H.E.A.T.: Force Majeure
Label: earMUSIC
Erscheinungsdatum: 5. 8. 2022
Produktion: Jona Tee, Dave Dalone & Kenny Leckremo
Albumlänge: 41.56 min
Genre: Glam Metal (revival) / Melodic Metal
Bewertung: 10/10
H.E.A.T. gelten als Inbegriff des Perfektionismus, wenn es darum geht, die Glam-Metal- und AOR-Errungenschaften der goldenen Ära der zweiten Hälfte der Achtziger (perfekt) aufzuwärmen und diese in eine neue, ‚modernisierte‘ Form zu überführen – eine Form, die in den letzten zwei Jahrzehnten, neben H.E.A.T., eine ganze Schar ähnlich brillanter skandinavischer ‚Melodic-Metal‘-Epigonen hervorgebracht hat (um nur W.E.T und Eclipse zu nennen).
Viele waren betrübt, als die Band den Abgang von Erik Grönwall bekanntgab. Der Mann hat sich Skid Row angeschlossen. Wer aus Grönwalls Generation hätte ein solches Angebot abgelehnt? Das war für die Fans der erste ‚Alarmhinweis‘. Der zweite, der das durchaus zufriedenstellende Klima innerhalb des H.E.A.T.-Lagers hätte trüben können, folgte kurz darauf. Die Band kündigte die Rückkehr des Originalsängers Kenny Leckremo an. Auf den ersten beiden Alben, die H.E.A.T. mit Leckremo am Mikro veröffentlicht hatten, klangen sie anders als auf den letzten vier mit Grönwall. Würde das neue Album also eine Verschiebung in weichere, musikalisch ‚giftig‘ eingängige Gewässer mit mehr AOR-Elementen bringen, oder würde die Band die gewaltig verzerrte Kantigkeit des Vorgängers »II« ins neue Album retten? Zieht man zu dieser Abwägung noch das Abenteuer hinzu, das das ‚milde‘ Experimentieren auf dem Album »Into The Great Unknown« (2017) mit sich brachte – was die Fans der Band ziemlich verwirrte (auch wenn es sich in jeder Hinsicht um ein herausragendes Werk handelt, das die künstlerische Reife bestätigt) –, muss man zu dem Schluss kommen, dass das neue Album eine Art Kombination aus dem Vorgänger »II« (2020) und den Alben der ‚Grönwall-Ära‘ »Adress The Nation« (2012) sowie »Tearing Down The Walls« (2014) ist.
Genug der Worte. Die Fans können aufatmen. Und mehr als das. »Force Majeure« ist, wie der Name schon sagt, ein gewaltiges Werk. Nennen wir es einfach ‚Album »II« mit Leckremo am Mikro‘, oder »H.E.A.T. 3« (wie man es auch dreht). Der Titel rechtfertigt in jeder Hinsicht seinen Inhalt. Die Band fand in den ‚Corona-Lockdown-Zeiten‘ reichlich Zeit und Freiheit auf der Suche nach kreativem Inspirationsquell – und das spiegelt sich in jedem der elf makellos ausgearbeiteten Songs wider. Die neuen H.E.A.T. sind mit der Rückkehr von Leckremo eigentlich wieder die alten geworden (die aktuelle Besetzung ist de facto die Gründungsbesetzung). Und Leckremo? Wo hat der Typ die letzte Dekade gesteckt? Die vokale Stärke seiner Performance ist ungetrübt, wenn man sie mit dem vergleicht, was er auf den ersten beiden Alben abgeliefert hat. Er singt explosiv, mit gewaltiger Leidenschaft und Emotion. In jedem Moment ist sein Gesang autoritär, mitreißend, mit unglaublichem musikalischen Geschick eingesetzt. Gerade wenn es um die brillant ausgeführte Metrik der Verse geht, wirken H.E.A.T. wie Skandinavier, die ‚perfekt Englisch‘ sprechen. Haben sie das je nicht?
»Force Majeure« ist also jenes neue (und insgesamt bereits siebte) H.E.A.T.-Album, das die Dinge im Hause wieder an den richtigen Platz gerückt hat. Wieder ist klar, wer der Hauptakteur in diesem neuzeitlichen ‚Scandi-Revival‘-Theater ist. Song für Song verkörpert den Begriff der Perfektion. H.E.A.T. reiten damit nicht nur wieder fest in den Zügeln ihrer unverwechselbaren musikalischen Rechtgläubigkeit, sondern das Album platzt geradezu vor hochoktanigem Verbrennen ultrasonischer Eingängigkeit und packender Schlagkraft. Dabei ist die außerordentliche Optimierung der Entwicklung der Bombastik – beziehungsweise des Pomps, der diese Band seit jeher begleitet – besonders hervorzuheben; diesmal wirkt sie noch intensiver und makelloser. Dazu trägt auch die enorm reizvolle ideelle Beweglichkeit der Arrangements der einzelnen Kompositionen bei, die der Band stets ein gewinnendes Blatt mit Pokerassen beschert – sei es in den Momenten des Albums, die im Tempo eines detonierenden Mid-Tempo-Marsches daherkommen, in den ruhigeren Parts oder in der kickenden Adrenalinhatz. Nichts entkommt ihm. »Force Majeure« ist ein Album, dem man, wenn man das Niveau der Optimierung abwägt, kaum noch etwas hinzufügen kann. H.E.A.T. haben damit außerordentliche künstlerische Reife, Kühnheit und Unantastbarkeit bewiesen, die schlicht und einfach ‚verblüffend elegant‘ ist. ‚Zurück im Rhythmus!‘ Möge es so bleiben!
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Back To The Rythm
2. Nationwide
3. Tainted Blood
4. Hollywood
5. Harder To Breathe
6. Not For Sale
7. One Of Us
8. Hold Your Fire
9. Paramount
10. Demon Eyes
11. Wings Of An Aeroplane
Besetzung:
Kenny Leckremo – Gesang
Dave Dalone – Gitarre
Jona Tee – Keyboards
Jimmy Jay – Bass
Don Crash – Schlagzeug
