über dessen Eingangsphrase die Band zusätzlich Terzharmonien gesetzt hat.
Die Band bleibt also dabei, eine ausgeprägte Kombination aus pompöser Bombastik und grenzenloser Aufgedrehtheit aufrechtzuerhalten. Makellos. Starke Refrainmelodien – wie die erste, die gleich im Titeltrack eingefangen wird, und kurz darauf Shine On – bestätigen, dass die Band wirklich einen gewaltigen Wind in die kreativen Segel bekommen hat. Deshalb hält Automaton die Qualität des Vorgängers mindestens aufrecht, und es ist stellenweise interessant zu beobachten, wie er von Zeit zu Zeit in Richtung Power-Metal-Elemente galoppiert. Gerade Shine On ist so ein Moment des Albums. Wenn ich den Titeltrack und Shine On hervorhebe, lassen sich zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen des exzellenten Gabriel Keyes heraushören. In Automaton ist er rau, schnöselig und frech – ein echter Taugenichts, was seit jeher die Pose von Crashdiet ist (schon von den allerersten Anfängen an). In Shine On hingegen kommt er mit vollkommen reinem und autoritativem Gesang, der vor allem im Refrain durch extreme Höhen in die Asche verwandelt. Die Explosivität von Keyes ist ein außergewöhnlicher Magnet, und er beweist auf »Automaton« definitiv, dass er in Topform ist, was seine Stimme betrifft. Shine On steht in diesem Ansatz auch Powerline sehr nahe – mit – Achtung – Gastvokalist Michael Starr von Steel Panther. Beide Songs könnten auch von den Schweden Eclipse übernommen werden. Übertrieben gesagt sind Parallelen zu Skid Row, die etwa auf dem Album »Generation Wild« (2010) angebracht gewesen wären, diesmal schwerer auszumachen.
Die Refrainmelodien streben erneut nach Perfektion. Neben der ansprechenden Vielfalt bzw. kompositorischen Lebendigkeit der Leitmotive, die auf neu gemeißelter Einfallsreichtum von Gitarrenphrasen basieren, sind die Refrainmelodien das Tüpfelchen auf dem i – für die außergewöhnliche dynamische Durchlässigkeit und die Eingängigkeit des Albums, bei der einem die Haut schaudern kann. Dead Crusade erschüttert mit unglaublicher Bissigkeit bzw. metallischer Gezacktheit im Intro, die ein ansteckender Refrain kontrastreich einem angenehmen Atmosphärenwechsel entgegenträgt (in Richtung Klimax). Ja. Diese Feststellung ist bei Crashdiet nicht neu. Darin haben sie immer geglänzt – nur dass sie es neuerdings deutlich zugespitzter und maximal metallisiert angehen. Der phänomenale Keyes wird hervorragend eingesetzt. In jedem einzelnen Song des neuen Albums, das in zwei Jahren mindestens eine gleichwertige Fortsetzung der musikalischen Ausrichtung des Vorgängers »Rust« darstellt. Der einzige ‚Ruhigere‘ des Albums, die rundum gelungene Ballade I Can’t Move On (Without You), ist diesmal bewusst ans Ende gesetzt, damit sie den hochoktanigen Kern des Albumgeschehens nicht übermäßig beeinflusst – ihre abschließende Position fügt sich beim Hören aber ausgezeichnet ein und ‚bringt‘ etwas von dem wiedererkennbaren Crashdiet-Glam-Metal ‚zurück ins Spiel‘.
»Automaton« ist ein außerordentlich kompaktes und vollendetes Werk. Man kann ihm kaum etwas wegnehmen oder hinzufügen. Es funktioniert hervorragend. Es packt überzeugend zu. Von der ersten bis zur letzten Sekunde. Darauf sind Crashdiet diesmal bis auf die Knochen verderblich. Verderblich? Für ihre eigenen Maßstäbe natürlich. Dieses Prädikat lässt sich zwar schwer mit Glam- und Sleaze-Vokabular verbinden, aber die Zeiten ändern sich (für uns und die Band), und »Automaton« ist in evolutionärer Hinsicht für Crashdiet sogar das dunkelste Album, das diese ungezähmten schwedischen Rüpel bis zu diesem Tag in ihrer Karriere veröffentlicht haben. Die diesmalige (stellenweise intensivierte) Auseinandersetzung mit der klassischen Heavy-Metal-Form, die das neue Album hie und da stärker in Richtung Power-Metal-Sound zieht, könnte Glam-Metal-Puristen etwas stören. Liebhaber älterer Alben von Bands wie etwa Eclipse wird es hingegen keineswegs stören.
Crashdiet bleiben auch auf »Automaton« ihre eigene Geschichte. Das Album platzt vor perfektem Arrangement, das beim Hören sofort packt. Der ‚Party-Time‘-Moment ist definitiv da, dem aber von Zeit zu Zeit die ausgeprägte metallische Schärfe bzw. Bissigkeit und gelegentliche Schwünge ins Düstere die Aufmerksamkeit entziehen – was der diesmaligen Crashdiet-Pompösität einen besonderen Vorzeichen gibt. In jeder Hinsicht, nach »Rust« noch ein außerordentlich hochwertiges Werk, das zeigt, dass die Crew mit dem neuen Sänger Gabriel Keyes mehr als hervorragend zusammengefunden hat. Deshalb besteht kein Zweifel daran, dass das Quartett mit so viel Schwung, ausführungstechnischer und kreativer Kondition sowie Form in Zukunft noch mehr solche Studio-Boshaftigkeit aus dem Ärmel schütteln wird.
Noch ein Manko, das nicht einmal mit der Musik des neuen Albums zusammenhängt. Der Wechsel von Frontiers Music Srl. zu Crusader Records/Golden Robot Records hat der Band in promotioneller Hinsicht eher einen Bärendienst erwiesen als genutzt. Eine Band wie Crashdiet verdient das Dach eines größeren, stärkeren und werbetechnisch deutlich durchsetzungsfähigeren Labels.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Automaton
2. Together Whatever
3. Shine On
4. No Man’s Land
5. Darker Minds
6. Dead Crusade
7. Powerline
8. Resurrection Of The Damned
9. We Die Hard
10. Shell Shock
11. Unbroken
12. I Can’t Move On (Without You)
Besetzung:
Gabriel Keyes – Gesang
Martin Sweet – Gitarre
Peter London – Bassgitarre
Eric Young – Schlagzeug
Gastmusiker:
Michael Starr – Gesangsduett auf Track Nr. 7
