Arena: The Theory of Molecular Inheritance
Label: Verglas Records
Erscheinungsdatum: 21. 10. 2022
Produktion: John Mitchell
Albumlänge: 62.03 Min.
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 10/10
»The Theory of Molecular Inheritance« war für so manchen Fan des (Neo-)Progressive-Rock das meisterwartete Album des Jahres 2022. Die Ankunft von Sänger-Ausnahmetalent Damian Wilson (Headspace, Ayreon, Star One, ex-Threshold, Landmarq) hat für die englischen Neoprog-Urgesteine Arena, die bislang schon vier Sänger verschlissen haben, ein völlig neues Kapitel aufgeschlagen. Der Nachfolger von Paul Manzi, der sich 2020 nach einem erfolgreichen gemeinsamen Jahrzehnt von seinen musikalischen Weggefährten verabschiedete, ist zweifellos der profilierteste Sänger in der bisherigen Geschichte der Band – die Erwartungen vor dem Erscheinen des neuen Studioalbums waren also mehr als berechtigt.
»The Theory of Molecular Inheritance« hätte eigentlich schon im Oktober 2021 das Licht der Welt erblicken sollen, doch wurde die Veröffentlichung gleich zweimal verschoben, sodass das Album am Ende fast ein Jahr später als ursprünglich geplant erschien. Keyboard-Zauberer Clive Nolan und Schlagzeuger Mick Pointer, die kreativen Köpfe von Arena, hatten bereits im Vorfeld angekündigt, dass das neue Album ein komplexes Science-Fiction-Konzept enthalten würde, das in Tiefe und Aussagekraft den Meisterwerken »The Visitor« (1998) und »Contagion« (2002) in nichts nachstehen soll.
Laut Clive stellt das Konzept von »The Theory of Molecular Inheritance« die Theorie eines Wissenschaftlers dar, der beschließt, durch verschiedene Experimente die Moleküle verstorbener Personen zu bändigen, damit diese mit ihren charakteristischen, spezifischen Eigenschaften Teil eines neuen Lebens werden können. Die meisten Stücke auf dem Album „erzählen“ von seinen Experimenten. Clive hat sich diesmal wirklich in völlig metaphysische Gewässer begeben, denn das Konzept des Albums dreht sich um eine interessante wissenschaftliche Theorie, wonach Materie auch nach dem Tod nie verschwindet – was bedeutet, dass sie gar nicht so weit entfernt ist von den Lehren der meisten Weltreligionen. Dieser Theorie zufolge kehren die Moleküle jedes verstorbenen Wesens nach dem Tod zu Sternenstaub zurück, schweben dann eine Zeit lang durch die ganze Welt und warten darauf, wieder in verschiedene Lebewesen aufgenommen zu werden – von Pflanzen über Tiere bis hin zu Menschen. Clive geht hier noch einen Schritt weiter in Richtung Science-Fiction und fragt: „Was, wenn es Moleküle gibt, die die Eigenschaften längst verstorbener Menschen übertragen – zum Beispiel die von Ludwig van Beethoven?“ Wäre es in diesem Fall möglich, dass die Moleküle des berühmten Komponisten in ein oder zwei Jahrhunderten Teil eines neugeborenen Kindes werden, das dann außergewöhnliche musikalische Begabung zeigt?
Herr Wilson hat sich im „neuen Rudel“ gleich von Anfang an blendend zurechtgefunden, obwohl seine Stimme und sein Gesangsstil sich deutlich von seinem Vorgänger unterscheiden. Sein Gesangsstil passt in Nolans und Pointers kompositorische Visionen wie angegossen. Es ist eigentlich kein Wunder, dass die Mitglieder von Arena ihn schon in der Vergangenheit zu verpflichten versucht hatten, wenn sie ohne Sänger dastanden – doch war das wegen Wilsons (Über-)Beschäftigung mit anderen Bands und diversen Nebenprojekten nicht möglich. Wie gut die jüngste Änderung in der Band ausgefallen ist, hört man bereits beim ausgezeichneten Eröffnungsstück »Time Capsule«, das wegen seiner zornigen Gitarrenpassagen und seines kompromisslosen Schlagzeugmarsches etwas nach Prog-Metal klingt. Jede Angst, dass Arena nach Damians Ankunft zufällig zu einem Threshold-Abklatsch „mutieren“ könnten, verflüchtigt sich im Handumdrehen, sobald Clives Klavier- und Synthesizer-Arrangements einsetzen, während John Mitchell nach dem anfänglichen Gitarrenriffing in seine charakteristischere, verfeinerte und melancholische Gitarraltechnik übergeht.
»The Equation (Science of Magic)« ist eine noch „traditionellere“ Arena-Kreation als das vorherige Stück, vollgepackt mit zahlreichen Tempowechseln, dramatischen Harmonien und einem poetischen Refrain unter der Regie des wie immer überragenden Damian. Das Ganze wird von einer außerordentlich gespannten Atmosphäre begleitet, die nach dem Einsetzen von Clives Orgeln deutlich unheilvoller und düsterer wird. Dabei muss man erwähnen, dass Arena mit Damians Ankunft dennoch etwas weniger fatalistisch klingen als das vor allem für die Manzi-Ära charakteristisch war, da der hochgewachsene Bartträger eine „hellere“ und samtiger gefärbte Stimme besitzt als sein Vorgänger. »Twenty-One Grams« ist die ungefähre Menge, die die menschliche Seele angeblich wiegt. Der Text dieses ausgeprägt melancholischen Stücks, das Damian in bestimmten Passagen in recht hohen Lagen singt, fragt, ob wir Menschen bloß Materie sind oder ob in uns vielleicht eine unsterbliche Seele wohnt. Wenn die Ballade »Confession« einsetzt, die wie geschaffen für Damians Stimme wirkt, ist bereits klar, dass es den Bandmitgliedern gelungen ist, ein weiteres außergewöhnliches Album zu schaffen.
Das Stück »The Heiligenstadt Legacy« dreht sich um den Brief, den Ludwig van Beethoven am 6. Oktober 1802 an seine Brüder Karl und Johann schrieb. Heiligenstadt ist ein Ort in der Nähe von Wien, wohin sich Ludwig aus Verzweiflung zurückzog, um der Welt zu entfliehen. Der Text handelt vom unermesslichen Leiden des Komponisten, als er durch seine zunehmende Taubheit begann, den Glauben an seine Fähigkeiten und das Leben überhaupt zu verlieren. Den Mitgliedern von Arena, die fließend zwischen dramatischen und ruhigen Abschnitten wechseln, über denen meist Clives melancholisches Klavier das Sagen hat, ist es sehr gut gelungen, Beethovens Trauer und Einsamkeit einzufangen. Der Einstieg des nächsten Stücks, »Field of Sinners«, erinnert ein wenig an den »The Visitor«-Klassiker »Pins and Needles«. Diese Komposition steigert von Sekunde zu Sekunde ein außergewöhnliches Ambiente-Drama, wobei besonders Damians vokale Eklektik, Johns gitarristische Subtilität und Clives grandiose Synthesizer-Texturen hervorstechen.
»Pure of Heart« ist durchzogen von Metal-Gitarrenphrasen und mächtigen Orgelpassagen, die in Kombination die dramatische Atmosphäre wirkungsvoll steigern. Der epische Refrain mit dem bestens aufgelegten Damian und verzweigten Harmonien setzt erst ungefähr in der Mitte des Stücks ein, fällt aber ausgezeichnet aus und verlagert das Ganze in deutlich hellere Ambiente-Gefilde. »Under the Microscope« ist im einleitenden Teil eine schöne Power-Ballade, die sich nach dem ersten Übergang in ein interessantes Experiment mit Metal-Gitarrenphrasen und entsprechender rhythmischer Unterlage verwandelt. Zwischen den kürzeren Instrumental-Abschnitten werden langjährige Fans an Clives und Johns virtuosen Eskapaden ihre Freude haben und das eklektische Rhythmus-Gespann zwischen Mick und Bassist Kylan Amos genießen – während Damians abermals außergewöhnliche Gesangsleistung jener entscheidende Faktor ist, der ein ansprechendes Stück in einen echten Arena-Klassiker verwandelt.
»Integration« ist im einleitenden Teil eine bezaubernde Ballade mit Clives zerbrechlichen Klavierarrangements und Damians beinahe himmlischem Gesang, die dann überraschend in eine sehr traditionell gefärbte Neoprog-Sektion übergeht, die dank nostalgischer Synthesizer-Linien an die frühen Jahre dieser Neoprog-Ausnahmeband erinnert. Ein solcher Schachzug ist nach langer Zeit mehr als willkommen und wird so manchen langjährigen Anhänger erfreuen, der sich dabei daran erinnern wird, dass Arena auf ihren ersten beiden Studioalben gelegentlich noch an frühe Marillion erinnerten, bevor sie ihren ganz eigenen kompositorischen und arrangementtechnischen Ansatz entwickelten.
»Part of You« hat eine merklich härtere Struktur und enthält dank geschärfter Gitarrenphrasen und treibender Schlagzeugübergänge einige Prog-Metal-Elemente – doch ermöglichen ihm die Keyboard-Vielfalt mit Schwerpunkt auf orchestral gefärbten Arrangements sowie eine abermals ungewöhnlich gefühlvolle Gesangsleistung die Entfaltung außergewöhnlicher atmosphärischer Tiefe. Das epische Schmuckstück »Life Goes On« bildet den triumphalen Abschluss, wie er von dieser Band bereits in der Vergangenheit gewohnt war. Bei diesem grandiosen Unterfangen, in dem der Wissenschaftler schließlich die Bestätigung über die Unendlichkeit der menschlichen Seele erhält, fehlt es weder an untröstlichem Gitarrensolieren noch an einer wunderbar eklektischen Gesangsleistung mit dem Höhepunkt im mächtigen Refrain.
»The Theory of Molecular Inheritance« ist die Verwirklichung der Träume aller Arena-Fans, die geduldig darauf gewartet haben, zu hören wie die neue Version dieser kultigen (Neo-)Prog-Rock-Band klingt. Mit Damians Ankunft ist ein frischer Wind in die Segel der Band gefahren, der sie zum richtigen Zeitpunkt neu belebt und ein neues Studiomeisterwerk hervorgebracht hat. Man kann nur hoffen, dass Damian bei Arena mindestens noch für ein weiteres Album bleibt, denn seine Abgänge (und erneuten Rückkehren) bei Threshold sind inzwischen schon fast vorhersehbar geworden. Zugleich ist die realistische Erwartung, dass er der brillanten, aber (nach wie vor) notorisch obskuren Band dank seiner Verbindungen zu Ayreon und Star One etwas mehr verdiente Bekanntheit bringen wird.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. Time Capsule (5:30)
2. The Equation (The Science of Magic) (6:28)
3. Twenty-One Grams (6:34)
4. Confession (2:20)
5. The Heiligenstadt Legacy (5:42)
6. Field of Sinners (6:27)
7. Pure of Heart (6:18)
8. Under the Microscope (6:51)
9. Integration (4:48)
10. Part of You (5:54)
11. Life Goes On (5:11)
Besetzung:
Damian Wilson – Gesang
John Mitchell – Gitarre, Hintergrundgesang
Clive Nolan – Keyboards, Hintergrundgesang
Kylan Amos – Bass
Mick Pointer – Schlagzeug
