Alcatrazz: Born Innocent

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Label: Silver Lining Music
Veröffentlichungsdatum: 31. 7. 2020
Produktion: Graham Bonnet
Albumlänge: 57.58 min
Genre: Hard Rock / Heavy Metal
Wertung: 9.0/10


Alcatrazz muss man Kennern des weltweiten Hard Rocks nicht extra vorstellen. Ich liege doch richtig, oder? Erst recht, wenn man bedenkt, dass unsereiner unter den Slowenen an einer Hand abzählbar ist. Kurz gesagt: Alcatrazz sind Rainbow – aktiv auf einer bemerkenswert großzügigen Dosis einer schamanischen Mischung aus roten Fliegenpilzen und Atropa belladonna. Ungeachtet der Tatsache, dass ihr Bandchef – der legendäre Vokalist Graham Bonnet – 72 Jahre auf dem Buckel hat, ändert sich die Geschichte von Alcatrazz aus den Achtzigern mit dem in diesem Jahr veröffentlichten neuen Album kaum wesentlich. Klar, Alcatrazz haben ihren Job in den Achtzigern erledigt und der Musiköffentlichkeit gezeigt, welche Musik in ihrer extremsten Form entstehen kann, wenn man einen vom Blackmore-Stil und -Wesen besessenen 19-jährigen namens Yngwie J. Malmsteen in die Besetzung aufnimmt – und bei diesen »teuflischen Machenschaften« auch dann nicht nachlässt, wenn man Zappas Schüler Steve Vai ins Team holt. Der Rest ist Geschichte.

Graham Bonnet galt schon immer als frecher Lausbub und Prahlhans. Blackmore, dem es in dieser Hinsicht kaum jemand gleichtut, musste sich so manches Mal tief Luft holen bei seiner angestrebten »Post-Ronnie James Dio«-Amerikanisierung von Rainbow, wenn er Bonnets eitlen James-Dean-Haarschnitt und seine Ray-Ban-Brille betrachtete. Aber in dieser Hinsicht blieb Bonnet ihm nichts schuldig. Mehr noch: Im Frechen und Prahlen übertraf er den »Mann in Schwarz« sogar. Deshalb beging er einen Fehler, den er später bereute, als er Rainbow kurzerhand per Telefon auf Eis legte – während er in Los Angeles herumsaß und darauf wartete, dass die Band mehr Material für den Nachfolger des Albums »Down To Earth« zusammenbringt als nur den Song I Surrender. Aber das Maß war noch nicht voll. Seinen Prahlereien setzte Bonnet die Krone auf in der Zeit, als er Teil von MSG war: Nach zehn Minuten eines Konzerts zeigte er dem provozierten und aufgebrachten Publikum – wofür er selbst schuld war – kurzerhand sein Vermögen hinter dem Hosenstall, verließ dann mit seinem baumelnden Werkzeug demonstrativ das Gelände, um den ersten Morgenzug nach London zu erwischen, bevor Michael Schenker und der Rest des Teams ihn »finden und umbringen« konnten.

Spulen wir den Film vor. Graham Bonnet begann vor etwa fünfzehn Jahren, den Namen der Band Alcatrazz wiederzubeleben, wobei diese sporadisch bei einzelnen Konzerten auftrat – mit Unterbrechungen, in denen sich Bonnet seiner Graham Bonnet Band widmete sowie den aktuellen Unternehmungen von Michael Schenker, der zum Glück – angesichts der obigen Geschichte – kein nachtragender Typ ist. Wie auch immer, endlich ist auch dieses Wunder eingetreten: Nach 34 Jahren veröffentlichen Alcatrazz ihr neues und damit viertes Karrierealbum.

Bonnet hat eine Reihe namhafter Musikgäste zur Mitarbeit gewonnen, wobei der Kern von Alcatrazz im Jahr 2020 – neben seiner unersetzlichen Vocalfigur – auch auf zwei anderen Originalmitgliedern aufgebaut ist: Bassist Gary Shea und Keyboarder Jimmy Waldo. Der Gitarrist ist neu, weshalb dies das vierte Alcatrazz-Album mit dem vierten Gitarristen in der Besetzung ist. Die Rolle der zentralen Gitarrenfigur, die für das ursprüngliche neoklassische Massaker auf »Born Innocent« sorgt, fiel diesmal dem exzellenten Joe Stump zu, der seiner Rolle in jeder Hinsicht gerecht wurde – denn »Born Innocent« hält mit all seinem gebotenen Inhalt absolut glaubwürdig Anschluss an die drei in den Achtzigern veröffentlichten Alben. Die Produktion ist anders: lebendiger, organischer und dichter, ohne rauschende Synthesizerlinien und mit mehr Hammond-Pastelltönen.

Auf »Born Innocent« taucht als Special Guest genau beim Titelstück, das das Album eröffnet, Bonnets alter Kumpel, Gitarrist Chris Impellitteri, auf, mit dem Bonnet durch die Zusammenarbeit bei Impellitteri verbunden ist. Der Track begeistert nicht nur wegen der ausgeprägten Kanonaden von Chris‘ Arpeggios, er legt auch nahe, dass er sich mühelos auf einem der Impellitteri-Alben finden könnte, auf denen Graham Bonnet den Gesang beisteuerte. Das überrascht keineswegs, denn diesen Song hat Chris selbst geschrieben. Die vernichtende Eröffnung raubt einem also sofort den Atem. Auf dem Album wirkt auch der verstorbene Bob Kulick mit, der den Song „I Am The King“ geschrieben hat und darin auch Gitarre spielt. Der japanische Gitarrenvirtuose Nozomu Wakai hat sich mit seiner Gitarre auf dem Song „Finn McCool“ verewigt, um einige seiner verblüffenden Gitarren-Licks zu präsentieren. Dann ist da noch Steve Vai, der Autor von „Dirty Like the City“, der den Song mit seiner unverwechselbaren Solo-Nomenklatur brandmarkt. Die Songs „Something That I Am Missing“ und „Warth Lane“ hat der erstklassige italienische Komponist und Multiinstrumentalist Dario Mollo geschrieben, der ein Experte für das Aufwärmen des Erbes des klassischen Hard Rock ist – was die Kompetenz seiner Projekte mit Tony Martin, Glenn Hughes und eben Graham Bonnet belegt. Das Gitarrensolo auf „Paper Flags“ steuerte kein Geringerer als der glorreiche Jeff Waters von der kanadischen Thrash-Metal-Truppe Annihilator bei. D. Kendall Jones hat den Song „We Still Remember“ geschrieben und Gitarre beigesteuert. Allein diese Zusammenstellung ist ein Garant für die außergewöhnliche Klangpracht, die »Born Innocent« mitbringt. Wichtig ist auf jeden Fall auch die konzeptionelle Vielfalt. Es sind »nur« 13 Songs – und das ist nicht wenig.

Und trotzdem gibt es auf dem Album keinen Grund zur Mutlosigkeit. Er ist randvoll mit hochoktaniger Elektrisierung – getragen von den himmlischen Darbietungen der Gitarristen und natürlich von Seiner Hoheit, dem ungemein durchdringenden, leidenschaftlichen und prägenden Gesang von Graham Bonnet, der sich im reiferen Schaffensalter mehr als würdevoll hält. Das alles stimmt, wenn man das Album durch die Brille eines Bandfans betrachtet. Dieser Teil der Rezension gilt also absolut – wenn du Fan der Band bist. Denn gerade Bonnets charakteristischer Gesang, kombiniert mit den oft unübersichtlich losgeschossenen Kanonaden ultraschnell und unkonventionell zugeschnittener Soli, kann einem gehörig auf die Nerven gehen. Auf gut Deutsch: Es »drückt«, weil das Ding schlicht überladen ist. Sogar zu opulent und übertrieben – und genau das kann so manchen vom Hören von Alcatrazz abschrecken. Auf diesem Album ist es genauso. Wer Alcatrazz vorher nicht mochte, wird sie jetzt auch nicht mögen. Das ist garantiert. »Born Innocent« ist aber Pflichtprogramm für alle Bandfans! Aus zwei grundlegenden Gründen: weil es eine glaubwürdige Fortsetzung der Geschichte von vor 34 Jahren ist – und weil es ein verdammt gutes Album ist. Von Anfang bis Ende. Teuflisch, aufgedreht, voller Witz bei den verschiedensten atemraubenden Eskapaden. Eins stimmt nach wie vor: Phrase und Melodie. Das Phrasieren ist klar dominierend, und auch die Melodieentwicklung erreicht ihre Höhepunkte in prägenden Refrains. »Born Innocent« ist also nach wie vor in erster Linie ein klassisches Hard-Rock-Album. Und weil Alcatrazz‘ Kapitän Bonnet an Bord ist, erweckt auch das neue Album den klassischen Alcatrazz-Kompositionsansatz zum Leben. Das ist auch das Wesentliche dieses Werks. Die für gute 70 Lenze erstaunlich gut erhaltene stimmliche Bandbreite Graham Bonnets – der noch immer genug Frische, Sprengkraft und vor allem überzeugende Leidenschaft besitzt – ist der zentrale Akteur der neuen Alcatrazz-Geschichte. Der Gesang platzt natürlich nicht vor jugendlicher Frische, besitzt aber noch immer die begehrte Prägekraft, die Bonnets einzigartige Vokalstatur erzeugt. Diesmal mit weniger Kehligem und einer größeren Ausbeute an sauberen musikalischen Linien. Der legendäre Vokalist hat seinen Job auf hohem Niveau erledigt.

Auch Joe Stump ist kein bedingungsloser Shredder, sondern weiß sich auch zu »bremsen« und dynamische Wendungen mit mehr konziser »Verspieltheit« aneinanderzureihen. Kurzum: Stump demonstriert außergewöhnliche Variabilität, hohen Einfallsreichtum und erwartungsgemäß eine beeindruckende Palette an Akrobatik – Garant dafür, dass »Born Innocent« auf keinen Fall langweilen kann.

Das Cover ist old-school. Sofort weißt du, dass »Born Innocent« ein lebendes Fossil ist. Beim Blick auf Motiv und Gestaltung des Covers. Der Blick durch Gitterstäbe auf die Insel mit dem berühmten Gefängnis, nach dem die Band ihren Namen trägt. Du schaust also durch Gitterstäbe ins Gefängnis – was gewissermaßen symbolisiert, dass wir alle Gefangene sind. Unschuld wurde uns in die Wiege gelegt. Du wirst also frei geboren. In der Regel. Aber weil du kontrolliert werden musst, bist du gewissermaßen im Gefängnis. Das ganze Leben lang. Deine Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, deine Reichweite beim Erreichen und Verwirklichen von Zielen ist begrenzt. Manches ist dir bestimmt, doch vieles wird sich in deinem Leben nicht realisieren, weil du schlicht kontrolliert wirst. Im Gefängnis. In Unschuld geboren, machst du dich schuldig, sobald du die Regeln des Spiels akzeptierst – damit das System dich sorgfältig an der Leine hält.

Eines ist sicher. Die alten Haudegen wissen, wie man die Sache anpackt. Und nach 34 Jahren hat das neue Alcatrazz-Album mühelos den Anschluss ans Jahr 1986 gefunden. Mit dem Kapitän an Bord, dem ikonischen Rocksänger Graham Bonnet, und einer Riege erstklassiger Gitarristen ist das ein Album mit einem farbenprächtigen neoklassischen „Massaker“, das sich souverän auf der Mittellinie zwischen klassischem Hard Rock und Heavy Metal bewegt!

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Born Innocent
2. Polar Bear
3. Finn McCool
4. We Still Remember
5. London 1666
6. Dirty Like The City
7. I Am The King
8. Something That I Am Missing
9. Paper Flags
10. The Wound Is Open
11. Body Beautiful
12. Warth Lane
13. For Tony

Alcatrazz-Lineup:
Graham Bonnet – Gesang
Joe Stump – Gitarre
Jimmy Waldo – Keyboards
Gary Shea – Bassgitarre
Mark Benquechea – Schlagzeug

Gastmusiker:
Chris Impellitteri – Gitarre auf Track Nr. 1
Nozomu Wakai – Gitarre auf Track Nr. 3
D. Kendall Jones – Gitarre auf Track Nr. 4
Steve Vai – Gitarre auf Track Nr. 6
Bob Kulick (R.I.P., 2020) – Gitarre auf Track Nr. 7
Dario Mollo – Gitarre auf den Tracks Nr. 8 und 12
Jeff Waters – Gitarre auf Track Nr. 9
Don Van Stavern (Riot V) – Bassgitarre auf den Tracks Nr. 1, 2, 3, 5, 6 und 9


Alcatrazz – Born Innocent (offizielles Video)
Alcatrazz – London 1666 (offizielles Video)
Alcatrazz – Polar Bear (offizielles Video)
Alcatrazz – „Born Innocent“ (Albumcover)
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