Drevored: Sadimo vam drevesa

Nika Records 2024
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Label: Nika Records
Erscheinungsdatum: 8. 11. 2024
Produktion: Bojan Pahljina – Puhi, Maras Tomaž – MOT & Mark Reins
Albumlänge:
Genre: Art Rock
Bewertung: 9.0/10
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Wenn Drevored ein neues Studioalbum veröffentlichen, ist das auf irgendeine Weise ein echtes  Fest des slowenischen Rock’n’Roll. So selten sind diese Ereignisse nämlich. Und da ist es! Das dritte von ihnen. Es nennt sich »Sadimo vam drevesa«. Die Band, die 1979 gegründet wurde – mit einer Pause zwischen 1989 und 2005 –, kehrt also sieben Jahre nach dem Vorgängeralbum »Na zahod« (2017, RockLine Rezension) mit einem neuen Paket eigener Songs zurück!

Wie schon die beiden Vorgänger besticht auch das neueste Album durch außergewöhnliche Produktionsfinesse und ausgefeilte Arrangements – einmal mehr ein Zeugnis des hohen Perfektionismus, dem das wache und scharfe Ohr des musikalischen Visionärs und Bandchefs, des versierten Komponisten, Sängers und Gitarristen Dušan Prosinečki folgt. Die Band ist (auch) heute auf unserer Szene definitiv ein Sonderfall. In mehrfacher Hinsicht. Nicht nur was den Kult- und Legendenstatus angeht, den ihr Status genießt, sondern auch in einigen charakterlichen Qualitäten, die sich durch die künstlerische Reife des Quartetts ausdrücken – allen voran durch sein Antriebsrad, das ist natürlich Dušan. Die Band besitzt eine ’nützliche Sturheit‘, was bedeutet, dass sie einen Song nicht aufnimmt, bevor sie nicht zu 110% überzeugt ist, aus der Grundidee das künstlerische Optimum herausgeholt zu haben. Dieser Perfektionismus würde aber nicht so überzeugend in die Gestalt der Kompositionen gegossen, wenn es der Band eilig wäre. Drevored kennen keine Schlamperei. Sie gehen Dinge ganzheitlich an – mit einer breiten Vision des Ausprobierens und Prüfens –, bevor sie irgendetwas auf das Aufnahmeband bringen. Sieben Jahre sind offensichtlich der Zeitrahmen, der der Band dafür auf den Leib geschrieben ist. Hinzu kommt, dass Drevored eine eigenständige, autarke Band sind, die alles, was wir von ihr auf Tonträgern erhalten, aus der eigenen Tasche finanziert.

Die rustikalen Instrumente (u.a. Dušans Rickenbecker, der einen zurückschleudert in die Zeiten der britischen Blues-Invasion oder des guten alten George Harrison)  erzeugen jenen gitarristischen ‚Jangle‘-Sound, der die Inspiration von The Beatles auf der einen Seite und Eagles auf der anderen Seite (des Atlantiks) verinnerlicht – und dabei zugleich die künstlerische Eigenständigkeit von Prosinečki und seiner Crew klar zum Ausdruck bringt. Und in gewisser Weise sind Drevored auch in diesem Element in Slowenien einzigartig. Der verinnerlichte Blues- und Southern-Rock-Touch, der den Hörer ‚von hinten‘ anspricht, ist wieder da – zusammen mit dem außergewöhnlichen Gespür für eine musikalische Verführung unter der Haut, mit der die Band den Hörer im Nu auf ihre Seite zieht.

Der Sound ist lebendig, warm, organisch und trägt den Abdruck der Klangbreite eines Livekonzerts. Die Bausteine sind klar kontrastiert. Hörbar. Spürbar. Mit durchdringender Tiefe. Ihr Zusammenspiel strahlt ihre kompatible Verschmelzung aus. Die Band kennt keine halben Sachen. Deshalb hat sie sich beim Feinschliff beziehungsweise der Finalisierung des Sounds ihrer Werke in ihrer Karriere stets ins Ausland gewandt. Diesmal fand sie den Schlüssel zum Erfolg im Klangmeister Mark Reins, der mit seinem wachen Ohr und seiner Erfahrung aus jedem Track des Albums noch mehr Ausdruckskraft herausgeholt hat. Das erste solche Beispiel, wo die Finessen der Kontrasttricks auch Magie hervorlocken, ist gewiss der dritte Song Gibam se! Für die anspruchsvolleren Hörer wird schon dieser Track einen der Mini-Höhepunkte des Albums darstellen – künstlerische Flexibilität und klangliche Arrangements-Ästhetik auf den Punkt!

Minimalismus ist ein anderer Name für Drevored, und dieser Minimalismus spielt der Band auch diesmal ein Blatt voller Asse ein, das immer mehr bringt. Einfach und prägnant ausdrucksstark zu sein, ist für einen Komponisten oft eine weit schwerere Aufgabe als das Schreiben von ausgedehnten, vielminütigen Epen und verschlungenen Songs, die (leicht) Anfang und Ende verlieren können. »Sadimo vam drevesa« ist ein Werk aus zehn Tracks, die jederzeit auf den Wellen des Mainstream-Radios laufen könnten – mit einer Qualitätsbreite, die bis an die Spitze des slowenischen Rocks reicht. Nach Gibam se folgt ein vollständiger Stimmungswechsel mit dem außergewöhnlichen Sanjam te nocoj, der in der Strophe sanft düster anspricht – wobei die Phrase fast in einen Melos des ‚Balkanesken/Arabesque‘ zu entfliehen versucht, es aber nicht ganz schafft, weshalb das Motiv umso stärker (und besonderer) ist, da seine Eigenart den Hörer noch nachhaltiger ‚reizt‘. Aber das ist noch nicht alles. Die Qualität dieses Songs wird weiter gesteigert durch eine kompatible Stimmungssteigerung im Pre-Chorus, wobei der eigentliche Chorus erst bei rund zwei Minuten Spielzeit einsetzt – und durch ein verführerisches (hoch vibrantes) Kokettieren mit der Mystik im Ausklang, wenn die Intensität der Stimmung zu einem Crescendo anwächst. Die eingesetzten Perkussionen liefern das i-Tüpfelchen. Definitiv einer der Höhepunkte des Albums.

Wieder folgt im Albumverlauf ein vollständiger Stimmungswechsel mit Če res ljubiš ženo, wo Dušans vokale Interpretation besonders aufblitzt – ein hoch emotionaler und leidenschaftlicher Ausdruck sowie eine Lektion in Poesie darüber, wie man wirklich liebt. Mit einem außergewöhnlichen Ausklang! Ein Song, der direkt ins Radio gehört. Das alles wird durch Tricks aufgewertet, die dem Grundgerüst der Komposition hinzugefügt werden – im Fall von Če res ljubiš ženo sind das hinzugefügte Vokalharmonien, die die Sehnsucht im Refrain kontrastierend intensivieren.

Und so weiter. Ich will keine Zeit verschwenden. Das Album »Sadimo vam drevesa« ist ein hervorragendes Werk mit dem farbenfrohen Flair eines ausgefeilten Art-Rock, das einen neuen eigenständigen Moment der Einzigartigkeit erreicht und damit die künstlerische Ästhetik des ohnehin außerordentlichen Vorgängers »Na zahod« spielend einfängt und sogar übertrifft. Das ist ein neues Album, das vor allem durch seine außergewöhnliche Musikalität und Rock-Schlagkraft begeistert – und dessen Aussagekraft umso stärker ist dank der Verzierungen, die beim wiederholten Hören an die Oberfläche kommen.

Die Songs sind charakterlich in sich geschlossene Einheiten. Konzeptuell äußerst vielseitig. Die Hörbarkeit ist garantiert – vom großen Weckruf des ambitionierten Titeltracks bis zum abschließenden Pozabil sem že. Dank dieser Vielseitigkeit ist die Dynamik des Albums außergewöhnlich. Es spricht auf hohem Niveau an, und die Rhetorik seiner Eingängigkeit lässt nicht nach. Der verspielte Radio-Hit Lovim mladost nazaj wäre zum Beispiel ideal für Position Nummer eins auf dem Album, aber die Band hat sich für den Titeltrack entschieden, während Lovim mladost nazaj zumindest die B-Seite des Vinyl-Formats eröffnet und so zumindest auf Vinyl diese Gelegenheit nutzt.

Das Album ist inhaltlich vollgepackt. Begeisternd lebendig. Es brodelt vor Leidenschaft, vor Feuer – und zeigt, dass in der Crew noch jede Menge hochoktaniger Treibstoff steckt, der Drevored antreibt. Mit einem neuen, erstklassigen Album in der Tasche! Slowenischer geht’s kaum. Die Botschafter des unterkrainischen Rock’n’Roll haben also im allerletzten Abschnitt des Jahres 2024 ein definitives künstlerisches Ausrufezeichen für den slowenischen Rock gesetzt – ein einzigartiger und unwiederholbarer Moment des Studio-Miteinanders zwischen den rustikalen Handgriffen erfahrener ‚Oldtimer‘ und der modischen Ästhetik der Gegenwart! »Sadimo vam drevesa« kann nur eine Lehrstunde für jüngere slowenische Bands sein, die kompositorisch, arrangementmäßig und produktionstechnisch allzu oft viel zu schnell zufrieden sind. »Sadimo vam drevesa« kennt also keine künstlerischen Reserven. Es ist der Abdruck der randvoll gefüllten Kreativität  der Band in einer neuen Ära – und es ist klar, dass Drevored noch so manches As im Ärmel ‚verstecken‘. Bis dahin genießen wir den Artismus des Neuesten.   

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Sadimo vam drevesa
2. Gibam se
3. Sanjam te nocoj
4. Če res ljubiš ženo
5. TV
6. Lovim mladost nazaj
7. Pa me naj
8. Favona
9. Čaraj, čaraj
10. Pozabil sem že

Besetzung:
Dušan Prosinečki – Gesang, Gitarre, Keyboards
Primož Hudoklin – Gitarre
Andrej Zupančič – Bass, Synthesizer
Miha Recelj – Schlagzeug, Perkussion, Backing Vocals

Gastmusiker:
Jaka Janežič – Saxofon
Primož Kravcar – Posaune
Mark Reins – Perkussion


Drevored – „Sadimo vam drevesa“ (Nika Records, 2024)
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