džeZZva: Clearness
Eigenverlag
Erscheinungsdatum: 26. 11. 2022
Produktion: Dejan Berden & džeZZva
Albumlänge: 62.21 min
Genre: Jazz/Jazz Rock Fusion
Bewertung: 10/10
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Vier Jahre sind so etwas wie ein natürlicher Biorhythmus zwischen Studioalben – zumindest bei den slowenischen Jazz- und Jazz-Rock-Fusion-Königen džeZZva, die Ende letzten Novembers ihr drittes Studioalbum »Clearness« veröffentlichten. Aufgenommen wurde es bereits Mitte Juni desselben Jahres. Seit 2010 und mit den Alben »džeZZva« (2014, Rockline Rezension) und »Sintur« (2018, Rockline Rezension) haben sich džeZZva auf der slowenischen Jazzszene als ganz eigene musikalische Geschichte etabliert – eine, die ihren unverwechselbaren, originären und authentischen Sound konsequent weiterentwickelt und dabei ihren eigenständigen kreativen Ansatz sorgsam pflegt.
In der jüngsten Phase hat die Band auch einen Wechsel auf der Bassposition durchgemacht. Neu im Bunde ist Tadej Kampl, der bei džeZZva seinen Vorgänger Mojmir Wolf ablöst. Er ist ein Musiker mit beeindruckender Erfahrung auf dem internationalen Jazzparkett, der 2015 auch ein Soloalbum unter dem Titel »Life Is Good« veröffentlichte. Bereits der Opener Barber Bluzz – dem Namen nach ein jazzaufgelockerter Blueser à la džeZZva – macht klar, wie geschickt und mit federnder Verspieltheit džeZZva die Startbahn für den Abheben des Albums »Clearness« legen, und er lässt sofort aufhorchen: Da ist eine neue Energiekraft, eine neue Vibration ins Quartett eingezogen, die die chemische Wirkung der einzelnen Bausteine verändert hat. Kampls konstante, aktive Bassdynamik und seine expressive Bandbreite sind definitiv der Katalysator, mit dem džeZZva nicht nur neue kreative Sphären ihres eigenen Artismus erschlossen haben, sondern diesen auf »Clearness« in Sachen expressiver Reichweite auf ein neues Niveau perpetueller Evolution gehoben haben. Aus welchem Holz Kampl geschnitzt ist, zeigt sich schon früh auf dem Album bei Next Day Song, wo er sich in der Mitte des Stücks einen besonders bildstarken Improvisationsausflug gönnt. »Clearness« liefert damit eine neue, andere, in jeder Hinsicht adventive, erkundende, herausfordernde Erfahrung bildreicher Improvisations-‚Streiche‘. »Clearness« hat džeZZva Räume kreativen Schaffens aufgetan, die für die Band vielfach neu und unerprobt sind.
džeZZva sind eine Band, die in der Hörerfahrung ein klar wahrnehmbares motivisches Format etabliert – das heißt, egal wie viel solistische Akrobatik in die einzelnen Stücke eingebettet ist, džeZZva halten den Moment ansprechender Hörbarkeit beständig am Laufen. Das wird sowohl anspruchsvolle Musikgourmets als auch jene beschäftigen, die dem Jazz gemeinhin eher aus dem Weg gehen – Letztere wird es schaffen, bei der Stange zu halten und so zu fesseln, dass sie dem Album »Clearness« die eine oder andere Minute mehr schenken.
In früheren Rockline-Rezensionen dieser Band wurden reichlich Superlative über Art und Werk der Gruppe ausgesprochen. Zu Recht. Mit »Clearness« bleiben džeZZva nämlich genau dort, wo ein Jazzliebhaber sie am meisten haben will. Dort, wo wir es insgeheim erwartet – und auf eine Art sogar gefordert – haben. Im hundertprozentig freien Manövrieren, durch das mit hoher Intensität die Vibration reinster Spielfreude strahlt, das Hingeben an den Moment, an Gefühle und Instinkte, die den Schöpfer auf Felder bildreicher Transformation des Inspirationsmoments tragen – in eine einzigartige Sprache musikalischer Information. Das ist es. džeZZva! Und da das Gros der treibenden Kräfte ursprünglich um den außergewöhnlichen Keyboarder Dejan Berden kreist – was die Grundform der Kompositionen betrifft –, bewahren džeZZva genau dadurch das Unikat ihrer Eigenständigkeit, das stets aufs Neue vertieft und intensiviert wird durch die feine, sensible Weichheit der einfühlsamen Notenbetonung in Iztok Rodežs Gitarrenspiel. Dieses Gespann bleibt integral und ist das wesentliche Element für die Schöpfung jener artistischen Höhepunkte des gebotenen Ausdrucks, wie wir sie auch auf den beiden vorigen Studioalben der Gruppe erleben durften.
Die Band zieht einen schlicht in ihre eigentümliche Welt hinein – getragen von der Vibration der prekmurjanischen Ebenen –, und dabei entstehen Strukturen, die die Mystik der Region, aus der džeZZva stammen, zum Leben erwecken. Authentisch und mitreißend! Zugleich verleiht eben diese Eigenheit der Band eines ihrer wichtigsten Merkmale für ihren unverwechselbaren musikalischen Ausweis, für jene expressive Aufregung, mit der nun auch das Album »Clearness« aufgeladen ist. In dieser Hinsicht spricht es mit besonders aufwallendem Magnetismus und Charme gerade in den abschließenden achtzehn Minuten seiner musikalischen Substanz an, vertreten durch die Stücke Drops und Y Not. Der erste dieser intensivierten Momente, Drops, besitzt eine wunderschöne Stille und Sensitivität in der einleitenden Stimmungsgraduierung und rückt damit den ehrgeizigsten Punkt des Albums in den Fokus. Drops begeistert durch die Kollision jener zauberhaften Mystik, die džeZZva heraufzubeschwören verstehen – mit dem Schleier eines melancholischen Melos der übermurischen Ebenen –, und durch klar wahrnehmbare Formen, die die ganze Bildkraft des harmonischen Dialogs des Quartetts zusammenfassen, mit expressiven Kräften gleichmäßig verteilt auf alle vier Klangbausteine. Ein solcher Moment (und wir reden hier von Jazz) trägt einen wirklich fort, verzaubert, er wirkt in gewissem Maße sogar ‚zerebral‘ – er versetzt einen beim Hören in einen Zustand der ‚Versunkenheit‘. Das Ineinandergreifen der Bausteine ist außerordentlich zart und einfühlsam, während die Band mit großer Feinheit und Präzision Stück für Stück ein reiches Puzzle zusammensetzt. Drops ist damit die ambitionierteste und aufregendste Komposition des neuen Albums, wobei sich im abschließenden Y Not all diese Gefühle noch üppiger entfalten. Vielleicht durch das Gefühl einer leichteren ‚Auflockerung‘ innerhalb der Motive.
džeZZva lassen also nicht nach. Das Paket mit acht neuen Kompositionen, üppig beladen mit einem einzigartigen und feinsinnigen Drahtseilakt auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen motivischer Formgebung und improvisatorischer Auflockerung, liefert eine neue, außerordentlich attraktive und angenehme Hörerfahrung, die selbst anspruchsvollste Musikgourmets belohnen wird. Schlicht und einfach. Es handelt sich um ein Quartett aus vier außerordentlich ‚geschliffenen musikalischen Talenten‘, die sich perfekt gegenseitig wahrnehmen – was auch auf dem neuen Album »Clearness« nicht aufhört zu begeistern.
»Clearness« liefert dabei nicht nur einen Einblick in den außergewöhnlichen kreativen Fokus des Quartetts, sondern bestätigt auch die vollständige Unbeschwertheit, mit der sie sich Inspiration und Instinkt hingeben. In Kombination mit der außergewöhnlichen technischen Versiertheit jedes einzelnen Quartettspielers ist das der Schlüssel zu all den artistischen Besonderheiten, die das Wesen der Musik von džeZZva ausmachen. Auch in dieser Hinsicht ist »Clearness« bis dato das reifste Werk der Band. Es ist ein besonderer Kumulus des kreativen Moments der Gruppe, nach dem Vorbild von ‚empfangen – umformen – weitergeben‘. Jetzt! Authentischer geht es nicht, und so bleiben džeZZva auch mit dem Album »Clearness« einer der heißesten Punkte des zeitgenössischen slowenischen Jazzgeschehens und in dieser Hinsicht ein immer heller leuchtender Stern, der auf der aktuellen Jazz- und Jazz-Rock-Fusion-Szene zunehmend die integrale Rolle einer Fokalkraft übernimmt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Barber Bluzz
2. Next Day Song
3. Landing
4. Corner
5. So Easy
6. Gummy
7. Drops
8. Y Not
Besetzung:
Dejan Berden – Klavier, Keyboards
Iztok Rodež – Gitarre
Tadej Kampl – Bassgitarre, Kontrabass
Miran Celec – Schlagzeug, Perkussion
