Naked : Yes
Label: Narrator Records
Erscheinungsjahr: 2018
Produktion: Voja Aralica
Albumlänge: 61.24
Genre: Ethno / Jazz
Naked sind eine Belgrader All-Instrumental-Crossover-Band – eigentlich ein Ensemble, das in seiner musikalischen Visionskraft eine Menge interessanter Genre-Impulse zusammenführt. Diese gravitieren hin zu einem einzigartigen musikalischen Ausdruck und nicht zuletzt zu dem Sound, der das Bild der Band definiert. Die Band ist erfahren – sie ist seit 2008 aktiv, und »Yes« ist ihr insgesamt drittes Album. Bis zu seiner Veröffentlichung hat sich die Band ausdrucksmäßig noch weiter verfeinert und so, auch mit einer Veränderung in der Besetzung, ihre kompositorische und arrangeurische Eigenständigkeit klar untermauert.
Es braucht kaum betont zu werden, dass das Album ein Konglomerat echter musikalischer »Balkanographie« ist, wo sich Elemente des Ethno und der Weltmusik verflechten, wo es von Umschwüngen in der »holperigen« Rhythmik 7/9, 8/9 usw. wimmelt – bis hin zum Jazz-Swing –, und wo eines der grundlegenden Ausdruckselemente der Gruppe dem malerischen Einsatz der Geige gewidmet ist, die geschickt hochansteckende musikalische Elemente der Klassik mit den authentischen Prinzipien des Roma-Melos verwebt.
Ein so freigeistiges Album, das nach echtem Ausdrucksschwung sucht, findest du nicht leicht – und schon gar nicht, wenn du dazu noch den völlig einzigartigen Charakter bzw. die kühne Note der Eklektik hinzurechnest. Die Ethno-Note ist klar – die Band ahmt mit der vielseitigen Integration der Geige sogar den Klang traditioneller Volksmusikinstrumente nach. So ein Stück ist zum Beispiel das dritte, Čaršija. In dieser Hinsicht kann die Geige auf dem Album unter anderem auch die Gitarre ersetzen. Eine Gitarre braucht die Band in ihrer Besetzung überhaupt nicht, und man vermisst sie keine Sekunde. Im Kontrast dazu und als atmosphärisch wichtiges Gegengewicht liegt in den Songs ein durchgehend unglaublich aktiver und eindringlicher Bass, der sich punktuell äußerst geschickt entfaltet und mit dem Witz einer eingebetteten Melodie den verfügbaren Raum in den Songs füllt (z.B. die Intro von Kuča od blata). Saxophon, Klarinette und Geige phrasieren durch einprägsame Melodien, stets in prägnanten Harmonien und einem vorzüglichen kommunikativen Geflecht, wo sich die Bläserlinie und die Geigenlinie je auf ihre Seite trennen können, um sich dann plötzlich wieder in der Eintracht der Harmonien zu vereinen. Cizmarsh ist ein unglaubliches musikalisches Gemisch und hebt hervor und zeigt, was für ein starkes Kollektiv Naked sind. Ausdrucksstark!
Ein solcher musikalischer Charakter öffnet der Gruppe auch für Auftritte in Slowenien stets die Türen weit – denn du kannst sie problemlos in das Profil von Festivals wie Okarina oder Druga Godba einordnen, genauso wie in jene, die besonders mit programmatischer »Exotik« zu überraschen wissen (Jazz Cerkno, Sajeta). Naked sind eklektisch, gleichzeitig aber entwickeln sich die Stücke auf dem Album »Yes«, dank der freigeistigen Jazz-Logik, die die Band übernommen und verinnerlicht hat, im Glanz der Spontaneität und unerwarteter Wendungen. Gleichzeitig ist es beeindruckend, wie Naked eine außerordentliche Hörbarkeit und musikalische Zugänglichkeit wahren.
Der Witz an alldem ist aber der, dass Naked auf dem Album »Yes«, bei all der witzigen rhythmischen und musikalischen Eindringlichkeit ihres eigenen »Crossover-Experiments«, immer noch ein unglaublich zugängliches und hörbares Gespann sind. Bei all dem spielfreudigen Treiben, voll von mitreißenden Jams und Tricks des Verschmelzens musikalischer Ideen. Bei all dem muss besonders das südländische Rhythmusgefühl hervorgehoben werden. Naked tragen den Rhythmus nämlich im Blut. Das ist jener Rhythmus, der schon von sich aus, sogar ohne Melodie, ein kraftvolles und klares Temperament und Emotionen hervorlockt – was dich beim Hören aufrichtet, dich zum automatischen Wiegen auffordert … Kurzum: Es ist schwer, stillzustehen, wenn man das Album »Yes« hört.
Naked ist eine Band, die man unbedingt live auf Konzerten sehen muss. Das Album »Yes« ist ein Werk, das den Hörer stets mit einer Fülle von Energie erfüllt, vielfältige Gefühle und Emotionen in ihm weckt – ein Album also, das den Hörer emotional bewegt. Wirklich bewegt. Trotz all der Verspieltheit dieses außerordentlich luziden und ungebändigten Spiels, das dieses außergewöhnliche Quartett zu bieten hat, enthüllt dieses Werk auf der anderen Seite jenen bitteren, verinnerlichten Charakter des Schmerzes und der Melancholie, der sich seit Jahrhunderten über die Balkanhalbinsel spannt. Der Schmerz ist da. Er liegt wie auf der Hand, zieht sich wie ein Dorn ins Herz und reißt daran. Dem kann man nicht entkommen. Nein. Das ist nicht nur Symbolik – das ist eine Wirklichkeit, die dieses vorzügliche Album so authentisch und aufrichtig übersetzt, mit allem was dazugehört. Wie man es auch wendet: Wir Slowenen sind traditionell durchdrungen von den energetischen Schwingungen südlich der Kolpa. Diese Welt spüren wir schnell, nehmen sie wahr, und sie ist uns nah. Sie war uns immer nah. Und wenn du dem Album »Yes« lauschst, trägt es dich makellos weit, weit nach unten – ins Herz des Balkans und noch weiter südlich. »Yes« ist ein unglaubliches Ethno-Jazz-Werk, das dich packen und verzaubern wird, und Naked sind eine Band, der in Sachen Eklektik des herausfordernd kühnen Charakters musikalischer Kunstexpression kaum jemand nahekommt.
„Dave Bruebeck, wer?!?! Ha, ha.“
Autor: Aleš Podbrežnik
Bewertung: 9.5 / 10
Trackliste:
1. Panonian Sea
2. Osvetli Mi Pute
3. Čaršija
4. Kuća Od Blata
5. Dodje Mi Da Odem
6. Čizmarsh
7. Biće Dobro
9. Merken
10. Udjite Slobodno
11. Liberta‘
12. Crossroads
13. The Mask
14. Crossroads (Radio Edit)
Besetzung:
Branislav Radojković – Bassgitarre
Goran Milosević – Schlagzeug, Percussion
Rastko Uzunović – Saxophon, Klarinette
Djordje Mijusković – Violine
GASTMUSIKERIN
Tal Tula Ben Ari – Gesang auf den Stücken 11, 12 und 13