Walter Trout: Broken
Label: Provogue Records/Mascot Label Group
Erscheinungsdatum: 1. 3. 2024
Produktion: Eric Corne
Albumlänge: 57.54 Min.
Genre: Blues Rock
Wertung: 8.5/10
Walter Trout legt mit einer Reihe von Alben nach, wobei das neueste — „Broken“ — Anschnallen bitte, bereits sein einunddreißigstes ist: das Werk einer schwer fassbaren Ikone des Blues Rock. In den letzten Jahren erlebt der gereifte Blues-Songwriter eine wahre Renaissance, denn er bringt Studioalbum nach Studioalbum in Abständen von weniger als zwei Jahren heraus, ohne dabei auch nur den geringsten Anflug von ideeller Erschöpfung zu zeigen. Er reitet weiterhin hoch auf einer gewaltigen Welle kreativer Inspiration.
Und das neueste Album „Broken“ macht da keine Ausnahme! Es ist wieder eine Blues-Rock-Delikatesse, gefertigt nach dem unverwechselbaren Rezept dieses farbenreichen Musikers. Für die Texte des neuen Albums ließ sich Walter Trout von der Chronologie aktueller Ereignisse inspirieren — vom Zerfall und der Aushöhlung jener gesunden Normen, Gesetze und moralischen Grundsätze, die das Wesen jeder zivilisierten Gesellschaft ausmachen sollten. Der berühmte Bluesman sagt über das Album, das einerseits Wut und andererseits Versöhnung ausdrückt, folgendes: „Ich habe immer versucht, positive Songs zu schreiben, aber das neue Album ist nicht gerade so eines. Trotz allem, was gerade passiert, klammere ich mich immer an die Hoffnung. Ich glaube, genau deshalb habe ich dieses Album geschrieben.“
Das Album ist also ein neues Abenteuer von ausgesprochen persönlicher Natur, wobei Walter diesmal nicht mit Momenten der Wut und des Zorns spart — besonders spürbar in den überraschend rockig-starren Momenten des Albums, wie etwa I Had Enough mit Twisted Sister-Star Dee Snider im Vokal-Duett. Nach dem Adrenalinstoß von I Had Enough bremst Walter das Album mit dem brillanten Instrumentalstück Love Of My Life ab, dem das sinnliche und melancholische Breathe folgt. Dann kommt ein weiterer überraschend aufgedrehter Moment mit dem kräftig peitschenden Heaven Or Hell, rhythmisch unterlegt mit einer Cowbell, worauf das ruhige I Wanna Stay und das abschließende Falls Apart folgen. Gerade Falls Apart ist ein weiterer herausragender Moment des Albums, der den höchsten musikalischen Ertrag liefert — mit einem erstklassigen Refrain, raffiniert ausgestattet mit mehrstimmigen Vokalharmonien. Das Album schwankt spürbar in seiner Dynamik und den vibrierenden Stimmungen. Es ist ausgesprochen organisch, warm und wirkt „live“, wobei Trout seinen Status als feinsinniger Großmeister farbenfroher Gitarren-Eskapaden bewahrt, die von ihm schlichtweg erwartet werden.
Das Album eröffnet einer der stärksten Tracks — der Titeltrack Broken. Eine kompakte Blues-Ballade, die vom ersten Moment an packt. Im Vokal-Duett gesellt sich Sängerin Beth Hart mit ihrer unverwechselbaren stimmlichen Kontur hinzu, was dem Song eine ganz eigene Energie verleiht. Trout wollte damit die Aussagekraft des Stücks unterstreichen und sie durch den weiblichen Gesang kontrastieren — und das zündet auf ganzer Linie. Allerdings ist Beth mit ihrer markanten Stimme durchgehend in einer dominanten Stellung, was nicht unbedingt begeistert. Klar ist: Walter Trout braucht keine Vokal-Duette. Seine eigene stimmliche Haltung reicht vollkommen aus. Puristen könnte es sogar stören, dass er im Duett überdeckt wird. Eine ähnliche Erkenntnis liefert auch die Kombination seiner Stimme mit der von Dee Snider in I Had Enough. Offensichtlich wollte Trout hier einen Gast mit einem besonders aggressiv-rauhen Ansatz auf das Album holen — und das ist bei Snider definitiv nicht zu vermissen. Der Track Bleed ist der Boogie-Moment des neuen Albums, wie ihn Trout — obwohl er einst u. a. mit Canned Heat und John Lee Hooker gespielt hat — auf seinen Alben bislang weitgehend gemieden hat. Der Track wird durch Improvisations-Einlagen auf der Mundharmonika vom dritten Gastmusiker Will Wilde veredelt.
„Broken“ ist ein Album von außergewöhnlicher atmosphärischer Dynamik. Es beschäftigt den Hörer ununterbrochen, lässt ihn nicht zu Atem kommen. In jeder Hinsicht seines expressionistischen Zugriffs. Es berührt intensiv selbst die entlegensten Winkel der Seele. Tiefer geht es kaum. Einmal mehr. Walter Trout, der am 6. 3. 2024 seinen 73. Geburtstag feierte, bleibt ein Großmeister seines musikalischen Handwerks. Mit einer ihm eigenen, unverwechselbaren und durchdringenden künstlerischen Haltung. Je brüchiger, gebrochener sie wirkt, desto intensiver greift sie. Mit „Broken“ bleibt Walter Trout unter den größten noch aktiven Giganten des White Blues, die noch über die Oberfläche dieses Planeten stampfen. Und sein letztes Wort ist noch lange nicht gesprochen. Im Tank steckt noch reichlich kreativer Treibstoff. Und das ist sehr, sehr gut!
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Broken (feat. Beth Hart)
2. Turn And Walk Away
3. Courage In The Dark
4. Bleed (feat. Will Wilde)
5. Talkin‘ To Myself
6. No Magic (in the street)
7. I’ve Had Enough (feat. Dee Snider)
8. Love Of My Life
9. Breathe
10. Heaven Or Hell
11. I Wanna Stay
12. Falls Apart
Besetzung:
Walter Trout – Gesang (1-7, 9-12), Gitarre, elektrische Sitar (4), Mundharmonika (2, 6)
Skip Edwards – Hammond-Orgel (1, 2, 5, 12), Wurlitzer-Klavier (8, 11)
Thomas Ross Johanssen – Wurlitzer-Klavier (1, 2, 3, 5, 10), Rhodes-E-Piano (8), Hammond-Orgel (3, 4, 6, 7, 8, 10, 11), Omnichord (10, 12), Orchesterglocken (9), Cowbell (10), Hintergrundgesang (10)
Teddy Andreadis – Hammond-Orgel (3), Wurlitzer-Klavier (3, 6)
Richard T Bear – Hammond-Orgel (9)
Jon Trout – Gitarre (10)
Jamie Hunting – Bassgitarre
Michael Leasure – Schlagzeug
Stevie Blacks – Streicherarrangements und Streicher (8)
Vera Armbruster – Pedalharfe (8)
Biscuit Brændgård – Vokalarrangements (12) & Hintergrundgesang (12)
Eric Corne – Keyboards (1), Shaker (7), akustische Gitarre (9), Hintergrundgesang (2, 5, 9, 10, 11, 12)
Wally Bass – Hintergrundgesang (10)
Besondere Gäste:
Beth Hart – Gesang (1)
Dee Snider – Gesang (7)
Will Wilde – Mundharmonika (4)
