AC/DC: Power Up

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Label: Columbia Records
Erscheinungsdatum: 13. 11. 2020
Produktion: Brendan O’Brien
Länge: 41.03 min
Genre: Rock’N’Roll
Bewertung: 8.5/10


»The Day That Never Comes« – oder wie hieß noch mal der Metallica-Song? Und trotzdem kommt er. Im AC/DC-Lager haben sie perfekt auf die Folter gespannt. Stückchenweise. Eigentlich haben sie damit ein ziemliches Chaos losgetreten, das irgendwo bei der Tournee zur Unterstützung des Albums »Rock or Bust« begann. Es sah ganz danach aus, als würde die australische Hochburg des Rock ’n‘ Roll langsam bröckeln und auseinanderfallen, denn mit Ausnahme von Angus bekam jedes Bandmitglied einen Ersatz in der Besetzung, damit die Band die Tournee überhaupt durchziehen konnte. Wer sich noch erinnert: Phil Rudd musste wegen des Verdachts auf Auftragsmord ins Gefängnis, Cliff Williams erklärte nach der Tour seinen Rücktritt, Brian Johnson musste wegen Hörproblemen das Mikrofon an Axl Rose abgeben, und Malcolm wurde noch während der Aufnahmen aufgrund fortschreitender Demenz von seinem Neffen Stevie Young ersetzt. Das endgültige Epitaph für eine der größten Rockbands, die je über den Planeten gestampft sind, schien unvermeidlich – wobei es für einen Moment so wirkte, als würde da die Angus Young Band auf den Bühnen stehen. Hand aufs Herz. Wenn diese verdammte Dampflokomotive tatsächlich zum Stehen gekommen wäre, hätten alle respektvoll aufgeatmet: „Sie haben ihr Ding gemacht, und sie haben verdammt viel gemacht. Ewiger Ruhm sei ihnen.“ Aber das Schicksal wollte es anders. Wie schön.

AC/DC sind eine Band, die sich im Laufe der Zeit den Ruf der frechsten Rock’n’Roll-Truppe des Universums erarbeitet hat. Das ist unbestreitbar. Erst recht, wenn sich sogar einer der größten Unzähmbaren und Egomanen des Rock-Universums in Demut vor einer solchen Größe verbeugt. Der allseits bekannte, gefeierte, schnell aufbrausende – und doch angesichts der Lausbuben-Reputation von AC/DC nur ihr „Lehrling“ – Axl Rose, dem man zuguthalten muss, dass er seine Rolle auf der letzten AC/DC-Tournee brillant gemeistert hat.

Weil diese neue AC/DC-Geschichte keinerlei Geheimnisse bereithalten kann, kannst du selbst schon im Voraus vorhersagen, wie sich diese Rezension entwickeln wird. Das neue AC/DC-Album ist schlicht brillant. Genau so, wie es sein muss und wie es sich jeder Fan der Band erträumt hat. Von Kopf bis Fuß. AC/DC bis auf die Knochen. Durchdrungen und durchzogen von allen Markenzeichen des einzigartigen Charakters und Schaffens dieser Rock-Giganten. Wo lässt es sich im Schnelldurchlauf einordnen? Genau. Es schlägt direkt in die Anfänge der „Brian Johnson-Ära“ der Band ein. »Flick of the Switch« zum Beispiel. Und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: Nach »Ballbreaker«, wenn nicht gar »Razor’s Edge«, ist es keine Vermessenheit zu sagen, dass dies das kompetenteste und am reinsten auf AC/DC zugeschnittene Album ist. Zwölf Songs, 41 Minuten Musik. Selbst wenn es zehn wären und insgesamt 35 Minuten, würde das reichen. Aber auch 12 ist keineswegs zu viel. Alle Songs stehen, alle packen und reißen einen mit. Respektlos und mit einem Tritt direkt zwischen die Augen. So, wie man es von AC/DC eben erwartet.

Herrlich vertraut, absolut bewährt, tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und wieder zeitlos. Alles sitzt an seinem Platz. Der Alkoholdunst, der wieder hemmungslos aus dem einzigartigen und meilenweit wiedererkennbaren Kreischen von Brian Johnson weht, die treibenden, schnörkellosen und mit Boogie-Rhetorik verwobenen Rhythmen, eine der frechdreistesten Rhythmussektionen des Rock ’n‘ Roll aller Zeiten, das knackige rhythmische Phrasing, für das (bereits auf seiner zweiten AC/DC-Platte) Angus‘ und Malcolms Neffe Stevie sorgt – und natürlich der Eine und Einzige, Angus Young. Mit Leib und Seele. Der Mann, der mit AC/DC alles überlebt hat. Der unglaubliche Zauberer, der ein und dieselbe Phrase durch die Urformel des Rock immer wieder neu recycelt und dabei jedes Mal aufs Neue zündet. Egal wie oft sie schon recycelt wurde – sie klingt jedes Mal, als würdest du sie zum ersten Mal hören. Der Mann, der alle Zügel in der Hand hält und ohne den es kein AC/DC gibt. Auf dem Album wird bei allen Songs der verstorbene Malcolm Young als Mitautor genannt. Laut Angus stammt der Großteil der Ideen, die auf dem neuen Album gelandet sind, aus der Zeit, als Material für das Album »Black Ice« geschrieben wurde. »Power Up«, das insgesamt sechzehnte AC/DC-Album, ist Malcolm Young gewidmet, der vor drei Jahren verstorben ist.

Von dem Moment an, in dem das Album mit dem Opener Realize einsetzt, bis hin zum abschließenden Code Red – alles ist sonnenklar. Das unerschöpfliche Rondo des Rock hat noch eine weitere luzide Auffrischung der ultimativen Phrasen geliefert, durch die der Adrenalinstoß dieses unerschöpflichen Geysirs hochoktaniger Riff-Energie nicht nachlässt. Die organische chemische Reaktion, die alle Zutaten auf völlig einzigartige Weise zusammenhält, ist neu geboren. Noch vor nicht allzu langer Zeit sah es so aus, als wäre so etwas unmöglich. Aber alles ist wieder da. Die Mitgröl-Melodien, die Johnsons Durchschlagskraft begleiten – mit der er seinen Vocals für sein Alter unglaublich effektiv und überzeugend schneidet –, dazu dieser ursprüngliche Klang der Rock-Magie, den du sofort erkennst und atmest wie Sauerstoff, plus eine neue, perfekte Mischung aus Blues- und Boogie-Eingängigkeit. Das Zeug, das den Körper sofort in Bewegung bringt. Auf der Stelle. Wenn du auf so ein Album nicht reagierst, hast du dich beim Suchen nach dem Märchen »Lojtrca domačih« von Boris Kopitar am falschen Ende wiedergefunden.

Dieses Rock’n’Roll-Monster bleibt also weiterhin unersättlich und unbändig. Anders kann es nicht, anders geht es nicht, und anders soll es auch gar nicht sein. Und niemand will, dass es anders wäre. Wir wollen nur eines hoffen: dass die Welt wieder in Ordnung kommt und uns die Legenden des Rock auf die Bühnen der Welt bringt, damit wir ein letztes Mal Angus‘ legendären Bühnen-Entengang und den Krawall seiner Kumpanen genießen können. In der Besetzung, wie sie das großartige »Power Up« verkörpert. Chuck Berry ist einmal mehr selig, irgendwo da oben. In seinem Rock’n’Roll-Himmel. Soll es donnern! Soll der Rock-Himmel auflodern. Wenn es das letzte Mal ist, soll es grenzenlos brennen und in seiner ganzen universellen und ursprünglichen Eleganz niederbrennen.

Autor: Aleš Podbrežnik


Tracklist:
1. Realize (3:37)
2. Rejection (4:06)
3. Shot in the Dark (3:06)
4. Through the Mists of Time (3:32)
5. Kick You When You’re Down (3:10)
6. Witch’s Spell (3:42)
7. Demon Fire (3:30)
8. Wild Reputation (2:54)
9. No Man’s Land (3:39)
10. Systems Down (3:12)
11. Money Shot (3:05)
12. Code Red (3:31)

Besetzung:
Brian Johnson – Gesang
Angus Young – Gitarre
Stevie Young – Gitarre, Hintergrundgesang
Cliff Williams – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Phil Rudd – Schlagzeug

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