Yes: Mirror To The Sky
Label: InsideOut / Sony Music
Veröffentlichungsdatum: 19. 5. 2023
Produktion: Steve Howe
Albumlänge: 63.35 min
Genre: Progressive Rock
Wertung: 7.0/10
Über die Frage, wie viel Credibility Bands noch haben, wenn kein einziges Originalmitglied mehr dabei ist, ist schon viel Tinte geflossen — und diese Debatte wird wohl nie ein Ende finden. Die zähen englischen Progger Yes haben nach dem Tod des letzten Originalmitglieds Chris Squire weitergemacht, neue Musik aufgenommen und Konzerte gespielt, was angeblich der letzte Wunsch des legendären Bassisten war.
Als neuer Bandchef etablierte sich nach Squires Tod der langjährige Gitarrist Steve Howe, der neben der musikalischen Ausrichtung auch die Produktion übernahm. Nach dem ebenfalls viel zu frühen Tod des langjährigen Schlagzeugers Alan White im Jahr 2022, der seit 1972 trotz zahlreicher Besetzungswechsel das einzige konstante Mitglied war, verloren Yes noch eine gehörige Portion Glaubwürdigkeit und mutierten mehr oder weniger zu Howes Begleitband. Auf Whites Platz kam vor den Aufnahmen zum neuen Album dessen Freund Jay Schellen, der in der Vergangenheit für Asia, Circa, World Trade, Hurricane und Unruly Child getrommelt hat — sein musikalisches Spektrum reicht also von Prog Rock und AOR bis hin zu Hard Rock und Heavy Metal.
Nach dem für Yes-Verhältnisse eher durchschnittlichen „The Quest“ (2021, Rockline Rezension) — was allerdings für alle ihre Alben seit dem letzten Abgang von Originalsänger Jon Anderson gilt — gingen die legendären Progger erneut ins Studio und nahmen ein neues Werk namens „Mirror to the Sky“ auf, das White gewidmet ist und in vielerlei Hinsicht dort weitermacht, wo sein Vorgänger aufgehört hatte. Auch dieses Album ist, ähnlich wie „The Quest“, eine Art Mischmasch aus guten und schlechten Ideen sowie dem ein oder anderen positiven Überraschungsmoment. Die kompositorischen Ergebnisse unter der oft diktatorisch gestimmten Regie von Howe und seinem ‚Liebling‘ am Hauptmikrofon Jon Davison, den es häufig in akustische und beinahe poppige Gefilde zieht, reichen entsprechend von lobenswert bis unterdurchschnittlich.
Unverständlich ist vor allem die Rolle von Langzeit-Keyboarder Geoff Downes, der auf „Mirror to the Sky“ häufig schlicht unsichtbar bzw. unhörbar bleibt. Wie viel davon auf Howes traditionell unstillbaren Ego zurückzuführen ist, bleibt fraglich — jedenfalls treten die Keyboards in der Produktion meistens in den Hintergrund, während die oft generischen Orchesterarrangements nur selten überzeugen. Immerhin hat Downes aufgehört, seinen berühmten Vorgänger Rick Wakeman zu imitieren, was ihm ohnehin keinen Gefallen getan hatte. Howes gitarristischer Ansatz im Herbst seines Lebens bleibt konservativ starr und vorhersehbar, was auf eine gewisse Weise sogar gut ist: Neben Davisons traditionell ‚engelshafter‘ Stimmfarbe ist es der einzige Grund, weshalb die heutigen Yes überhaupt noch nach Yes klingen. Davisons Texte fallen leider nach wie vor oft ‚käsig‘ aus und wirken wie ein erzwungener Versuch, höhere innere Spiritualität zu demonstrieren und Metaphysik zu entdecken — was unter Andersons Regie weitaus überzeugender funktionierte.
Der Opener „Cut From the Stars“, der angeblich von Davisons Besuch im amerikanischen Nationalpark Joshua Tree inspiriert wurde und auch als Single erschien, ist eine ziemlich generische Angelegenheit und fällt in die Kategorie ‚mittelmäßig‘, wenn nicht gar vergessen — irgendwie im Stil der meisten Tracks von den letzten beiden Studioalben. Besser macht sich „All Connected“, das zumindest etwas eklektischer geraten ist und solide Gesangsharmonien zwischen Davison und Bassist Billy Sherwood aufweist, auch wenn die Keyboards wieder kaum hörbar sind und Howes Gitarrendominanz erneut zum Himmel schreit.
Für das durchschnittliche „Luminosity“ musste die Band das zentrale Arrangement komplett neu erarbeiten, weil Howe, der hier Autoharp spielt, mit der ursprünglichen Version nicht einverstanden war. Es hat nichts geholfen: Der zentrale, vokalgeführte Teil wirkt ziemlich langweilig, während die Komposition vor dem totalen Absturz vor allem der abschließende instrumentale Teil mit Howes Zither rettet — allerdings ein ähnlicher, alter Trick, den der Gitarrenmeister auf vergleichbare Weise, jedoch mit Pedal Steel, auf dem „Relayer“-Klassiker (1974) „To Be Over“ schon eingesetzt hat. Das zentrale Arrangement von „Living Out Their Dream“ klingt, als wäre es für Asia geschrieben worden, was kaum überrascht, da Downes an dieser schnell vergesslichen Nummer beteiligt war — mit Keyboards, die wieder fast vollständig im Nichts verschwinden. Bis zur Titelkomposition „Mirror to the Sky“ haben langjährige Yes-Fans also wenig Anlass zur Freude am neuen Album.
Das titelgebende, knapp 14-minütige Epos ist einer der seltenen Momente auf „Mirror to the Sky“, in dem Yes tatsächlich eine richtig gute Komposition gelingt: gefällige Arrangements, intelligente Tempowechsel, interessante Instrumentalpassagen — beinahe auf dem Niveau der ‚guten alten Zeiten‘ — und Downes‘ Keyboards, die endlich ein bisschen aufwachen. Howes Gitarrenpassagen sind es wieder, die das gesamte Stück lenken, vor allem in den Instrumentalabschnitten, doch diesmal gelingen auch die Gesangsharmonien ausgesprochen gut. Hier ist kein Platz für langweilige Momente, und die Band klingt, als hätte sie kurzzeitig den Jungbrunnen gefunden. Auch der zentrale Orchesterabschnitt kommt gut weg — eine weitere angenehme Überraschung. Das Endergebnis ist vielleicht sogar die beste Komposition der Davison-Ära von Yes und einer der seltenen Momente, bei dem Squire und White stolz auf ihre musikalischen Mitstreiter sein könnten, wenn sie ins Reich der Lebenden zurückkehren könnten.
„Circles of Time“ ist eine typische akustische Ballade Davisons — sprich: sie hinterlässt keinen tieferen Eindruck. Ironischerweise sind Davison und Howe sowohl für die besten als auch für die schwächsten Momente auf „Mirror to the Sky“ verantwortlich. Ein Mittelweg scheint für die beiden keine Option zu sein, und sie pendeln oft zwischen den Extremen hin und her. „Unknown Place“ gehört zu den Highlights des Albums und ist einer der raren Momente, in dem die Band sogar ein gewisses Maß an Innovationsgeist beweist — was auch für die stellenweise leicht eigenwilligen Gesangsharmonien gilt. Das ist von Anfang bis Ende eine strikt gitarrengetriebene Nummer, der nicht einmal das Gesangsduett zwischen Davison und dem gewohnt ‚gebrummten‘ Howe schadet. Mit lebendigen Hammondpassagen meldet sich auch Downes zu Wort und trägt dazu bei, dass das Ganze tatsächlich nach einer Leistung der gesamten Band klingt. Sherwoods Basslinien erinnern häufig an die Technik seines verstorbenen ‚Lehrers‘ Squire, während Schellen beweist, dass er in der Rolle von Whites Nachfolger gut aufgehoben ist.
Leider zählen beide abschließenden Stücke, die Howe verfasst hat — „One Second Is Enough“ und „Magic Potion“ — für Yes-Verhältnisse zum (Unter-)Durchschnitt, als wäre ihnen am Ende wieder die Inspiration ausgegangen. „One Second Is Enough“ erinnert an einen ‚vergessenen‘ Abschnitt der Suite „Fly From Here“ vom gleichnamigen Album — sprich: ein Sammelsurium von hastig zusammengewürfelten Ideen ohne Hand und Fuß. „Magic Potion“ könnte ohne Davisons Gesang problemlos eine Howe-Solokomposition sein, so vollständig ist es von seiner einst frischen und innovativen, im Jahr 2023 aber längst erstarrten ‚Appalachian‘-Gitarrentechnik durchdrungen. Ohne diesen instrumentalen Beitrag des konservativen Gitarrenmeisters würde „Magic Potion“ wie generischer Pop Rock oder bestenfalls Art Pop klingen. Auf Howes Soloalben wären beide abschließenden Stücke noch passabel, aber als Yes-Kompositionen können sie dieser legendären Band schlicht nicht zur Ehre gereichen.
„Mirror to the Sky“ ist, im Guten wie im Schlechten, eine Art logische Fortsetzung seines Vorgängers „The Quest“ — sprich: ein weiteres Album von durchschnittlicher Qualität, das die Anhänger der kultigen englischen Progger spalten wird. Wer mit Howes in den letzten zwei Jahrzehnten oft starren gitarristischen ‚Selbstbefriedigungen‘ nichts anfangen kann, sollte das neue Album gleich abhaken. „Mirror to the Sky“ mit den besten Yes-Werken der Siebziger zu vergleichen wäre geradezu brutal, denn es spielt mindestens zwei Klassen darunter. Das ist ein weiteres Yes-Album, das nur für die treuesten Fans Pflicht ist — vor allem für all jene, die weniger bekannte Yes-Alben wie „Union“ (1991) und „Open Your Eyes“ (1997) nicht zu den Nieten zählen und von dem, was nach Andersons Abgang erschienen ist, nicht enttäuscht wurden. Allen anderen sei empfohlen, nur die Titelkomposition und „Unknown Place“ anzuhören — und sich zu überzeugen, dass im ansonsten ergrauten und schon ziemlich ‚zerfetzten‘ Körper von Yes, den die letzten ‚Geburtszellen‘ längst verlassen haben, noch ein kleiner Rest Lebenswille geblieben ist.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. Cut from the Stars (5:25)
2. All Connected (9:02)
3. Luminosity (9:04)
4. Living Out Their Dream (4:45)
5. Mirror to the Sky (13:53)
6. Circles of Time (4:49)
Bonustracks (Bonus-CD – limitierte Edition):
1. Unknown Place (8:15)
2. One Second is Enough (4:04)
3. Magic Potion (4:08)
Besetzung:
Jon Davison – Gesang
Steve Howe – E-Gitarre (Fender Stratocaster durch analoge Pedale)
Geoff Downes – Hammond
Billy Sherwood – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Jay Schellen – Schlagzeug, Percussion
Gastmusiker bei der Single Cut from the Stars:
FAME’s Studio Orchestra (Intro, Abschnitt zwischen 3.02 min und 3.15 min) unter der Leitung von Dirigent Oleg Kondratenko
