Mi2: Črtica

Dallas Records 2025
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Label: Dallas Records
Erscheinungsdatum: Mai 1997 / 18. 4. 2025 (Vinyl-Reissue)
Produktion: Zvonko Tepeš
Laufzeit: 46.46 min
Genre: Punk Rock / Hard Rock / Hip-hop
Wertung: 8.0/10
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Das Label Dallas kümmert sich schon seit geraumer Zeit darum, grundlegende Werke wieder zum Leben zu erwecken, die das Bild der slowenischen Rockmusik geprägt haben und weiter prägen. Das Debüt von Mi2 mit dem Titel »Črtica« gehört definitiv dazu. Auch wenn das Ganze mit einem sehr begrenzten Budget entstanden ist, brachten Jernej und Fiki von Anfang an gewisse Dinge mit, die kein Geld der Welt kaufen kann. Einen weiten, flexiblen Geist, der mit üppiger Fantasie und hochintelligenter Lyrik und Prosa in der genau richtigen Dosierung provoziert und unterhält. Er stößt nicht ab. Ganz im Gegenteil. Er zieht an. Auf Schritt und Tritt überrascht er nicht nur, sondern begeistert – denn er klingt anders genug als alles andere, sprich besonders genug, um von diesem Album als echtem Fundament eines Artismus einzigartiger Natur zu sprechen. Allein schon die Texte mit ihrem messerscharf-galgenhumoristischen Witz, aber auch der beißenden Schärfe, die der schwarze Humor so oft geschickt überdeckt, machen die Sache von da an in jeder Hinsicht klar. Genau diese Lyrik ist das Fundament, mit dem Mi2 später nach und nach ein breiteres slowenisches Publikum für sich gewannen.

Rogatec, Februar 1996. Das ist jener wunderbare Teil Sloweniens, der dem öffentlichen Blick oft verborgen bleibt. Dafür darf man dort wohl nur dankbar sein. Genau dort bündeln an einem fernen Tag zwei mutige Enthusiasten ihre kreativen Kräfte und beschließen, sich gemeinsam am Schreiben von Musik und Lyrik zu versuchen!  Wenn du die bescheidenen Anfänge betrachtst, die der Entstehungsgeschichte des Studiodebüts von Mi2 zugrunde liegen – und dabei bedenkst, dass es sich um eine Band handelt, die seit Langem als eine der beliebtesten gilt, man kann ruhig sagen: in der gesamten Geschichte des Rock’n’Roll in Slowenien –, dann führt kein Weg an nur einem Schluss vorbei. Das Unmögliche ist möglich. Jernej und Fiki würden sagen: Es lohnt sich, an Wunder zu glauben. Und so erscheint die Single Črtica, die damals reichlich Rotation bekam. Es vergeht gut ein Jahr. Im Frühjahr 1997 erscheint dann endlich auch das Album gleichen Namens. Daran wirkten mehrere Musiker mit, nicht nur Jernej Dirnbek und Robert Firer – Fiki! Dieses Album zündet noch heute auf phänomenale Weise! Also? Wenn du das Cover des Albums flüchtig überfliegst, wirkt das Ganze, als hätte jemand ein Märchen von Ela Peroci illustriert. Wenn du seinen Inhalt aber genauer unter die Lupe nimmst: »Inmitten der berauschenden Blüten irgendeiner Rogatec-Wiese sprießen trotzig zwei aufrechte Gauner empor, von tugendhafter Natur,…«   

Die Kollision von Rock und Hip-Hop. Wie bitte? Hip-Hopper gab es damals wenige in Slowenien. Ali-En legte erste Grundsteine, unerwartet ‚landete‘ auch Jure Košir mit Pasji kartel auf der Szene, und auch Klemen Klemen zeigte sich – der damals noch kein Studiodebüt herausgebracht hatte …

Was die Arrangements angeht, zeigt schon das Debüt selbst, dass der Kern der Sache Minimalismus ist. Diese Kulisse des musikalischen Minimalismus kommuniziert überaus geschickt mit der Aussagekraft der Verse. Dieses Axiom haben Mi2 auch künftig treu bewahrt und gepflegt. Schon die Verse des Debüts legen Dirnbeks außergewöhnliche lyrische Fertigkeit offen – und auf gewisse Weise auch seinen Genius. Das waren also jene Zeiten, in denen Testosteron in jeglichem Übermaß am Werk war – was das Album »Črtica« nicht verbergen kann (Cover inklusive) –, und daher ist es ein Abdruck eines sorglosen Lebens, von Unbeschwertheit, von Unerschütterlichkeit,… Positive Dinge also. Das wirkte wesentlich gesünder, als die Gesellschaft der Gegenwart funktioniert, in der wir für das Miteinander nur noch auf digital generierte Illusionen in sozialen Netzwerken zurückgreifen.  

»Črtica« ist eine bockige Mischung aus Punk, Hard Rock und Hip-Hop, die frontal anspricht und mit ihrer ehrlichen Lyrik direkt an die Herzen des ‚kleinen slowenischen Mannes‘ klopft, der sich sofort in ihnen wiederfindet. Unter all dem Klamauk, der dich oft zu Tränen lachen lässt, ist in den Texten auch eine grausame Realität hinterlistig versteckt. Das ist dieser Kontakt zur volkstümlichen Authentizität, mit der Jernej und Fiki von Anfang an die Sympathie des slowenischen Musikpublikums gewannen, das Mi2 später tatsächlich zu einem Teil seines Alltags machte – und Mi2 wurden, ob man will oder nicht, genau mit dieser Volksnähe zu einer der größten slowenischen Rockbands. Nicht nur das – man kann sogar sagen, dass sie heute zu den bedeutendsten Rockkünstlern des slowenischen Zeit- und Raumgefüges gehören.  

Was die Verbindung der beiden elementaren Charaktere dieses Albums betrifft, die von Hip-Hop und Rock (ob mit Punk- oder Hard-Rock-Einschlag) geprägt werden, ist »Črtica« ein lebendiger Beweis dafür, wie schön diese Kollision in brillanter Symbiose koexistieren kann. Die Melodien sind nicht anspruchsvoll. Oft ist es schlicht eine bloße (auch mehrstimmige) Narration, Diktate. Arrangementtechnisch ist die Textdarbietung mit knackiger rhythmischer Kinetik unterlegt, und daneben sind geschickt verflochtene Programmier- und Looping-Tricks integriert, die sich ins Gitarrenphrasing hineinbeißen wollen (schon das Eröffnungsstück Nategni pobegni deutet an, was das Album noch bringen wird – wem die Gitarre da noch nicht reicht, den haut sie im ‚kräuterhaften‘ Zamisli se umso intensiver um). Auch wenn die Sache sehr direkt ist und keine Umwege macht, war einiges geschicktes Jonglieren beim Abmessen der künstlerischen Schritte nötig, die im Minimalismus des ‚weniger ist mehr‘ das expressive Optimum effektiv herausholen.

»Portugalska al kak že« hat seine Inspiration zu einem guten Teil Zarjavljene trobente von Lačni Franz zu verdanken, »Aerosmith« trägt diesen Titel nicht ohne Grund (hör dir mal die Hauptgitarrenphrase an), und besonders unterhaltsam ist die Bearbeitung des Partisanenmarsches »Bilečanka«, der seine ganze Urwüchsigkeit auch unter dem Taktstock von Jernej und Fiki bewahrt.

Am Ende des Albums stehen zwei Stücke, die man als Bonus-Tracks behandeln kann. Črtica – die Titelsingle – hat ihren kroatischen Zwilling in Crtica. Während die slowenische Version bei uns sehr gut ankam und bis heute zum festen Konzertrepertoire der Band gehört, gelang das ihrer kroatischen Version nicht. Hier findet sich auch eine indirekte Hommage an die Helden des jugoslawischen Comics (Lunov Magnus, Alan Ford) im Stück »Puf Pant«, das eigentlich die kroatische Version des Eröffnungsstücks »Nategni pobegni« ist. Die Stücke Crtica und Puf Pant lassen sich als Bonus-Tracks des Albums verstehen. Sie nehmen dem Album keineswegs seinen Schwung. Eher das Gegenteil. Vielleicht liefert gerade ihre Integration die Antwort darauf, dass es sich um einen Versuch handelte, auch auf der anderen Seite von Sotla und Kolpa ein Publikum zu gewinnen.

Da ist es also, »Črtica«. Zum ersten Mal auf Vinyl. Das berühmte Debüt von Mi2. Vielleicht werden auch seine Nachfolger noch mit Vinyl-Reissues nachziehen – die es schon seit Langem natürlich nirgendwo mehr in physischer Form zu kaufen gibt. Das Album »Črtica« ist ein konkretes Dokument greifbarer musikalischer Substanz. Von schelmisch eigenem Charakter! Ein authentischer, bildhafter Abdruck einer Zeit, die auch dem Bild der damaligen Mainstream-Musik in Slowenien ihren Stempel aufgedrückt hat. Es ist das grundlegende musikalische Sakrament, auf dem die Geschichte von Mi2 nach und nach aufgeblüht ist. Und was ist das Wesentliche? Das Hören dieses verrückt-luziden, aber mutigen Debüts von Mi2 hört auch nach (fast) drei Dekaden nach seinem Erscheinen nicht auf, spitzbübisch zu sticheln, zu begeistern und zu unterhalten. Das ist der direkte Beweis, dass dieses Werk den Test der Zeit bestanden hat.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
Seite A.:
1. Nategni pobegni
2. Rovajnka
3. Črtica
4. Tehno pubec
5. Na škarpi sn sedau
6. Bilečanka
Seite B.:
1. Zamisli se
2. Proti vetru
3. Aerosmith
4. Portugalska al’kak že
5. Crtica
6. Puf Pant

Besetzung:
Jernej Dirnbek – Gesang, Gitarre, Programmierung
Robert Firer – Gitarre, Programmierung

Mitwirkende Musiker:
Egon Herman – Gitarre
Vojko Hlupić – Bass
Vanja Janež – Schlagzeug


Mi2 – „Črtica“ (Dallas Records, 2025, Vinyl-Reissue)
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