Airbag: A Day at the Beach
Label: Karisma Records
Erscheinungsdatum: 19. 6. 2020
Produktion: Airbag
Albumlänge: 48.07 min
Genre: Space Rock / Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10
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Was ist das für ein tripoides, traumwandlerisches Erlebnis, das dich in einen Zustand süßlich-esoterischer, transzendentaler — bisweilen schon außerkörperlicher — Erfahrung versetzt, getragen von wallenden Geflechten rauschender Synthesizer, repetitivem Looping und klagenden, lang nachhallenden Gitarrentönen? Eine präzise dosierte Reise, die vorwiegend das mittlere harmonische Register einer ausgewählten Klanglandschaft ausfüllt und einem die Gänsehaut auf die Arme treibt? Diese Antwort kennen die norwegischen Space-Prog-Rocker Airbag sehr gut.
Die Band, die seit rund 15 Jahren aktiv ist — wobei ihre Wurzeln bis ins Jahr 1994 zurückreichen — und die auch jede Menge Bühnenerfahrung in der Pink Floyd Tributeformation The Pink Floyd Experience gesammelt hat, kehrt in diesem Jahr mit ihrem fünften Werk „A Day at the Beach“ zurück.
Das Album kündigt sich mit einem phänomenalen Cover im Stil des Hipgnosis-Designs an, das sofort Assoziationen zu Porcupine Tree, Pink Floyd und Marillion weckt — und interessanterweise gibt einem schon der bloße Anblick des Covers eine erste Antwort darauf, was einen auf dem neuen Airbag-Album inhaltlich erwartet. Ein Sandstrand, getaucht in ein saftiges Abendrot, übersät mit Plüschteddybären, die bis zum Hals im feinkörnigen Sand vergraben sind — im Volksmund einfach „Sand“ genannt. Mit einer sehr aktuellen Symbolik angesichts der Situation, die die Menschheit gerade auf globaler Ebene durchlebt.
Der Opener Machines and Men kündigt an, dass uns ein Album stilistischer Abweichung erwartet — verglichen mit den vier Vorgängern. Nach einem graduellen Einstieg, der vom einleitenden Ton getragen wird, verwandelt sich der Song kurz vor der Zwei-Minuten-Marke in einen rhythmischen Marsch, unterfüttert von der mächtigen Basslinie des Gastbassisten Kristian Karl Hultgren aus der norwegischen Prog-Rock-Formation The Wobbler. Die Hypnose entfaltet sich dabei in der Haltung von New-Wave- und sogar Shoegaze-Rhetorik des alternativen Rocks der Achtziger — was Kenner des bisherigen Airbag-Schaffens definitiv überraschen dürfte. Was die Eröffnungsnummer andeutet, löst sich im restlichen Material des neuen Albums ein. Airbag haben auf ihrem fünften Werk also Abstand vom obsessiven Pink-Floyd-Epigonentum genommen und dabei auf irgendeine Weise doch ihr eigentliches Album gefunden. Ihr eigenes. Interessant dabei ist, dass die Band vor der Veröffentlichung dieses Albums zunächst vom Quintett auf ein Trio „schrumpfte“. Vielleicht war genau das notwendig, damit die Band den reifen Schritt hin zu einer Erweiterung ihres musikalischen Ausdrucks wagen konnte.
Bjørn Riis, der ideelle Visionär und Kopf der Band, greift natürlich zu seinen typischen „Gilmouresken“, die im faszinierenden Ausbruch des zweiten Teils des Titelstücks besonders hervorstechen. Interessant dabei ist, dass die sogenannten „Floydismen“ eher an die „Division Bell“-Ära erinnern als an die Roger-Waters-Ära — was sowohl dem Kompositionsstil als auch der modernen Produktion geschuldet ist, in der die Kontraste zwischen den einzelnen Bausteinen des Klangbildes deutlich vergrößert, sprich intensiviert werden. Deshalb sollte man dieses Album mit Kopfhörern hören. In Ruhe und mit Genuss. In jener bekannten, süßen Erwartung, wenn man die Phase erreicht, in der das Album einen unwiederbringlich packt und mit seinem Sound vollständig in den Bann zieht.
Airbag sind Meister ihres Fachs. Sie setzen klare, einfache und präzise dosierte kompositorische Schritte, die keinerlei Fragmentierung oder eigenwillige experimentelle Ausfälle vertragen — mit denen sie versehentlich in die Gefilde des Avant-Prog geraten könnten. Mit atonalen Figuren hat sich diese Band noch nie wirklich angefreundet, und das ist auch jetzt nicht anders. Indem sie sich aber vom übertriebenen Pink-Floyd-Verschnitt gelöst hat, rücken sinnvolle Vergleiche mit Bands in den Vordergrund, die aus dem alternativen Rockartismus schöpfen — etwa Radiohead und auf der anderen Seite sogar The Pineapple Thief. Mit dem Unterschied, dass „A Day at the Beach“ unmissverständlich den Wendepunkt der Band markiert, an dem sie endlich ihren unverwechselbaren Stil und Sound gefunden hat. Das Album gleitet auf rauschenden Synthesizer-Schleiern dahin, die kontrastreich vom aufgewundenen Rhythmus der Rhythmussektion, programmierten Loops und Echo-Delay-Effekten aus übereinandergelegten Klangschichten gestützt werden — was gemeinsam zu einer Verdichtung der erzeugten Klanglandschaften führt. Ein ausgeprägtes Melanchieelement intensiviert zusätzlich den „gebrochenen“, bisweilen schon „zermürbten“ Gesang von Asle Tostrup.
Die Chemie stimmt, und das Album packt einen mit Intensität. Von der ersten bis zur letzten Sekunde seines alles anderen als leichtfüßigen Spiels greifen Airbag nach neuen Weiten ihres künstlerischen Reifeprozesses. In großem Stil. Es war längst an der Zeit.
Tracklist:
1. Machines and Men
2. A Day at the Beach (Part 1)
3. Into the Unknown
4. Sunsets
5. A Day at the Beach (Part 2)
6. Megalomaniac
Besetzung:
Asle Tostrup – Gesang
Bjørn Riis – Gitarre
Henrik Fossum – Schlagzeug
Gastmusiker:
Kristian Karl Hultgren – Bassgitarre
