Angel Witch: Angel Of Light

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Label: Metal Blade Records
Erscheinungsdatum: 01.11.2019
Produktion: James Atkinson
Albumlänge: 47.50 min
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 8.5 / 10


Angel Witch sind eine jener legendären Bands, die vor fast 40 Jahren mit ihrer musikalischen Visionärschaft gemeinsam mit Iron Maiden, Saxon, Diamond Head, Tygers Of Pan Tang, Tank und Zeitgenossen Neuland in einem Musikgenre erschlossen haben, das schon bald einen rasanten und geradlinigen weltweiten Aufstieg in vielen Subgenre-Formen erlebt hat und sich noch immer weiterentwickelt. Eine Band, die Dave Mustaine und sein ehemaliger Kumpel Lars Ulrich noch heute als Inspiration verehren und die auch den verstorbenen Chuck Schuldiner inspiriert hat. Sie waren von Anfang an dabei, sie waren dort, wo alles entstand. Sie waren Teil der Bewegung namens N.W.O.B.H.M. und damit zugleich das, was wir heute als die pionierhafte, »verknöcherte« und ursprünglichste Version des Heavy Metal verstehen. Ihr Debütalbum »Angel Witch« (1980) gilt als Kultklassiker dieser Ära und als eines der krönenden Studio-Juwelen, die aus der N.W.O.B.H.M.-Zeit hervorgegangen sind und bis heute zeitlos attraktiv geblieben sind. Deshalb sollte es zur Albumsammlung jedes Haushalts gehören (in Slowenien, wo unter anderem Ćale Sale das »tägliche Brot des bitteren musikalischen Intellektualismus verdient«, ist das eben nicht möglich).

Die Band – wir sprechen also wieder von Angel Witch – war, was Stabilität und Kontinuität angeht, nie ein Glückspilz, und hat in diesem langen Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten gerade mal fünf Alben veröffentlicht. Das letzte davon Ende November dieses Jahres. Das ist »Angel Of Light«, das nach sieben Jahren den hervorragenden Vorgänger »As Above, So Below« (2012) ablöst, mit dem Angel Witch auf die Bühne zurückgekehrt sind und sich auch in Bezug auf neue Albumveröffentlichungen reaktiviert haben. Die Band ist, obwohl sie ein karges Diskografiewerk besitzt, nie für längere »Hibernations«-Phasen von der Bildfläche verschwunden. Gerade mal zwei (vorübergehende) Karriere-Auflösungen sind verzeichnet. Die erste ereignete sich kurz nach Erscheinen des Debüts, als sich Heybourne Blind Fury widmete, die zweite zwischen 1998 und 2001.

Das Wesentliche bei dieser Band betrifft gewiss den Gesang von Kevin Heybourne (die gelegentliche Ähnlichkeit mit dem Witchfinder General-Sänger Zeeb Parkes ist unglaublich), der in der heutigen Inkarnation der Band, die als Quartett agiert, das einzige originale (und Gründungs-)Mitglied ist. Sieben Jahre sind wieder ein reichlicher Zeitraum, in dem sich Ideen vollblütig entfalten und in einem neuen Paket von Eigenkompositionen optimieren lassen. »Angel Of Light« kann das stolz von sich behaupten und gilt in der Garde der überlebenden Generationsurgesteine, die die N.W.O.B.H.M.-Bewegung hervorgebracht hat, neben den aktuellen Alben von Satan, Diamond Head, Raven, Tygers Of Pan Tang und Cloven Hoof, als weiterer Garant für Exzellenz und absolutes Generationsunikat. Letzteres bedeutet, dass ein solches Album wie »Angel Of Light« im Jahr 2019 nur eine Band aufnehmen kann, die von Kevin Heybourne angeführt wird. Dieser hat im Jahr 2019 die vokalen Eigenschaften beibehalten, die haarscharf an die Energie heranreichen, die sein Gesang auf dem Studio-Debütalbum ausstrahlte. Als wären dazwischen nie 40 Jahre vergangen. Bei einer exzellenten Produktion – sagen wir lieber einer sehr durchdachten Produktion, die bewusst den Geist der fernen Vergangenheit bewahrt hat, in dem Sinne, dass sie einen rohen, sehr natürlichen, unpolierten, organischen, lebendigen und »demo-haften«, gar leicht garagen-artigen, bis zu einem gewissen Grad punk-rockigen Sound bietet – ist gerade der Gesang (neben einfallsreichen Gitarrenphrasen mit Charakter) das wichtigste Element, mit dem Angel Witch auch im Jahr 2019 und mit dem fünften Album, nach mehr als 44 Jahren Bandgeschichte, all ihre Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft bewahren. Es heißt, dass der Großteil des Werks »in one take« aufgenommen wurde, das heißt »auf Anhieb, beim ersten Versuch«, und dass die Angel Witch-Truppe keine modernen (trendigen) Software-Tools zum Kopieren und Einfügen von Motiven duldet – das bedeutet vielmehr, dass nicht einmal zwei Übergänge oder zwei Refrains in einem einzelnen Song des neuen Albums gleich klingen. Alte Schule, der Rock’n’Roll eben im Blut liegt.  Auch das ist jenes Element, das nur bestätigt, dass Angel Witch absolute Generationssonderlinge und eine Art Dinosaurier sind, die nicht aussterben »wollen« und »können« (als Hinweis: dasselbe machen im Studio auch heute noch Deep Purple und Uriah Heep).

Angel Witch bewahren ihre starke Ausdrucksrezeptur und sind auch in neuen Zeiten und mit neuen Riffs ausgesprochen überzeugend. Das Album ist atmosphärisch gesehen noch immer voll schwelender Wut, Enttäuschung und rebellischer Attitüde, während die Band beim Komponieren und in der Ausführung direkt, frontal und äußerst angriffig vorgeht, als wären sie keine 44 Jahre alt, sondern gerade erst entstanden. Kevin Heybourne und Jimmy Martin spielen Gitarre mit unglaublichem Genuss und Engagement, und das spürt man nicht nur in den durchdringenden Phrasen, sondern auch in den Ornamentierungen, wie dem Hinzufügen von Terz-Harmonien in Passagen oder den erlebnisreichen Soli. Das Album ist ausgesprochen düster, trägt einen deutlichen dystopischen Moment und wirkt vernichtend katharisch und vampirartig. Die Motive sind äußerst einfallsreich und besitzen eine große gegenseitige Lebendigkeit dank beständiger durchdringender (und inspirierter) Ideenfunken – das Gefühl ist aber, dass die Songs trotzdem eine Spur kürzer sein könnten, wodurch die Leitmotive mehr zur Geltung kämen und die Songs so noch mehr »packten«. Night Is Calling ist die längste Komposition des Albums und schöpft stellenweise Inspiration aus dem Werk von Black Sabbath. Gleichzeitig wirkt sie eine Spur in die Länge gezogen und könnte zwei Minuten kürzer sein, denn in ihr sind einige außerordentlich gute Ideen aneinandergereiht, wie etwa das Übergangsmotiv, das bei 03.51 min beginnt, und an der Stelle, wo der Track kurz vor der fünften Minute in ein beschleunigtes Tempo übergeht, das von einem weiteren äußerst prägnanten Riff getragen wird, in dem beide Gitarren-Soli zugreifen. Ein hervorragender Song, besonders wenn er etwas kürzer wäre. Gleichzeitig bieten Angel Witch auch auf dem neuen Album reichlich direkte satanische Ohrfeigen – das gilt für das aufgebrachte Eröffnungsstück Don’t Turn Your Back und später auf dem Album für das noch aufgeheiztere und noch dramatisch verheerendere We Are Damned, ebenso wie für die ausgeprägt okkulte Backpfeife klassischer Selbstdestruktion mit Window Of Despair.

Legenden halten durch. In ihrem Handwerk bleiben sie Meister ihres Fachs und handhaben die Rezeptur, die sie beherrschen, perfekt. »Angel Of Light« ist nicht so variabel wie sein Vorgänger »As Above, So Below«, behält aber alle grundlegenden Elemente bei, die das Wesen dieser Kultband ausmachen. Der Sound und Stil seiner ausdrucksstarken Natur wirkt dabei frisch, ungezähmt, prägnant und befördert den Hörer deshalb mühelos mit der Zeitmaschine dorthin, weit, weit zurück, als Heavy Metal noch ein trotzig stampfendes Bürschchen war. 

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
01. Don’t Turn Your Back
02. Death from Andromeda
03. We Are Damned
04. The Night is Calling
05. Condemned
06. Window of Despair
07. I am Infamy
08. Angel of Light

Besetzung:
Kevin Heybourne – Gesang, Gitarre
Jimmy Martin – Gitarre
Will Palmer – Bass-Gitarre
Fredrik Jansson Punkka – Schlagzeug


Angel Witch – Don’t Turn Your Back (offizieller Audiotrack)
Angel Witch – Condemned (offizieller Audiotrack)
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