Almanac: Rush Of Death
Label: Nuclear Blast Records
Veröffentlichungsdatum: 06.03.2020
Produktion: Victor Smolski
Länge: 47.54 min
Genre: Power Metal
Bewertung: 9.0 / 10
Was haben römische Gladiatoren, Rennfahrer, der Kletterer Alex Honnold und nicht zuletzt Victor Smolski gemeinsam? Ihre Amygdala springt sehr spät an – bei Honnold wahrscheinlich gar nicht. „Spät“ (oder seeehr spät) bedeutet, dass eine solche Person – anders als die meisten, die „Angst“ schnell erkennen und reflexartig zurückweichen oder angreifen – beim Aufflackern dieser Drüse im limbischen Teil des Gehirns noch lange die Reize der Lebensgefahr genießt. Noch lange, nachdem sie schon tief in den Rachen des (fast sicheren) Todes getappt ist. Das Album »Rush of Death« stellt immer wieder die Frage: Was ist eigentlich so verlockend daran, dem Tod Aug in Aug gegenüberzustehen? Was zieht dich hinüber auf die andere Seite?
Der weißrussische Multi-Instrumentalist, Komponist, Arrangeur und Produzent Victor Smolski – jener Mann, der mit seinen Almanac einst in einem praktisch leeren Orto bar auftrat, weil uns in Slowenien, dem Land, in dem dalmatinischer Melos und allerlei Klatsch über slowenische Superhelden der Boulevardpresse auf ewig ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben, ja längst nichts mehr überrascht, oder? Smolski ist ein musikalisches Genie – das steht an erster Stelle –, und er gilt seit jeher als leidenschaftlicher Fahrer schneller Autos. Diese Liebe zum Leben in halsbrecherischen Geschwindigkeiten hat der außergewöhnliche Virtuose und Komponist natürlich auch voll aufs Gitarrenspiel übertragen und als Mitglied von Rage dazu beigetragen, dass die legendären Hamburger Metaller in die aufregendste künstlerische Phase ihrer Karriere eintraten – eine Phase, die mit Victors Ausstieg im Jahr 2015 auch für immer ihr Ende fand (es sei denn, Marco Minnemann und Guthrie Govan schließen sich Peavy an – was nicht passieren wird).
Victor hat mit Almanac bereits zwei außergewöhnlich gute Alben veröffentlicht, die sich inhaltlich auf die russische Geschichte zur Zeit der Zarenherrschaft stützen; mit dem dritten Album »Rush of Death« führt uns der mittlere Teil des Albums sogar in die Zeit des antiken Roms (Gladiatorenkämpfe), und einige Tracks werden auch Rally-Fahrer für sich beanspruchen. Das klingt für Rage-Fans möglicherweise vertraut – und die Erwähnung von Rage ist beim neuen Album tatsächlich deutlich angebrachter als bei den ersten beiden Almanac-Alben. Dazu kommen wir gleich noch zurück. Was Smolski vor Beginn des kreativen Prozesses für das neue Album passierte: Fast alle Mitglieder des bisherigen Almanac-Teams hauten einfach ab. Einfach so. Angesichts der Zeitnot musste er das Team für das dritte Album praktisch bei null anfangen. Almanac hatten begonnen aufzusteigen und waren in den vergangenen Jahren zu einer angesehenen Einheit mit vielen gespielten Konzerten geworden. Victor wollte die Band in ständiger Aktivität halten. Also erneuerte er sie mit weniger bekannten, dafür umso engagierteren Namen. Während die kompositorische Intelligenz auch auf dem neuen Album vollständig Victor gehört, ist die Neuerung auf „Rush of Death“ die Umverteilung der vokalen Funktionen auf neue Sänger. Sänger Patrick Sühl im Zusammenspiel mit dem Frauenduo (Jeannette Marchewka) und unterstützt vom Screamer Frank Beck sowie dem gelegentlichen Growler Marcel Junker. Das ist einer der wesentlichen Unterschiede, wenn man das neue Album mit dem ersten und zweiten vergleicht.
»Rush of Death« ist, was den Pomp betrifft, ein deutlich abgespecktes Album im Vergleich zu den beiden Vorgängern. Das bedeutet, es ist wesentlich zugespitzter – die Gitarrenphrasen werden nach vorne geschoben und dominieren gegenüber den orchestralen Arrangements, die auf dem neuen Album nur sparsam vorhanden sind oder in der Produktion nicht hervorstechen. Und hier lohnt es sich, wieder zu Rage zurückzukehren – direkt in die Zeiten der Alben „Welcome to the Other Side“ (2001), „Unity“ (2002) und „Soundchaser“ (2003) –, denn Victor war tatsächlich für die Arrangements, die Gitarre, die Keyboards und die Produktionslösungen jener Rage-Alben verantwortlich. „Rush of Death“ zieht nämlich stellenweise enorm stark in Richtung dieser Kompositionsphase von Rage. Das wundert nicht, denn hinter den Tracks steckt derselbe Komponist. Das Gefühl wird noch stärker betont, weil Smolski diesmal ein deutlich wuchtigeres und direkteres Album mit wesentlich weniger „orchestralem Ballast“ schaffen wollte. So atemberaubend wie immer das Phrasieren, besonders in den Soli – ein weiteres wichtiges Element für das Erzeugen jener Gefühle, die die Tage der „Rage-Smolski-Ära“-Nostalgiker aufhellen werden –, ist auch die außerordentliche Explosivität von Schlagzeuger Kevin Kott, wobei diese Explosivität und die außerordentliche technische Ausgefeiltheit, gerade in den Übergängen, auf erstaunliche Weise mit dem Stil von Mike Terrana vergleichbar ist. Das Album ist außerdem deutlich düsterer als beide Vorgänger.
Die Entscheidung, das härteste Almanac-Album aus sich herauszuholen, hat sich für Smolski enorm ausgezahlt – denn bei „Kingslayer“ (2017) hatte man langsam das Gefühl, dass die vom Debüt „Tsar“ (2016) übernommene Formel endgültig den Punkt erreicht hatte, ab dem man in die Falle der künstlerischen Selbst-Wiederholung geraten kann. Der Schwenk in der musikalischen Ausrichtung hat so ein exzellentes Power-Metal-Album geliefert, das stellenweise extrem zugespitzt ist – die Riffs sind auch handfest „ge-thrash-t“ und verblüffen in der schlagpunktgenauen Entfaltung der Spielgeschwindigkeit und in außergewöhnlichen Eskapaden als höchste Demonstration der Virtuosität dieses Gitarrenzauberers und brillanten Komponisten schlechthin. Gleichzeitig wirken die Songs untereinander in ihren Leitmotiven konzeptuell sehr abwechslungsreich, versprühen zusätzliche Frische in den atmosphärischen Abstechern innerhalb der Modulationen (Ausleitungen, Einleitungen, „Mid-Eight“-Passagen), und die ausgeklügelte Verteilung der Hauptfunktionen bei der Ausführung des Materials auf die übrigen Musiker trägt ihr Übriges bei – was optimal zündet im Glanz eines kompatiblen Dialogs und beständig hohem Niveau des harmonischen Miteinanders. Die Stimmungsumschwünge sind heftig, wenn nicht gar schwindelerregend – die hohe Spannung des sich entfaltenden Theaterdramas, bei eingefangener Bombastik, ist garantiert.
Das war’s. Victor Smolski, den wir seit jeher in denkbar bestem Licht in Erinnerung haben, liefert mit dem Almanac-Album „Rush Of Death“ also neuen erstklassigen Power-Metal-Lesestoff, der – angesichts all der Besonderheiten, die diesen Musiker in seinem inhaltlichen Ausdrucksvokabular und seiner eigentlichen Kompositionsphilosophie auszeichnen – im Bereich der (all)zu oft aufgewärmten und recycelten Power-Metal-Rhetorik-Formel einmal mehr außerordentlich eigen und unverwechselbar ist.
Trackliste:
01. Predator
02. Rush Of Death
03. Let The Show Begin
04. Soiled Existence
05. Bought And Sold
06. The Human Essence
07. Satisfied
08. Blink Of An Eye
09. Can’t Hold Me Back
10. Like A Machine
Besetzung:
Patrick Sühl – Gesang
Jeannette Marchewka – Gesang
Frank Beck – Gesang
Victor Smolski – Gitarre, Keyboards, Arrangements
Tim Rashid – Bass
Kevin Kott – Schlagzeug
Marcel Junker – Growl
