Artillery: Mit Old-School-Massaker endlich auch Zagreb plattgemacht (2026)
Artillery (Vorgruppen: Mercenaries, LIV)
Mittwoch, 18. 2. 2026, von 20.00 bis 23.30 Uhr
Zagreb / Hard Place / Kroatien
Es kommt der Tag, an dem auch in unserer Region auf Konzerttournee eine kultische Thrash-Metal-Band aus den Achtzigern haltmacht, der der ganz große internationale Durchbruch nie gelungen ist. Deshalb gilt sie als Kultband. Heute schon mit dem historischen Glanz des Pioniergeists. Die Dänen Artillery. In Zagreb! Fast 12 Jahre sind seit dem letzten Treffen mit ihnen beim Metaldays festival in Tolmin vergangen – das war der dritte Festivaltag, jener Tag – wer sich noch erinnert –, an dem ihrem dänischen Landsmann Michael Poulsen die Stimme versagte und der Hauptact des Abends Volbeat nach dem sechsten Song die Bühne verließ! Nun aber sind sie da. Nah an Slowenien. In Zagreb. Das erste Mal also in Kroatien in ihrer langen Karriere, und das mit einer Tournee namens Fear Of Tomorrow! Ihr habt richtig gelesen. Der Fokus liegt auf dem Debüt! Die Band feiert den 40. Jahrestag der Veröffentlichung dieses Albums mit einer neuen Tournee. Die ersten drei Alben der Band sind auf dieser Tournee mit gut zwei Dritteln des Setlists vertreten. Das darf sich kein Fan von Old-School-Thrash-Metal einfach entgehen lassen. Das wäre, gelinde gesagt, eine unverzeihliche Sünde!
Die Eröffnungsstunden gehörten den lokalen Bands. Um acht Uhr abends betraten die Zagreber Mercenaries die Bühne, die sich vorher Annexed nannten. Das ist ein Speed/Thrash-Metal-Quartett, das (unter dem Namen Annexed) 2023 gegründet wurde! Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, ob dieser Auftritt vor Artillery nicht gerade die Premiere unter dem Namen Mercenaries war. Das Quartett besteht aus: Jurica Matas (Gesang, Gitarre), Fran Očić (Gitarre), Andrija Biondić (Schlagzeug) und Anastazija Debeljak (Bass). In gut einer halben Stunde schüttelte die Band die Wut einer Mischung aus Old-School-Thrash und Speed aus sich heraus, zwischen eigene Songs (u. a. Castle Bravo) schob sie auch zwei Cover-Versionen: Beast in the Night (orig. Randy) und schloss das Konzert mit dem gleichnamigen Klassiker der Großmeister Iron Maiden ab. Beide Cover auf ihre Art gespielt – vehement und rasend. Die Jungs und das Mädel haben mit ihrem Old-School-Revivalismus ihre Zeit wirkungsvoll genutzt. Nur der Sound war sehr schlecht, aber die aufgedrehten Youngsters retteten die Situation mit viel Herzblut und hinterließen einen guten Eindruck.
Liv sind eine Band mit echtem Erfahrungsschatz. Zwar haben sie nur ein Album im Gepäck. Das gleichnamige Debüt von 2017. Sie traten als Quartett auf: Leo Budinski (Gesang), Marko Vrljić (Bass), Pavao Jušić (Gitarre) und Mihael Bosak (Schlagzeug). Der Sound von einem ganz anderen Kaliber als beim Vorgänger Mercenaries. Ausgezeichnete Soundqualität also beim Konzert, was den Klang betrifft. Die Band hämmerte drei Viertel einer Stunde lang mit Verve, und im Sound und Stil war der Einfluss der Old-School-Bay-Area-Szene zu spüren, vor allem zogen einige Songs Richtung Exodus – auch aus der späteren Ära, als die Band bereits mit Dukes am Mikro aufnahm. Es gab auch Momente, die deutlich an das Erbe von Slayer erinnerten. Geiler Wahnsinn. Das Publikum rastete aus, und Liv lieferten ein wirklich grandioses Warm-up vor den Headlinern des Abends, wobei man merkte, dass die Band in dem Venue sehr, sehr zuhause ist – bestätigt durch die außergewöhnliche Lockerheit des Quartetts, aber auch durch so manchen sarkastischen Spruch, für den Sänger Leo während des Konzerts sorgte. Ein paar Probleme während des Konzerts mit dem Schlagzeug, bei dem sich Schrauben von selbst aus den Gewinden lösten, aber ansonsten keine Einschränkungen. Schrapnell – genauer gesagt eine Bombe direkt vor die Birne.
Natürlich änderte sich alles, als die legendären Artillery die Bühne übernahmen. Die Band wartete auf ihren Auftritt direkt an einem Tisch vor dem Club, wo das Quintett die Zeit u. a. auch mit Bierkrügen vertrieb. Artillery durchlebten 2023 erneut den Tornado eines Quintett-Umbruchs. Dem legendären Gründungs- und Originalmitglied, dem Gitarristen Michael Stützer, dem aus der älteren Garde heute der Bassist Peter Thorslund zur Seite steht (er stieß kurz vor dem dritten Album „By Inheritance“ zur Band), gesellten sich neu die Jüngeren, nämlich: der blonde Langhaarige am Gesang Martin Steene, weiter Schlagzeuger Frederik Kjelstrup Hansen und Rhythmusgitarrist René Loua. Irgendwann gegen zehn Uhr abends stürmten sie auf die Bühne. Schon die ersten vier Songs waren ein direkter Beschuss in die goldene Ära der Achtziger. Die Band riss das Publikum schon gleich zu Beginn mit zwei Fear Of Tomorrow-Klassikern Into The Universe und The Eternal War in die Höhe und blieb auch im weiteren Verlauf in dieser goldenen Ära – mit dem Titelstück des Albums „By Inheritance“ (1990) sowie The Challenge vom zweiten Album „Terror Squad“ (1987).
Der Hard Place hatte sich vor dem Konzert ordentlich gefüllt. Und dann… war plötzlich alles in der Luft! Und von dort kam es nicht mehr herunter. Arme, Beine. Crowdsurfen… Das Publikum verlor den Kopf. Die Band hingegen unglaublich souverän. Martin passt sowohl optisch als auch von der Performance her ausgezeichnet ins Team. Ein überragender Frontmann. Das Publikum fraß ihm aus der Hand. Stützer souverän, unglaublich ruhig und hochkonzentriert bei seiner Arbeit. In einem schicken Kiss-T-Shirt. Unübertrefflich. Die Band ließ auch das spätere Material nicht links liegen, das in jeder Hinsicht authentisch die Pionierzeiten verkörpert, aus denen die Band hervorgegangen ist.
Artillery sind eine Band, die mit der neuen Besetzung einen gewaltigen Rückenwind eingefangen hat und wieder viel auf Bühnen unterwegs ist. Perfektionismus und Brillanz. Einen Patzer hörte man nicht, und sie strahlen eine unglaubliche Traditionalität aus. Allen voran die beiden ältesten Mitglieder der Truppe. Eineinhalb Stunden Vollgas, Zugabe inklusive. Der Siedepunkt ließ nicht nach. Und die Minuten vergingen wie Sekunden. Plötzlich beendete die Band nach dem Song Legions das reguläre Set, nur um sofort zurückzukehren und mit zwei obligatorischen Schrapnellen zu servieren, die auf Setlisten niemals fehlen dürfen. Wir sind wieder mitten in den Achtzigern, als Artillery den Klassiker The Almighty vom Studioerstling servieren und das Konzert mit der gleichnamigen Angriffshymne des Albums „Terror Squad“ abschließen. Ein Konzert ganz im Einklang mit dem Namen, der die legendären dänischen Thrash-Metal-Pioniere verkörpert. Sie hinterließen ein Massaker der Verwüstung, erfüllten alle Erwartungen – und übertrafen sie noch. Hoffen wir, dass die Band in dieser Besetzung und in solcher Form so bald wie möglich ins Studio geht, ein neues Album aufnimmt und auf die europäischen Bühnen zurückkehrt.
Autoren: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist – Artillery:
1. Into The Universe
2. The Eternal War
3. By Inheritance
4. The Challenge
5. The Face Of Fear
6. Bombfood
7. Turn Up The Rage
8. Khomaniac
9. Deeds Of Darkness
10. 10.000 Devils
11. Legions
—–Zugabe—-
12. The Almighty
13. Terror Squad







































