Blue Öyster Cult: Ghost Stories

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Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 12. 4. 2024
Produktion: Steve Schenck & Richie Castellano
Albumlänge: 41.46 min
Genre: Art Rock / Hard Rock / Heavy Metal
Bewertung: 8.0/10


Blue Öyster Cult sind und bleiben eine der einflussreichsten Rockbands aller Zeiten. Dabei standen diese großen Innovatoren und Pioniere stets im Schatten der medialen Bekanntheit von Black Sabbath, Led Zeppelin oder Deep Purple, die zur gleichen Zeit (in jenen längst vergangenen Anfangstagen) erfolgreicher ins Rampenlicht drängten. Doch ihr musikalischer Beitrag und ihr Vermächtnis sind heute so gut wie heilig. Ein heiliger Gral der Inspiration für eine Generation, die zehn Jahre später Metal auf die Landkarte setzte – mitsamt aller Subgenres.

Die Jahre kommen. Auch jene Jahre der „süßen Erinnerungen“ und der reifen Jubiläen. Auch dann noch, wenn nach fast zwanzig Jahren ein neues, richtig gutes Studioalbum erscheint und eine ganze Reihe neuer Livealben dazukommt. Nun, „Ghost Stories“, das gerne als 15. Studioalbum der Band angekündigt wird, ist kein echtes Studioalbum im klassischen Sinne. Eher eine Sammlung von Aufnahmen, die jahrelang in den Archiven schlummerten und zwischen 1978 und 1983 entstanden sind – in der Hoffnung, irgendwann das Licht der Welt zu erblicken. Diese Hoffnung ist also nicht gestorben, und die Realisierung ist da. Das Archivmaterial stammt von der klassischen Besetzung der Band (Bloom, Roeser, Albert Bouchard, Joe Bouchard und dem verstorbenen Allen Lanier) und umfasst die Ära der Alben „Mirrors“, „Cultosaurus Erectus“, „Fire of Unknown Origin“ und „The Revolution by Night“. Was das treffend benannte „Ghost Stories“ also bietet, ist im Grunde eher eine Sammlung, eine Kompilation klanglich aufgefrischter und arrangementmäßig fertiggestellter alter Aufnahmen. Seit Richie Castellano – außergewöhnlicher Multi-Instrumentalist, bei Bedarf zusätzlicher Sänger, Produzent und Arrangeur – im Blue Öyster Cult-Lager ist, scheint für die Band, die von den beiden integralen Figuren Eric Bloom und Buck Dharma zusammengehalten wird, wieder alles möglich. Im Herbst ihres Lebens erleben die Legenden eine Renaissance, eine neue Blütezeit! Und Castellano ist der Katalysator. Die Veröffentlichung dieser Kompilation ist tatsächlich mehr als ein sinnvoller Schachzug – sie hält die Band nicht nur am Leben und kickend im Herbst ihrer Jahre, sondern bietet dem Publikum ein weiteres unentdecktes Stück dieses galaktischen Rock’n’Roll-Monolithen, das es wirklich schade gewesen wäre, nicht ans Tageslicht zu bringen. Zumal Dharma und Bloom (beide noch am Leben) vor der Veröffentlichung als Hauptaufseher einspringen konnten.

Einige Tracks sind ausgesprochen geschickt modernisiert worden und haben richtig Feuer. Ohne Weiteres hätten sie auf einem der oben genannten Alben landen können. Der Kompositionsstil katapultiert uns direkt in jene Lebensphase der Band. Castellano hat es mit modernen Post-Produktionstricks nicht übertrieben – kein übermäßiges Studio-„Aufpolieren“, kein Overdub-Exzess und, Gott bewahre, kein Clicktrack-Getue. Bloom und Dharma hätten ihn wohl ans Kreuz genagelt, wenn er sich in Richtung klanglicher „Sterilisierung“ verirrt hätte. Castellano, der „Lücken in den Demo-Originalen“ bei Bedarf geschickt mit zusätzlichen Gitarren, Keyboards und seinem eigenen Gesang kaschierte, hat sich größtmöglich darum bemüht, den authentischen Klang und die ursprünglichen Grundstrukturen der Demo-Aufnahmen zu bewahren. Da sind Tracks wie Late Night Street Fight, So Supernatural und Don’t Come Running to Me, die Pop-Elemente in den Sound der Band einflechten – aus einer Zeit, als die Band durchaus darauf achtete, die Charts nicht zu verpassen. Diese drei Songs kann man sich in dieser Hinsicht gut auf den bereits genannten Alben vorstellen. Der Rest des Materials hingegen liegt näher an der Philosophie der Mitte der Siebziger und ist ein unbestreitbares Unikat aus dem Leben der Band in der Ära 1978–1983.

Die Band dachte auch an ihre beiden Konzertfavoriten. Die berühmten Cover-Versionen, die gewissermaßen die Ausgangspunkte waren, von denen sich die jungen Blue Öyster Cult inspirieren ließen und aus denen sie allmählich ihre Energie, ihre Frechhheit, den Lärm, die Zügellosigkeit und das Tabubrechen in ihre eigene Musiksprache übertrugen. Kick Out The Jams (MC5) und We Gotta Get Out Of This Place (Animals) erhalten nun endlich ihre konkreten Studioversionen. Die Band hat sie (in der klassischen Besetzung) im Studio nach dem Prinzip eines Live-Auftritts eingespielt. So wie das restliche Material. Wie es sich gehört. Dann gibt es noch einen interessanten Track, der keine zwingende Notwendigkeit für die Aufnahme auf „Ghost Stories“ hatte – er wurde schlicht ans Ende des Albums angehängt. Eine akustische Version des Beatles-Originals If I Fell, aufgenommen von Blue Öyster Cult in der Besetzung von 2016, als Kasim Sutton bei ihnen am Bass spielte. The Beatles waren für Blue Öyster Cult schon immer eine enorm wichtige Inspirationsquelle! Und der schelmische Rock’n’Roll-Single Cherry zeigt, dass sowohl Blue Öyster Cult als auch The Beatles bei Presley und Blue Suede Shoes angefangen haben.

„Ghost Stories“ macht natürlich keinen Sinn, wenn man es mit den veröffentlichten Studioklassikern der Band vergleicht – auch wenn es durchaus als Studioalbum behandelt werden kann, nur dass das Material an die Klassiker kaum heranreicht. Es bietet aber rundum mehr als zufriedenstellende Qualität und damit eine in jeder Hinsicht glaubwürdige Bereicherung des Diskografie-Opus: ein endlich gefundener (verlorener) Schatz, der eine mehr als willkommene Ergänzung der Musiksammlung jedes echten Fans dieser Rock’n’Roll-Giganten darstellt.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Late Night Street Fight
2. Cherry
3. So Supernatural 
4. We Gotta Get Out Of This Place
5. Soul Jive
6. Gun
7. Shot In The Dark
8. The Only Thing
9. Kick Out The Jams
10. Money Machine
11. Don’t Come Running To Me
12. If I Feel

Besetzung:
Eric Bloom – Gitarre, Keyboards, Gesang
Albert Bouchard – Schlagzeug, Backgroundgesang
Joe Bouchard – Bass, Gitarre, Keyboards, Percussion, Backgroundgesang
Allen Lanier – Gitarre, Keyboards
Donald „Buck Dharma“ Roeser – Gitarre, Gesang

Rick Downey – Schlagzeug auf Track Nr. 3 und 11.
Richie Castellano – zusätzliche Gitarren, Keyboards, Gesang

If I Fell wurde am 18. 4. 2016 im Studio Red (Kalifornien, Los Angeles) in folgender Besetzung aufgenommen:
Eric Bloom – Gesang
Donald „Buck Dharma“ Roeser – Gitarre, Gesang
Richie Castellano – Gitarre, Backgroundgesang
Kasim Sulton – Bass, Gesang
Jules Radino – Percussion


Blue Öyster Cult – „Ghost Stories“ (2024, Frontiers Music Srl.)
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