Anaal Nathrakh zertrampeln die Londoner Scala

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Aaah, Dezember – der Monat mit seiner sprichwörtlich bescheuerten Weihnachtsmusik, die aus jedem zweiten Lautsprecher dröhnt, und der Monat des hysterischen Konsumwahns – und das, obwohl uns die Welt quasi vor den Augen um die Ohren fliegt. Einen passenderen Zeitpunkt für den Besuch des ersten Anaal Nathrakh-Konzerts seit fast vier Jahren hätte man sich kaum vorstellen können, und das war offensichtlich auch Mythology als Konzertveranstalter bewusst. Das Duo Dave Hunt alias V.I.T.R.I.O.L. und Mick Kenney alias Irrumator hatte gut zwei Jahre zuvor, wenn nicht ihr bestes, so doch zumindest ihr zugänglichstes (so seltsam das auch klingen mag) Anaal Nathrakh-Album aufgenommen – Endarkenment –, und dann passierte … Wir alle wissen was. Die Platte blieb auf den Musik-Playern und in den Best-Metal-Albums-of-2020-Listen hängen, die Zukunft von Anaal Nathrakh unklar und ungewiss. Wie aus dem Nichts kam dann vor einigen Monaten die Nachricht, dass Mick Kenney Anaal Nathrakh nicht mehr begleiten kann und dass Dave Hunt um sich eine Truppe von Musikern aus Akercocke und Voices versammelt hat, mit denen er möglicherweise das allerletzte Konzert der Band spielen wird. Am 14. Dezember fand so in der Scala, gelegen im Londoner Viertel King’s Cross (bekannt vor allem durch das wunderbare Hotel und den Bahnhof, auf dem sich auch der berühmte Bahnsteig 9 ¾ aus Harry Potter befindet), ein Konzert statt, das ich nach wirklich zahlreichen besuchten Konzerten getrost zu den besten drei zählen kann, die ich je erlebt habe.

Nach einer langen Schlange, die sich nach englischer Manier vor der Halle schlängelte (und nach ebenso englischer Manier ebenso schnell auch in die Halle gebracht wurde), stiegen genau zur angekündigten Uhrzeit als erste Performer die Einheimischen, die Death-Metal-Truppe De Profundis, auf die Bühne – die im Oktober dieses Jahres ihre sechste Studioplatte veröffentlicht hatten, The Corruption of Virtue, und der sie logischerweise die meiste Aufmerksamkeit widmeten. Die bereits recht gut gefüllte Halle, die etwa fünfhundert Seelen fasst, begrüßten sie mit Martyrs von der vorherigen Platte The Blinding Light of Faith, machten dann aber mit Ritual Cannibalism auf das Neue aufmerksam und zeigten damit, warum sie mit dem neuen Album endlich etwas mehr verdiente Aufmerksamkeit bekommen. In knapp einer halben Stunde walzten De Profundis die Scala wie eine Abrissbirne mit hochoktanigem Death Metal nieder, in dem sie geschickt Einflüsse des amerikanischen und schwedischen Death Metal mischen, gewürzt mit etwas komplexeren, technisch anspruchsvolleren Elementen. De Profundis zeichnen sich neben ihrer zerstörerischen Wucht also durch virtuose Gitarrensoli im Stil der großen Death oder ihrer Verwandten Mithras aus, noch mehr aber durch einen ausgeprägten, gut hörbaren und abwechslungsreichen sowie lebendigen Bass, dessen Linien und Klang weder Death noch Obscura zu schämen bräuchten. Für die gute Vorstellung bekam das Quintett auch verdientermaßen ordentlich Applaus und verabschiedete sich vom überwiegend englischen Publikum (mit ein paar Slowenen und sogar einem Japaner sowie dem einen oder anderen Ausländer, der nach dem Dezember-Anaal Nathrakh-Chaos lechzte) mit dem tektonischen War Be Upon Him. Im Vergleich zu dem, was folgte, unter dem Strich zwar nichts Besonderes, aber De Profundis hatten das immer dichter werdende Publikum gehörig aufgewärmt.

Auch die japanischen Eigenbrötler Sigh hatten wie De Profundis diesen Sommer eine neue, bereits ihre zwölfte, Studioplatte veröffentlicht (EPs und Splits nicht mitgezählt) – Shiki – und begrüßten London nach langen Jahren mit den sludgig schweren Riffs ihres fast achtminütigen Eröffnungsstücks Kuroi Kage. Sigh ist auf europäischen Bühnen schwer zu erwischen, weshalb ihre Auftritte fast schon als etwas Exklusives gelten, und ihr Londoner Gig war auch so: Es war ihr erster Auftritt auf britischem Boden seit einem guten Jahrzehnt. Die berühmten (vor allem dafür bekannt, dass ihr kultiges Debüt Scorn Defeat als einziges nicht-europäisches Album von Euronymous persönlich auf seinem Label Deathlike Silence veröffentlicht wurde) Sigh haben wir vor Jahren beim tschechischen Brutal Assault erlebt, wo sie überzeugten und mit ihrem avantgardistischen und experimentellen Blick auf Black Metal einen sehr guten Eindruck hinterließen. Damals waren sie in großer Besetzung auf der Bühne und begeisterten vor allem mit live gespieltem Saxofon und zahlreichen anderen ethnischen Instrumenten, weshalb etwas Ähnliches auch diesmal erwartet wurde. Aber Sigh traten diesmal in sehr reduzierter Besetzung auf: Bandchef Mirai Kawashima wurde lediglich von Junichi Harashima (Schlagzeug) und dem neuen Gitarristen Nozomu Wakai (Gitarre) begleitet. Seine charismatische Frau Dr. Mikannibal, die normalerweise für Gesang und Saxofon zuständig ist, ließ Mirai diesmal leider zu Hause, und Sigh wirkten insgesamt etwas lauwarm. In knapp einer Stunde spielte das Trio zwar einen guten Querschnitt durch ihre langjährige Karriere und berührte neben dem neuen Album auch das kultische Black-Metal-Debüt Scorn Defeat sowie das ebenso kultische Hail Horror Hail mit dem Titelsong und den rasanten Hit The Transfiguration Fear (vom Album In Somniphobia) mit dem eingängigen Refrain (»Into darkness you’re falling/Into (the) fire/The end of torment I’m calling/See the world, it’s to disappear«). Natürlich fehlt bei Sigh auch ein bisschen Show nicht, für die diesmal Nozomu mit dem »Schneiden« seiner Arme mit einem Katana und Mirai mit dem Vorlesen aus einer brennenden Bibel sorgten, dazu noch die Performance von Nozomu und Junichi, die ihren Platz eher bei Van Halen als in einer Black-Metal-Band gefunden hätten. Trotz eines Auftritts, der die Erwartungen nicht ganz erfüllte, erinnerten Sigh das Londoner Publikum zum Abschluss souverän daran, dass Black Metal nicht in Norwegen, sondern in England begann, und zündeten natürlich den Venom-Klassiker Black Metal an, bei dem Nozomu leider die Gitarre ausstieg und er sie erst für das allerletzte Riff wieder hinbekam.

Eines soll zum Anaal Nathrakh-Konzert gleich zu Beginn klargestellt sein. Erinnert ihr euch noch an jene kultische Szene mit dem explodierenden Kopf aus Cronenbergs Horrorstreifen Scanners? Oder den Monty Python-Sketch Mr. Creosote und das hauchdünne Minzschokoladenstückchen? Oder Aufnahmen von Atombombenexplosionen? So, genau so war das Anaal Nathrakh-Konzert in der ausverkauften Londoner Scala, und genau so eine Wirkung hatte das Konzert auf die Ohren und anderen Sinne aller Anwesenden in der voll besetzten Halle. Dave Hunt hatte in seiner neuen Inkarnation Dan Abelo (Bass; Voices), David Gray (Schlagzeug; Akercocke, Voices), Sam Loynes (Gitarre; Akercocke) (und noch einen weiteren Gitarristen, dessen Name mir leider entgangen ist) um sich geschart und die neue Aufstellung lediglich als »Experiment« bezeichnet, dessen Zukunft (noch) unklar ist. Und zum Teufel, was für ein Experiment das war! Dass hier etwas wirklich Großes und Chaotisches passieren würde, kündigte bereits das Intro Acheronta Movebimus mit seiner langsam eskalierenden Atmosphäre an, mit der die Spannung in der Halle proportional stieg. Diese explodierte, als Hunt wie ein Boxer in den Ring auf die Bühne stürmte und die Band in eine furiose Darbietung von Unleash führte – die gesamte Besetzung bewies trotz kleinerer anfänglicher Patzer, dass es sich keineswegs um ein Experiment handelte, sondern um eine Truppe, die so aussah und klang, als würde sie seit Jahren zusammen spielen. Hunt versetzte die Halle mit seiner Präsenz im Nu in ekstatische Bewegung, einem Tornado gleich – vor der Bühne schien Moshen und Crowdsurfen kein Ende zu nehmen, und auch ein massiver Wall of Death fehlte nicht. Obwohl er ankündigte, nicht sentimental bzw. »touchy feely« zu sein – was einer Band, die die dunkelsten Seiten der Menschheit bloßlegt, natürlich nicht ansteht –, bedankte sich Hunt sichtlich überrascht und glücklich über die Reaktion des Publikums ständig mit »cheers« und gab doch ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass Anaal Nathrakh ihr letztes Wort noch nicht gesprochen haben. Hunt erklärte auch Kenneys Abwesenheit: Dieser war während der Pandemie in die USA gezogen und kommt wegen der Fülle an Produktionsarbeit kaum noch aus dem Haus – dann führte er weiter in einen echten Blitzkrieg aus einer einzigartigen Mischung aus Black-Metal-Chaos, industriellem Stampfen und Death/Grind-Brutalität, unterstützt von einer herausragenden Gesangsperformance, in der natürlich Hunt die Führung übernahm, mit üppiger und souveräner Unterstützung von Abelo und Loynes. Über die Songauswahl braucht man kaum Worte zu verlieren – die Jungs präsentierten einen wunderbaren diskografischen Querschnitt, bei dem es schwerfällt, Favoriten auszuwählen. Aber unvergesslich klangen die unmenschlichen Schreie in die Londoner Nacht von Bellum Omnium Contra Omnes (das die Philosophie von Thomas Hobbes über den Naturzustand der Gesellschaft als »Krieg aller gegen alle« beschreibt), Between Shit and Piss We Are Born, der am rohsten klingende Song des Abends Submission Is for the Weak vom nach Mayhem klingenden Debüt The Codex Necro, das dem Ersten Weltkrieg gewidmete Antikriegs-Epos Forward! sowie das erstmals live gespielte Libidinous (A Pig With Cocks in Its Eyes) mit dem im Halford-Stil herausgebrüllten Refrain und der Titeltrack der aktuellen Platte Endarkenment. Ah, es ist wirklich schwer in Worte zu fassen, was Anaal Nathrakh in London gezaubert haben, und das einzige Minus des Konzerts war sein allzu schnelles Ende – die Jungs scheißen auf Zugaben und walzen das Publikum ohne Pausen nieder, wie auch diesmal mit dem epischen Forging Towards the Sunset und dem abschließenden Do Not Speak, das Hunt mit dem bekannten Orwell-Zitat aus 1984 ankündigte: »If you want a picture of the future, imagine a boot stamping on a human face – for ever«. Genau so haben uns Anaal Nathrakh mit ihrer unvergesslichen Vorstellung an jenem Abend niedergewalzt und zu Brei gemacht.

Angesichts des Gesehenen und Gehörten hoffe ich wirklich, dass das nicht der Schwanengesang der Gruppe war – woran ich angesichts der Reaktion des Publikums und Hunts daraus resultierender Reaktion auch zweifle. Gleichzeitig ist Anaal Nathrakh eine Band, die wir in der Zeit und dem Raum, in dem wir leben, als Mahner an die Fäulnis der Menschheit (sowohl im Sinne gesellschaftlicher Verhältnisse, des Verhältnisses zur Natur, (geo)politischer Beziehungen als auch letztlich rein menschlicher, zwischenmenschlicher Beziehungen) schlicht und einfach brauchen. Ihr wisst ja, was Nietzsche sagte: »Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.« Was sich in diesem Abgrund befindet, wissen Anaal Nathrakh ganz genau.  

Fotos: Nina Grad

SIGH:

  1. Kuroi Kage
  2. The Transfiguration Fear
  3. Hail Horror Hail
  4. Shingontachikawa
  5. Mayonaka No Kaii
  6. Shikigami
  7. A Victory of Dakini
  8. The Knell
  9. At My Funeral
  10. Corpsecry – Angelfall
  11. The Soul Grave
  12. Me-Devil
  13. Black Metal

ANAAL NATHRAKH:

  1. Acheronta Movebimus
  2. Unleash
  3. Bellum Omnium Contra Omnes
  4. Between Shit and Piss We Are Born
  5. Submission is for the Weak
  6. The Road to…
  7. Obscene As Cancer
  8. Forward!
  9. Hold Your Children Close and Pray for Oblivion
  10. Idol
    • Libidinous (A Pig With Cocks in Its Eyes)
    • In the Constellation of the Black Widow
    • Endarkenment
    • Forging Towards the Sunset
    • Do Not Speak
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